Lothar Baier und George Steiner über Computer und Lesen


Nun ja, in einem Blog, das Lothar Baiers Beobachtung veranschaulicht, dass mit dem Computer „technisches Gerät in Gebrauch gekommen“ ist, „das vor allem in den Gefühlshaushalt“ der Menschen „eingegriffen“ habe, sind Sätze wie diese -abermals von Baier – nicht so das wahre:

Ich lese in diesem Augenblick den Satz in einem meine Aufmerksamkeit fesselnden Roman; im nächsten Augenblick bin ich schon beim nächsten Satz, im darauffolgenden beim nächsten. Ich kann den ersten Satz nicht Wort für Wort behalten, aber ich läse die folgenden Sätze völlig anders, wenn die Erinnerung an die Lektüre des Satzes in meinem Bewußtsein nicht noch vorhanden wäre. Von der nicht zu greifenden Flüchtigkeit des Augenblicks, den ich gerade jetzt erlebe und der vom nächsten Augenblick verjagt sein wird, bleibt etwas zurück, wenn ich diese Folge von Augenblicken lesesnd erlebe. Jeder lesend verbrachte Augenblick wirkt auf diese Weise auf die anderen gegenwärtigen und künftigen Augenblicke des Lesens zurück, färbt sie mit Bedeutungen ein, die nicht in ihnen selbst entstanden sind. Das, was ich lesend als Jetzt erlebe, ist deshalb nie ganz vergangen, wenn es vergangen ist, es ist als Erinnerung an Bedingungen auch noch in den folgenden Jetzts präsent. Lesen bringt die Zeit nicht zum Stillstand, enttzieht ihrem Vergehen aber die überlieferte christliche Konnotation der Leere und des Verlusts.

George Steiner in einem heute in der NZZ veröffentlichten Interview:
Zuerst zum Thema „Computer“:

Stundenlang vor diesen Bildschirmen zu sitzen – das ist eine niedrige Art menschlichen Kontakts. Und die elektronischen Mittel sind sehr trügerisch. Die gedruckte Fassung sieht so schön aus, dass man meint, der Text sei gut; in der Wissenschaft hat das zu einer Inflation von Texten geführt. Wenn man mit der Hand schreibt, sieht man, was nicht geht. Ich benutze keinen Computer. Die erste Fassung meiner Texte schreibe ich immer von Hand, die zweite auf einer mechanischen Schreibmaschine, und die Verbesserungen füge ich dann wieder von Hand ein.

Und dann zum Thema „Lesen“:

Lesen ist ein grosses, kompliziertes Abenteuer. Zuerst näherten wir uns dem Text mit dem Wörterbuch. Wörterbücher sind die Schatzkammern der menschlichen Geschichte. Ein Littré, ein Grimm, ein Oxford English Dictionary hat alle anderen Bücher schon in sich, auch die Möglichkeiten der Bücher, die noch nicht geschrieben sind. In einem ersten Schritt versuchten wir, den Wortinhalt zu verstehen und auch die Geschichte der Wörter. In einem Gedicht ist eine ganze Chronologie der Vergangenheit dieser Wörter enthalten.

Zweitens die Grammatik. Was ist die Grammatik? Sie ist die Melodie des menschlichen Gedankens! Ein grosser Dichter denkt schon der Grammatik nach – er singt sie.

Als Drittes erarbeiteten wir uns den Kontext. Wann wurde der Text geschrieben und für wen? Was geschah zu dieser Zeit, und was waren die Bedingungen seiner Veröffentlichung? – Und da kommt Walter Benjamin ganz ruhig ins Zimmer und sagt: Meine Kinder, vielleicht noch nicht für euch, vielleicht wird der richtige Leser erst in fünfhundert Jahren kommen, aber ihr könnt es versuchen. Die Interpretation ist erst der letzte Schritt. Und dann wurde einiges zusammen auswendig gelernt. Das war für meine Studenten im Seminar immer das schöne Ende. Wir gingen ins Kaffeehaus, wir tranken einen guten Wein dazu. Beim Spazierengehen kann man auch sehr gut auswendig lernen. Und so haben wir «danke» gesagt zu dem Text. Ich weiss, wie altmodisch das ist, aber für mich bleibt es wahr: Jedes gute Lesen, une bonne lecture, ist ein Danke.

Baier-Zitate aus: ders., Keine Zeit! 18 Versuche über die Beschleunigung, München 2001.

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