Der Nahostkonflikt in Online-Leserkommentaren

Wer sich einen Eindruck darüber verschaffen möchte, wie es um Befindlichkeiten der sog. Öffentlichkeit bestellt ist, sollte die Leserkommentare zu Texten mit besonders konfliktträchtigen Themen in den Onlineauftritten von Zeitungen lesen – wenn er oder sie einen guten Magen hat. Mir für meinen Teil pflegt es oft ganz anders zu werden, wie etwa jüngst bei der Lektüre eines taz-Berichtes über die palästinensischen Opfer israelischer Brandbomben. Der Inhalt des Artikels ist schrecklich. Der Text wurde verfasst von Karim Gawhari. Aber das störte Leser „k.t.“ nicht, denn er hatte ein Huhn zu rupfen mit Susanne Knaul, der taz-Israel-Palästina-Korrespondentin:

wenn ich diese schockierenden zeilen lese, denke ich nur, wie es möglich ist, dass eine der unkritischsten israelkorrespondentinen der bundesrepublikanischen medienlandschaft – frau s. knaul – die berichterstattung des palästinakonflikts bei der taz maßgeblich zu verantworten hat; fast möchte man sagen, die taz soll sich doch die krodilstränen über die phosphoropfer sparen, solange frau knaul israelische regierungspolitik in der taz legitimieren darf; falls frau knaul ihre proisraelische position geändert haben sollte seit dem letzten massaker im dezember, nehme ich natürlich meine kritik zurück; die berichterstattung war jedoch so krass einseitig, dass ich beschlossen, habe ihre artikel nicht mehr zu lesen.

Ein weiteres Beispiel gelebter Solidarität mit der im Text beschriebenen Frau, die bis auf die Knochen von besagten Bomben verbrannt worden ist, liefert uns „fritz“:

Wir sollten mal zum juedischen Museum gehen. Das ist der verlogendste Ort in Berlin. Mir wird da regelmaessig nach 5 Minuten uebel. Nicht wegen der Sachen, die wir alle wissen, thats Made in Germany, sondern wegen der Gesten, der Aneignung deutscher Geschichte, der unglaublichen Arroganz. Man wird da sehr schnell zum gluehenden „Anti-Semiten“.

Wohlgemerkt: In den meisten Kommentaren zum erwähnten Text werden beredt und angemessen Anteilnahme und Betroffenheit der Leser zum Ausdruck gebracht. Zudem: Liest man Leserkommentare auf Ha’aretz online, etwa zu Texten von Amira Hass, Yitzak Laor, Gideon Levy oder Akiva Eldar, ist man auf ähnliche Weise abgestoßen. Nur: Werden in dieser israelischen Zeitung Texte veröffentlicht und online kommentiert, so geschieht dies im Angesicht eines konkret, d.h. aus erster Hand, erlebten Konfliktgeschehens! Dass in so ähnlichem Maße Selbstbezogenheit und Kaltherzigkeit auch und (anscheinend) gerade im Zusammenhang mit solchen Stellvertreterkonflikten wie dem Ringen um eine angemessene kollektive Nahostposition in diesem Lande gepflogen werden – es mag nicht aufhören, mich aufzuregen.

P.S.: Bei Leuten wie „fritz“ das Wort Antisemit nicht zu gebrauchen, hieße, einen Tisch als Fahrrad zu bezeichnen.

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