“Der Rassismus gegen Muslime setzt auf eine kulturelle Hierarchie.”

Dem Hinweis Thomas Bauers auf Facebook folgend, bin ich auf den taz-Artikel “Die neuen Kreuzritter”, verfasst von dem, seit Jahren in Berlin wohnenden,  amerikanischen Publizisten Paul Hockenos gestoßen. Er wiederholt die These, dass Anders Breivik eben kein Einzeltäter sei, sondern Teil einer immer stärker gewordenen Szene von abendländischen Kulturkämpfern, die sich auf Demokratie, Toleranz und Menschenrechte nur deshalb positiv beziehen, weil so offenbar besonders herausgestellt werden kann, dass Muslime nicht dazu gehören:

Breivik ist kein norwegischer Sonderfall, sondern Symptom einer sich ausbreitenden Kultur der politisch motivierten Gewalt. Muslime werden beleidigt, angegriffen und getötet, ihre Moscheen und Friedhöfe werden mit Graffiti beschmiert beziehungsweise verwüstet, manchmal gehen auch Bomben hoch. Bislang reagieren die Polizei und andere Sicherheitsbehörden allzu lax auf die Bedrohung durch die (christliche) Rechtsextremen, insbesondere auf die radikalsten, islambesessenen Strömungen.

Die Quelle der Diskriminierung indessen, die hasserfüllte Rede (Hatespeech), und die wachsende Gewalt gegen europäische Muslime und Gemeinden findet aber nicht irgendwo weit weg statt, sondern direkt bei uns um die Ecke: Islamophobie hat eine akzeptierte Präsenz im Mainstream gewonnen, von Skandinavien über Osteuropa bis hin zum Mittelmeer.

Interessant, wie Hockenos deutlich macht, wie der um sich greifende antimuslimische Rassismus funktioniert:

Der Rassismus gegen Muslime setzt auf eine kulturelle Hierarchie. Menschen werden nicht aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder einer Behinderung diskriminiert, sondern ihre Kulturzugehörigkeit ist das unüberwindliche Handicap. Damit wird unterstellt, dass Kulturen starr sind und „rein“: Die westliche Zivilisation steht ganz oben, der rückwärtsgerichtete Islam ist ihr Erzfeind.

Muslime sind nicht biologisch unterlegen, so wird argumentiert, aber kulturell seien sie eben inkompatibel. Die Behauptung von einem Zusammenprall der Kulturen funktioniert genauso, wie Rassismus funktioniert, und nutzt allen, die sie seit Langem darum bemüht sind, die Immigration einzudämmen oder ganz zu verbieten, die Türkei aus Europa fernzuhalten oder ein weißes christliches Europa zu sichern. Anders aber als beim offenen Rassismus gibt es keine politisch korrekte Tabuisierung der Islamophobie – noch.

Wie aber soll eine solche Tabuisierung funktionieren? Indem sich die Verfechter des jüdisch-christlichen Abendlandes (oder war es Dialogs?) selbst als Sprecher einer ganzen “Zivilisation” begreifen, solange die Öffentlichkeit auf Grundlage von Aussagen über Massen informiert wird, solange sich Sender und Empfänger von Schaumbegriffen wie Identität und eben Zivilisation blenden lassen, solange unterstellt wird, alles Andere sei zu kompliziert – und schließlich: So lange Meinungsbildende punkten können, indem sie immer und immer wieder die alte Schablonse “Wir sind die Guten, die Anderen nicht unbedingt” zur Anwendung bringen, wird eine solche Tabuisierung nicht stattfinden.

Hockenos nennt einige Islamophobie-Gewinnler beim Namen:

Parteien wie die Lega Nord, Front National, die Rechten in Lettland und Slowenien und auch die Schweizer SVP oder das österreichische BZÖ, sie alle schlagen zwar einen milderen Ton an als Breivik, und sie rufen auch nicht zum Mord auf, in Sachen Hass aber auf die Muslime teilen sie wie Thilo Sarrazin die Ansicht, dass Muslime Fremdkörper in der Europa seien und der europäischen Kultur schadeten.

Sie alle sitzen mit Breivik in einem Boot. Man hätte noch weitere Beispiele nennen können. Es geht beim Thema Islamophobie um Gruppenzuschreibungen und das Aufzwingen von Schablonen. Wer von Identität schwätzt, dem ist nicht wohl bei dem Gedanken, im Anderen einen Mitmenschen zu sehen.Hauptsache, man ist auf der richtigen Seite.

Solange das funktioniert, muss sich auch der republikanische Congressman Joe Pitts nicht in Sack und Asche hüllen. Erst kürzlich prognostizierte der Politiker aus Pennsylvania Fortschritte im Nahostfriedensprozess:

With the global war against terrorism, it is now incumbent on Prime Minister Ariel Sharon and Palestinian Authority (PA) Chairman Yasir Arafat to clamp down on Palestinian extremists that have perpetuated violence and to restart a peace process that has collapsed.

[Hervorhebungen von mir]

Egal, der Mann hat an den richtigen Stellen dem richtigen Mann Beifall gespendet – als Netanyahu zum amerikanischen Kongress sprach. Wo wir schon beim Thema Israel sind – es geht ja nicht allein um Islamfeindschaft, sondern um die Etablierung von Hass gegenüber Menschengruppen, die man selbst (“gut”, Mainstream) als nicht zugehörig ansehen. Mit einem Erlebnis des israelischen Bloggers Yossi Gurvitz (via Dimi Reider) komme ich zum Abschluss:

“The first argument of the morning was with a racist at the AMPM minimarket, who asked the cashier why they were letting animals into the store and pointed, laughing, at two migrant workers. After overcoming slight shock and after asking the cashier what did he say (she just grinned nervously), I turned to him and said it’s not funny and that he should be ashamed. He asked me, “What, you consider them human beings?” and I said, yeah, just like Jews 70 years ago.”
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