Das Klassentreffen meines Vaters und das Ende der Kibbutzromantik


Habe gerade meinen Vater von einem Klassentreffen abgeholt. Er zeigte sich sehr enttäuscht darüber, was für Schwätzer und Wichtigtuer seine ehemaligen Klassenkameraden geworden seien. Er wirkte regelrecht verletzt darüber, dass die Selbstbeweihräucherungen bei einigen anscheinend kein Ende nehmen wollten.
Offensichtlich war die Wahrnehmung seiner eigenen Geschichte/Biographie in Konflikt geraten mit der Realität.
Während wir im Auto saßen und uns unterhielte, kam es mir vor, als wollte mein Vater mir, sich selbst und der Geschichte gegenüber unbedingt mitteilen: Bei mir gibt es keine Schwätzer, Wichtigtuer oder neureiche Kleinbürger, die mit nichts außer ihrem Jahresurlaub prahlen können, akzeptiere ich nicht. Ich habe nicht nötig, ein Wichtigtuer zu sein, und die Mitschüler meiner eigenen Geschichte haben das auch nicht.
Nun ist es müßig, darauf hinzuweisen, dass die Geschichte der Menschheit bis ins kleinste Detail nun einmal eben von Menschen gemacht wurde und wird. Heute ist mein Vater Menschen begegnet – jenen Menschen, zu denen seine beinahe zum reinen Mythos gewordenen Klassenkameraden im Laufe vieler Jahre geworden sind. Geschichte und Wahrnehmung von Geschichte – Historie und Narrative, wie schwer es ist, das im gelebten Leben zu unterscheiden!
Ich denke, es ist die Begegnung mit Menschen, die sich allzuoft zerstörerisch auswirkt auf eigene Ideologien.
Das darf übrigens jeder erfahren, der, wie ich, voller Israelbegeisterung in das Land seiner Träume reiste – in meinem Fall war es zum ersten Mal 1996 -, um Zeit in einem Kibbutz zu verbringen. (Wenn ich sage: „Das darf jeder erfahren…“, bin ich mir dessen bewusst, dass sich nicht jeder und jede dieser Erfahrung öffnen kann, will und wird…)
Ich war als Teil einer Jugendgruppe in einem Kibbutz in Bet Shemesh, und anstatt Orangen zu ernten und direkten demokratisch-egalitären Sozialismus von unten zu leben, war es uns vergönnt, auf Kinderspielplätzen Sandkästen von Hundekot zu reinigen.
Wir lernten einige nette Palästinenser aus Hebron kennen, die zwar nicht Teil des Kibbutz waren – wie auch -, aber dort als Arbeitskräfte ihr Auskommen erzielten – wer weiss. wo die heute zu finden sind, jedenfalls nicht in Bet Shemesh.
Leider hatte ich damals nicht den Mut, wie einige Mitglieder meiner Gruppe, diesen Arbeitern einenHausbesuch in der Westbank abzustatten.
Vielleicht hatte ich genug damit zu tun, das Ende meiner romantischen Liaison mit der israelischen Kibbutzbewegung zu bewältigen. Die Konfrontation mit echter Hundescheiße und die Begegnung mit gar nicht einmal unfreundlichen, eher gestressten, wenn nicht gar menschlichen Kibbutzniks – all das sorgte für einen ersten Riss in meinem damaligen Israelbild. Romantik kann so unmenschlich sein.

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