Gratis-Moral im Freitag und anderswo

Hätte Lothar Baier (1942 -2004) im neuen Format des Freitag noch Platz gehabt? Am Ende veröffentlichte jener Essayist und Literatur- und Gesellschaftskritiker, der in der alten BRD zu den publizistischen Felsen in der Brandung gehört hatte und nach der „Wende“ zunehmend verarmte – sozial, ökonomisch, illusionsmäßig – fast nur noch in besagter Ost-West-Wochenzeitung, der schweizerischen Wochenzeitung und dem österreichischen Wespennest. Er, dessen Texte man in den achtziger Jahren in Spiegel, Zeit und SZ zu lesen bekam, verschwand von der medialen Bildfläche – und legte 2004 in Montreal Hand an sich. Baiers Themen waren vielfältig, berührten zentrale Aspekte der Literatur, Kultur, Gesellschaft, Politik, Soziologie und Philosophie – und doch haben seine Texte eins gemeinsam miteinander. Sie atmen jenen Geist, der solcher zu erkennen ist. Und: Wo kritisiert wird, geschieht dies nicht auf der Basis irgendeiner Art von Gratis-Moral und einer sich aus ihr ableitenden Attitüde von „Querdenker[n] de luxe“ (Klaus Bittermann) und „rasende[n] Mitläufer[n]“ (Christian Schultz-Gerstein).
Gratis-Moral atmen auch viele Blog-Beiträge, die im schnieken neugestalteten Onlineauftritts des Freitag über die Ostertage veröffentlicht wurden. Super, wie ein Matthias Schumacher und ein Cartagena wieder einmal den Finger in die Wunde namens katholische Kirche legen. Wer sein Geld damit verdienen muss, über eine Witzfigur wie Bischof Mixa Witze zu machen – „einem Dummen zeigen, dass man schlauer ist“ (frei nach Peter Fox)- muss der einem nicht leid tun? (Kein Bock, dieses Geschwiemel durch einen Link zu adeln!)
Gratis-Moral, ich mag das Wort. Hat sowas Karl-Krauss-mäßiges. Hab es zuerst bei Herrn Droste gelesen.
Zwischen dem ganzen Quatsch und eitlem Getue im neuen Freitag dann aber doch noch immer ab und an ein lesenswerter Text – etwa eine Kritik der Musikkritik hierzulande. Mark Terkessidis, den man auch schon aus den guten alten Tagen der Spex kennt, bringt es auf den Punkt:

Es gibt wohl keinen kulturellen Bereich, in dem die Kritik so auf den Hund gekommen ist wie in der Popmusik. Wer in diesen Tagen einen Streifzug unternimmt durch die Musikpresse, die sich selbst eine gewisse Szeneorientierung und ein Spezialwissen unterstellt, also durch Intro, Spex, Backspin, Riddim, Groove et cetera, der kann sehr bald eine ziemliche Stilblütenlese zusammenstellen. „Franz Ferdinand“, heißt es etwa in einem jüngst erschienen Artikel, „sind ein schönes Beispiel dafür, wie aus Planlosigkeit große Kunst entstehen kann, denn Planlosigkeit bedeutet geistige Offenheit und Mobilität“.

Zu der Reihe der von Terkessidis genannten Werbeblättchen der hiesigen Musikindustrie könnte man noch Ox hinzufügen. In diesem Magazin geht es um Punkrock, Hardcore, Rock’n Roll. Seit mittlerweile zwanzig Jahren aktiv, startete Ox also zu einer Zeit, in der das legendäre ZAP Fanzine(„Crazy but not insane“) szenekulturell, aber auch politisch radikale Akzente zu setzen vermochte. Ox ist da braver. In den Kolumnen dreht sich meist alles um den Morgen nach der Party, in den Rezensionen verbrechen Szeneschnösel, die schon mal mit den A30-Bands Muff Potter (Rheine), Donots (Ibbenbüren) und Düsenjäger (Osnabrück) versackt sind, Zeilen von berückender Kitschigkeit, und außerdem gibt es noch ein paar vegane Kochrezepte. Im Ox einen Verriss zu bekommen, ist eine Kunst.
Wer gern Verrisse liest, sich daran erfreuen mag, dass es noch heute, und das auch noch online, Autoren gibt, die in aller Offenheit den großen Eckhard Henscheid perfekt imitieren können, und dazu noch ein gerüttelt Interesse für gute Literatur mitbringt, der sollte sich lit-ex nicht entgehen lassen – und Geduld mitbringen, denn die Website des Magazins für Verrisse aller Art wird nur sehr sporadisch bearbeitet…

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