Gespräch über neuen Antisemitismus in der taz

In der taz gibt es ein Interview, dass Cigdem Akyol mit Levi Salomon, „Beauftragter für die Bekämpfung des Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde Berlin“ (sic!) geführt hat. Salomon spricht über einen weiteren „neuen“ Antisemitismus, den er seit einiger Zeit auf unseren Straßen ausmacht.

taz: Herr Salomon, am Wochenende wurden in KZ-Gedenkstätten der Befreiung der Konzentrationslager gedacht – im Januar wurden auf deutschen Straßen Plakate getragen, welche die Politik des Staates Israel mit der des [N]ationalsozialismus gleichsetzten. Wie passt so etwas zusammen?

Levi Salomon: Als dieser Antisemitismus auf den Straßen Berlins ausgebrochen ist, war ich fassungslos. Ich hätte nie gedacht, in Deutschland wieder judenfeindliche Chöre zu hören und ich hatte Angst – denn so etwas darf nicht sein. Ich wusste nicht, ob ich es nach Hause schaffe. Es waren massenweise Islamisten unterwegs und ich habe viel mehr Drohmails bekommen als sonst. Ständig habe ich mich gefragt, wo eigentlich die Zivilgesellschaft ist?

Spontan fällt mir darauf David Galls nachdenklicher Text über Antisemitismus ein. Angesichts der sich in letzter Zeit ja tatsächlich häufenden Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland bzw. anderen Orten von Ungerechtigkeit und Nazi-Deutschland fragt er:

Wer kann es mir erklären, dass ein ehemaliger Arbeits- und Rentenminister, dass Bischöfe und Leiter von Tierschutzorganisationen immer wieder und wieder die selben Fehler machen? Immer wieder beleidigen sie und verletzen sie die Überlebenden der NS-Lager mit völlig deplatzierten Gleichsetzungen. Holocaust = Abtreibung, Hühnerkäfig = Konzentrationslager, Ramallah = Warschauer Ghetto. Und das alles hat der eine schon gesagt, hat sich auch dafür entschuldigt, und zwei Wochen später sagt der Kollege etwas ähnliches. Wie kann das sein? Intelligente Menschen, gebildete Menschen! Kann es wirklich Dummheit sein, oder müssen wir endlich begreifen, dass es Absicht ist? Dass sie mit diesen brutalen und grausamen Gleichsetzungen die Überlebenden erniedrigen und ihre Nachkommen beleidigen wollen? Oder was ist der Grund dafür? Kann ich die Situation in Ramalla nicht in anderer Weise beschreiben?

Zum anderen fällt auf, wie sehr es für Levi selbstverständlich zu sein scheint, den Staat Israel als die eine Existenzform jüdischen Lebens in der heutigen Zeit zu begreifen. Sicher: Es ist geschmacklos und dumm, Israel und Nazi-Deutschland auch nur in einem Atemzug zu nennen, und aus Levis Perspektive mag es nur allzu verständlich sein, Kritik am Staat Israel äußerst argwöhnisch zu begegnen – besonders, wenn man weiss, dass eine solche Kritik immer wieder von den fmächtigsten Mächten der finstersten Finsternis missbraucht wird. An verschiedenen Stellen geht Levi aber auch einfach zu weit:

Ich denke, der stärkste Katalysator befindet sich in den Familien, denn sie haben den größten Einfluss auf die Jugendlichen. Ein Problem sind die Medien, nämlich Al Manar, Al Dschasira und andere arabische oder türkische Sender. Dort wird der Nahostkonflikt sehr einseitig dargestellt und Israel ist immer schuldig.

Dazu nur soviel: Da töten israelische Soldaten Tausende Menschen bei der „Operation“ „Gegossenes Blei“ in Gaza, ohne sich darum zu scheren, ob es sich dabei um „Militante“, Alte, Frauen oder Kinder handelt, da werden internationale und palästinensische Demonstranten, die in der Westbank so gewaltfrei demonstrieren, wie es immer von der sog. Weltöffentlichkeit gefordert wird, erschossen; da wendet sich dias mediale Auge schon wieder von dem Grauen, das in Gaza im Namen israelischer Sicherheitsbedürfnisse geschah, ab – und die Kritik an Israel s Politik wird als Antisemitismus bezeichnet. Schon Anfang der 1980er Jahre, als Israel sich schon einmal im Libanon sich, sagen wir, militärisch betätigte, gab es dieses Phänomen zu beobachten: Je mehr Araber die israelische Armee und deren Verbündete töteten, umso lauter wurde ein Wiederaufleben von Antisemitismus beklagt.
Auch fehlt in Levis Ausführungen nicht der Dershowitzsche „Why single out Israel?“-Reflex : „An Israel wird häufig ein anderer Standard angelegt, als an alle anderen Staaten.“ Wahrscheinlich deshalb, weil niemand verlangt, das Existenzrecht auch anderer Staaten anzuerkennen.
Levi fasst seinen Standpunkt am Ende des Interviews wie folgt zusammen:

Der Antisemitismus in Deutschland führte zum Holocaust, das ist ein Trauma mit dem keiner etwas zu tun haben will. Da gibt es ein gewisses Grundverständnis, dass man dagegen sein muss. Durch eine Gleichsetzung bekommen die Vertreter des Modells Islamophobie eine starke Waffe gegen Kritiker an die Hand. Ich kann nur persönlich sagen, ich empfinde, es gibt einen neuen Antisemitismus der aus einer gefährlichen Mischung besteht: Einerseits aus einer antisemitischen Tendenz in der deutschen Linken, die Israels Politik dämonisiert und behauptet, die Juden seien nun zu Tätern geworden. Andererseits aus politischem Islamismus. Diese Kreise scheinen bei den Demos im Januarzusammengefunden zu haben.

Und was mir noch zu sagen bleibt: Wer den Staat Israel mit allen Juden per se identifiziert, macht einen schweren Fehler. Ich will nicht immer über die Palästinenser reden, die 1948 ethnisch aus ihrer Heimat hinausgesäubert wurden. Es ist mittlerweile vielen Antiantisemiten zur guten Angewohnheit geworden, arabischen bzw. palästinensischen Protest gegen israelische Politik wie selbstverständlich als antisemitisch zu bezeichnen. Daran scheint man sich ja in verschiedenen proisraelischen Lobbygruppen längst gewöhnt zu haben.

Genauso gefährlich finde ich diesen falschen Schluss im Hinblick auf alle, denen es wirklich um das Selbstbestimmungsrecht jüdischer Menschen geht. Durch eine Zionisierung jüdischer Identität, wie sie u.a. Salomon Levi – nachvollziehbar, aber nicht ohne Weiteres teilbar – betreibt, wird zudem dem Andenken der Opfer der Shoa und all jenen, die sich gegen jenen Antisemitismus kämpfen, wie er von NPD, DVU, Reps etc. praktiziert wird, einen Bärendienst erwiesen. Über Nazis scheint sich Levi gar keine Sorgen zu machen.

Thanks to Phil Weiss!

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