„Solidarität mit Israel“ – was heisst das eigentlich?


Solidarität? Allein das Wort schon! Hat sowas Franz-Josef-Degenhardt-artiges. Im Zusammenhang mit Israel/Palästina wird dieser Begriff aus der Agitprop-Mottenkiste immer noch gern verwendet. Dabei ist gar nicht klar, was damit gemeint ist. Wenn von „Solidarität mit Israel“ die Rede ist, weiss man nur: Gemeint ist Solidarität mit dem als moderner Nationalstaat gegründeten Israel. Aber viel schlauer ist man dann immer noch nicht. „Womit solidarisiert man sich (…), wenn man seine Israel-Solidarität deklariert?“, fragt der großartige Moshe Zuckermann in dem Aphorisma-Bändchen Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus, dessen Text den Abdruck einer Rede des israelischen Soziologen auf einer Tagung der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft 2006 darstellt. Tja, womit?

„Mit der Siedlerbewegung oder mit denen in Israel, die gegen sie ankämpfen? Mit den orthodoxen Juden oder mit den säkularen Juden? Mit der Kibbuzbewegung oder mit dem wütenden israelischen Kapitalismus? Mit den Russen, die ihre eigene Vorstellung von Integration haben, und sich kulturell teilweise von der Restbevölkerung absetzen? Mit den eingewanderten äthiopischen Juden, deren soziale, ökonomische und kulturelle Integration in die israelische Gesellschaft alles andere als gelungen angesehen werden kann? Mit den Underttausenden von Gastarbeitern, die in Israel teilweise ein Leben fristen, das von Gastlichkeit nichts ahnen lässt? Oder solidarisiert man sich vielleicht mit den israelischen Arabern? Womit solidarisiert man sich, wenn man sich – voller Pathos – mit Israel identifiziert?“

Als ich heute einen vom Freitag übersetzten Guardian-Artikel zu lesen bekam, in welchem es um Verbrechen der IDF im Zuge der „Operation Gegossenes Blei“ an der Bevölkerung von Gaza geht, wurde meine eigene Israel-Solidarität angefacht. Doch! Wirklich!
Mir war zum Kotzen zumute.
Jeder soll mit seinen Befindlichkeiten so umgehen, wie sie oder er das will. Für mich bedeutet Solidarität nicht ein beziehungsloses Nachbeten irgendeiner Propaganda. Als an seiner Kirche zuweilen verzweifelnder Katholik habe ich gelernt: Verbundenheit speist sich auch aus Schmerz über den schlechten Zustand dessen, mit dem man solidarisch ist.
Meine Solidarität mit Israel ist eine, die aus Wut, Schmerz und Trauer besteht ob des miserablen inneren Zustands einer immer militaristischer, chauvinistischer und rassistischer gewordenen Gesellschaft bzw. aufgrund einer Aussenpolitik, die man nicht anders als gefährlich bezeichnen kann. Ich bin – als Außenstehender, der das Land einige Male bereist hat und ein paar Bücher zum Thema gelesen hat – einfach nur traurig über das, was der Staat Israel heute für viele Menschen bedeutet – und ich bin traurig über den Zustand einer Israel-Solidarität, die so hilflos geworden ist, dass sie sich anscheinend nur noch auf staatstragende Deklarationen bzw. auf die Gewaltbereitschaft einiger Jung-Likudniks, die sich für Adorno halten, verlassen mag. Was wohl passierte, wenn ich Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft würde und mich für die israelischen Araber stark machen wöllte?
Und so lese ich Schlagzeilen wie die im Freitag nicht mit der Genugtuung all jener, die es schon immer gewusst haben und felsenfest auf ihrem Weltbild beharren. Ich bin einfach nur traurig.

Vor einigen Jahren (2001) veröffentlichte der linkskatholische Bensberger Kreis ein Büchlein zur Doppelten Solidarität, in welchem sinngemäß gefordert wurde, man möge um Israels willen auch Solidarität mit den Palästinensern üben. Damals hielt ich diese Formel für höchst unbefriedigend. Solidarität mit Palästina sollte man aus Solidarität mit Palästina üben. Mit Blick auf das, was sich hierzulande Palästinasolidarität nennt, und von „IDF-Schöngeist“ Peter Ullrich berechtigterweise kritisiert wird, denke ich manchmal: Möllemann wäre auf diese Formel nicht gekommen…

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