Guantanamo, Darfur, Abu Ghraib, Simbabwe [, Gaza]


Habe heute an einer ökumenischen Karfreitagsliturgie teilgenommen. In mehreren Teilen wurde das Leiden Jesu in den Worten des Evangelisten Johannes verlesen. Die Predigt hielt der evangelische Pastor allerdings zur Matthäus-Passion („Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“). Sehr überzeugend der Ansatz, das Geschehen um das Kreuz Jesu herum zu beschreiben. Wer hat sich da nicht alles versammelt? Hohepriester, Pharisäer, neugierige Passanten und römische Soldaten… Sie alle verspotten den gekreuzigten Jesus: die Zyniker, die Krisengewinner, die Gewaltmenschen. „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann…“. Abgestumpft: Die Soldaten, die kein Problem damit hatten, Nägel durch Hände und Füße Jesu zu treiben, um ihn damit am Kreuz zu befestigen.
Und dann schlug der Pastor den Bogen in die heutige Zeit, denn auch heute gibt es abgestumpfte Befehlsempfänger, die nichts merken. Sinngemäß der Pastor: „Guantanamo, Darfur, Abu Ghraib, Simbabwe – an diesen Orten findet man solche Menschen und ihre Taten“. Mir fehlte ein weiterer Ort in dieser Reihe: Gaza.
Rabbi Michael Lerner von Tikkun hat in einem Pesach-Artikel für Huffington Post den heutigen Staat Israel an die Stelle des Pharaos gerückt. In der Rolle der Israeliten: die Palästinenser. In aller Welt erzählen Juden einander die Geschichte von der Befreiung der Israeliten aus dem Sklavenhaus Ägypten

„and talk about the meaning of freedom and liberation, sometimes with family, sometimes with friends, sometimes impatiently waiting for the feast of food, sometimes with serious intention to fulfill the command to tell the story to your children and to experience themselves as though they personally had participated in the great Exodus.“

Dabei gibt es aus Lerners Sicht ein Problem:

This year I’ve been hearing a very different story from my rabbinic colleagues and from many Jews who are not part of any religious community.

Millions of Jews have been watching Israel’s role in Gaza and the West Bank with particular horror this year. Most share an anger at the ongoing terrorism that has made life in the Israeli town of Sderot so difficult. Few sympathize with Hamas. They are aware that over the course of the past few years dozens of Israelis have been killed by the missiles sent from Gaza.

Yet the wildly disproportionate response of the Israeli army that led to the killing of over 1,200 Gazans, hundreds of them children and women civilians, has shocked and dismayed many Jews whose identification with their Jewishness came primarily through their commitment to its ethical teachings. Moreover, growing numbers of Jews in Israel and the rest of the world have become aware that the core of the problem lies in the way that Israel’s creation in 1948 led to the expulsion from their homes of some 800,000 Palestinians.

Es sind Besatzung, Siedlungsbau, tagtägliche Verstöße gegen Menschenrechte, Landraub, Mauerbau, Häuserzerstörungen, gezielte Morde, ja die Verleugnung palästinensischer Existenz, Kultur und Unabhängigkeit – von einem Existenzrecht ganz zu schweigen -, die seit 1948 einen Schatten auf Pesach werfen. Das Ergebnis der jüngsten Wahlen in Israel passt wie die Faust aufs Auge. Allen, die es bis heute nicht begreifen, dass der politische Zionismus eine, aber nicht die Existenzform jüdischer Identität(en) nach 1945 repräsentiert, und die noch immer nichts merken („Die Palästinenser sind Antisemiten!“), sei ein letztes Zitat aus dem Lerner-Artikel ans Herz gelegt:

As several congregants put it to me,“We Jews have become Pharaoh to the Palestinian people — so we would be hypocrites to sit around our Passover table celebrating our own freedom, rejoicing at the way the Egyptians were stricken with plague and their first born killed, while ignoring what Israel is doing today in the name of the Jewish people.

Nach Ende der Liturgie lobte ein Gottesdienstmitbesucher die Predigt des Pastors: Das Grauen sei richtig verstehbar und gegenwärtig geworden – mit Hilfe der in der Predigt gessprochenen Worte! Für mich war es auch das, was nicht ausgesprochen worden war, das mich frösteln ließ an diesem wunderbar warmen Tag.

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