Obama, Armenien – Palästina?

Dass Politik auch, aber nicht ausschließlich aus Rhetorik besteht, sollte sich zwar selbst verstehen. Dennoch schreibt Linda Heard aus gutem Grund und gegebenem Anlass Präsident Obama ins Stammbuch:

President Barack Obama definitely talks a good talk but when it comes to implementing his stated foreign policy goals, he appears to be dragging his heels. He’s certainly been decisive on the economy and has upset many in the process. But three months into his presidency, his Middle East policy is still vague and he has yet to officially approach Iran to hold what he terms mutually respectful talks.

Jüngst sprach bzw. weilte Obama in der Türkei, EU-Beitrittsaspirantin und Partnerin US-amerikanischer und israelischer Interessen im Nahen und Mittleren Osten. Dort hielt er eine im Vorfeld mit Spannung erwartete Rede – „die Nato, das Verhältnis der Vereinigten Staaten zur islamischen Welt“, die Frage, ob Obama den Genozid an den Armeniern 1915 einen Genozid nennen würde – und, so Karen Krüger, „umschiffte er das heikle Thema mit diplomatischen Floskeln.“

Obama erinnerte daran, dass sich auch die Vereinigten Staaten schwertun mit „unserem Erbe der Behandlung der eingeborenen Amerikaner“. Bei einer Pressekonferenz bejahte er jedoch später die Frage, ob er unverändert der Ansicht sei, dass es sich bei den Vorgängen von 1915 um einen Genozid gehandelt habe: Seine Ansichten seien bekannt, und er habe sie nicht geändert.

Obama verglich das Schicksal der Armenier mit dem der amenikanischen Ureinwohner. Und Karen Krüger nennt dies „diplomatische Floskeln“. Was, wenn Mr. President auf seinem nächsten Israel-Besuch die Situation der Palästinenser und die der nordamerikanischen „Indianer“ in einem Atemzug nennt? Was, wenn Karen Krüger dann berichten darf:

Bei einer Pressekonferenz im Anschluss an seine Rede vor der Knesset bejahte Obama die Frage, ob er der Ansicht sei, dass es sich bei den Vorgängen von 1948 um eine ethnische Säuberung gehandelt habe?

Wären das dann auch lediglich „diplomatische Floskeln“?

Das Eingeständnis in selbst begangenes Unrecht und das Bedauern desselben bilden einen Anfang auf dem Weg zur Regelung von Konflikten, zur Linderung der Schmerzen (eigener und jener, die man selbst zugefügt hat) und einer Zukunft, die es wert ist, erhofft zu werden. Hierzulande hat man diese Einsicht gekleidet in staatsoffiziösen Pomp und rituellen Kitsch, an welchem sich die Täter von einst selbst berauschten. In Bezug auf Israel-Palästina schreibt Uri Avnery, eigene Erlebnisse im Zuge der – von Israelis als Unabhängigkeitskrieg, von Palästinensern als Nakba beschriebenen – Geschehnisse von 1948 erinnernd:

Barack Obama told the Turkish people this week that they must come to grips with the massacre of the Armenians committed by their fathers, while at the same time reminding the Americans that they must confront the genocide of the Native Americans and the black slavery exploited by their own forefathers.I believe we can do this regarding the catastrophe that we have caused the Palestinians. I am convinced that this is important, indeed essential, for our own national mental health, as well as a first step toward eventual reconciliation. We must acknowledge and recognize the consequences of our deeds and repair what can be repaired – without rejecting our past and the songs that express the innocence of our youth. We must live with this contradiction, because it is the truth of our lives.

Gern störe ich mich an dem Status Avnerys unter friedensbewegten Nahostinteressierten hierzulande. Avnery als Verkörperung des guten Israeli. Angesichts dieser Sätze kommt dennoch mir ein Satz aus dem Buch Genesis in den Sinn: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Obama indes hat bewiesen, dass Politik sehr viel mit Rhetorik zu tun hat, Sprechen und Handeln andererseits sich doch näher sind, als wir es uns oft vorstellen mögen.

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2 Gedanken zu “Obama, Armenien – Palästina?

  1. Mein Schwiegervater (Kommunist) ist 1945 aus seiner Heimat „Sudetenland/CSSR“ vertreiben worden-wie weitere drei Millionen Deutsche–nur aus dem einzigen Grund, dass er deutschsprachig war.
    Das war eine Nakba. Die Palästinenser waren alle auf Pro-Hitler-Kurs udn haben gejubelt, als Rommel nach Ägypten kam. Im Hintergrund lauerte schon die SS, die alle Juden in Palästina umbringen wollte!

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  2. Hitlers Todesschwadron vor Palästina Spektakulärer Fund deutscher Historiker: Wie die SS die Judenim Nahen Osten ermorden wollte
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    Thomas Lackmann
    16.4.2006 0:00 Uhr Thomas Lackmann
    16.4.2006 0:00 Uhr

    Haifa 1942. Die kleine Ruth hört im Radio, dass Rommels Afrika-Korps näher rückt. Als ihre Familie aus dem fränkischen Burghaslach vertrieben wurde, hatte der Kleinstadt-Mob geschrien: „Ihr seid noch nicht in Palästina.“ Nun lebt sie im Land der Zuflucht – in neuer Angst.

    Die Wehrmacht steht vor Kairo. Den Libanon und Syrien halten mit dem „Dritten Reich“ verbündete Italiener und Vichy-Franzosen. „Da fuhr der Mufti von Jerusalem zu Hitler“, erinnert sich die nach Deutschland zurückgekehrte Ruth Lapide 60 Jahre später. „Der versprach dem Mufti, die 600 000 Juden von Palästina bald nach Auschwitz zu deportieren. Das wussten wir.“ Im Rückblick dieser Überlebenden verbindet sich Angst vor Rommels Vormarsch mit den „ärgsten Bombennächten“ von 1941, als deutsche und französische Flieger Haifa angriffen, den letzten Mittelmeer-Hafen der Engländer.

    Dass Juden auch außerhalb Europas durch deutsche Mordpläne bedroht waren, wurde bislang – trotz solcher Zeitzeugen-Berichte – kaum wahrgenommen. Es ist kein Geheimwissen, dass seinerzeit Planungen für ein KZ bei Shanghai bestanden, dass arabische Führer mit NS-Funktionären konferierten. Doch verbreiten konnte sich die Vorstellung, Flüchtlinge seien damals außerhalb Europas sicher gewesen. Umso mehr hat nun ein 23-Seiten-Aufsatz mediale Betroffenheit ausgelöst, erschienen unter dem Titel „Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina“; in einem Sammelband („Deutsche, Juden, Völkermord. WBG, 340 S., 59,90 Euro) mit dem Untertitel: „Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart“.

    In ihrem Beitrag verbinden Klaus Michael Mallmann und Martin Cüppers von der Forschungsstelle Ludwigsburg bekannte Fakten mit einer spektakulären Entdeckung: 1942 wartete ein deutsches „Einsatzkommando Ägypten“ in Athen darauf, hinter der Afrika-Front seine Tätigkeit aufzunehmen. Geführt wurde diese Truppe – sieben junge, als „radikale Weltanschauungskrieger“ bezeichnete SS-Führer, 17 Unterführer mit Mannschaften – von einem Spezialisten des Massenmords, Walther Rauff.

    Rauff hatte unter dem Organisator des Holocaust, Reinhard Heydrich, Karriere gemacht. In der UdSSR war er für 20 Vergasungs-Lkw – seine Erfindung – zuständig gewesen. Die Wehrmachtsführung vermerkt, Rauffs mobiles Orient-Kommando erhalte Weisung von Himmler und führe „Aufgaben in eigener Verantwortlichkeit durch. Es ist berechtigt, im Rahmen seines Auftrages in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen“: So lauteten auch Einsatzbeschreibungen der Mord-Kommandos an der Ostfront.

    Am 20. Juli 1942 fliegt Rauff in das libysche Tobruk zum Gespräch mit Marschall Rommel, der sich jedoch bereits 500 Kilometer östlich mit der Schlacht von El Alamein beschäftigt. Offiziell wird der Obersturmbannführer einem Stabsoffizier der Panzerarmee unterstellt. Sobald Ägypten erobert sei, soll sein am 29. Juli in Athen eintreffendes Kommando nach Tobruk weiterfliegen: um, folgern die Autoren, im angrenzenden Palästina „in erster Linie gegen Juden aktiv (zu) werden“.

    Die Brisanz der Aktenfunde erhöht sich durch den strategisch-ideologischen Kontext. Rommels Armee hatte die Strecke Tobruk-El Alamein in zehn Tagen zurückgelegt; genauso weit ist es nun nach Palästina. Teile des Ostheeres sollen, durch den Kaukasus vorstoßend, mit dem Afrika-Korps zusammentreffen. Im November 1941 hatte Hitler dem Mufti von Jerusalem in Berlin versichert, man attackiere kompromisslos „die jüdische Heimstätte in Palästina“ und erstrebe „die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums“. Im April 1942 bittet der Mufti Außenminister Ribbentrop um Hilfe gegen die „jüdisch-nationale Heimstätte“; als einziges Land bekämpfe sein Staat ja nicht nur Juden im eigenen Land, sondern das Weltjudentum.

    Begleitet werden solche Führer-Kontakte von antijüdisch motivierten Sympathien an der Basis, die den Deutschen im Orient häufig begegnen. Im August 1942 bereitet der Mufti Rommels Einmarsch in Palästina durch die „Aufstellung von bandenartigen arabischen Kräften“ vor. Mit solchen einheimischen Kollaborateuren rechnet auch Rauffs kleines Kommando. Hätte seine Truppe ihren Auftrag erledigt, wäre in Nahost kein Judenstaat gegründet worden. Doch nach der deutschen Niederlage in der zweiten Schlacht von El Alamein am 3. September wird die Todesschwadron aus Athen abgezogen.

    Ihren medialen Marktwert verdankt dieser Fund dem kriminalistischen Thrill. Zudem zeigt er den deutschen Rassismus gesteigert monströs und die Wehrmacht, ja den Helden Rommel, als Wegbereiter des Massenmords. Der politische Zündstoff des Dramas, das israelische Ängste vor einer Fortsetzung des Holocausts plausibel macht, ist evident. De facto nimmt der Aufsatz Partei in der Endlosschleife arabisch-jüdischer Schuldzuweisungen. Und berührt ein beschwiegenes Thema, das durch Irans Staatspräsidenten Schlagzeilen machte: das gestörte Verhältnis der Öffentlichkeit in muslimischen Ländern zur historischen Wahrheit; den Schulterschluss desinformierter Menschen in der Dritten Welt mit Hitler, dem Bestrafer der Kolonialmächte.

    Auf Spuren dieses Geschichtskrimis war Einsatzgruppen-Spezialist Klaus- Michael Mallmann vor sieben Jahren gestoßen, als er rätselte, worauf Rauffs Truppe in Athen gewartet hatte. Plötzlich sei das nahe Tobruk an Afrikas Küste in sein Blickfeld geraten; die Puzzle-Montage begann. Viele Stücke davon hätten vorgelegen, seien nicht ernst genommen worden, sagt Mallmann: wie Hitlers Ankündigung gegenüber dem Mufti, in die Lösung der Judenfrage außereuropäische Völker einzubeziehen. Das politische Gewicht der Studie sei unbeabsichtigt, aber absehbar gewesen. Zum Herbst soll ein Buch daraus werden: „Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina“. Dessen Epilog, so Mallmann, werde „falsche Positionen“ heutiger Islamwissenschaftler und Arabisten attackieren, welche – „verliebt in ihren Gegenstand“ – die arabisch-muslimische Realität „nicht wahrhaben wollen“. Geschichte ist Gegenwart.

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