Israels Verteidigungsbürde. Lehrstunde in Newspeak

Anlässlich des israelischen Tages zum Gedenken der Opfer von Gewalt und Terror – genauer gesagt: der eigenen Opfer anderer Leute Terror, es geht nicht um Gaza, Sheikh Jarra oder irgendwelche Siedler, die für westliche Betrachter ja immer aussehen wie ökologisch angehauchte Religionslehrer mit Maschinengewehr – gelobte Premier Netanyahu, man werde alles Menschenmögliche unternehmen, um den entführten Soldaten Gilad Shalit aus der Hand seiner Entführer (Hamas) zu befreien. Von den Tausenden Palästinensern, die von israelischen „Sicherheitskräften“ auf ihren „Operationen“, die der „Verteidigung“ dienen, „verhaftet“ (Newspeak hiesige Nahostberichterstattung) worden und in Internierungslagern und Gefängnissen „untergebracht“ sind, wurde nicht gesprochen. Man wird von diesen Menschen wieder hören, wenn Israel sich in den Augen der Weltöffentlichkeit mal wieder nicht lumpen lassen will bzw. allzu sehr Gefahr läuft, Iris Berbens Sympathie zu verlieren. Ha’aretz hat einiges zu sagen zu den tapferen Soldaten der ethisch korrektesten Armee der Welt:

„Every combat soldier knows that we will use all our capabilities in order to bring him back home safe and sound,“ Netanyahu said before a special Independence Day ceremony to honor outstanding soldiers in the President’s Residence.

Die Hervorhebungen stammen von mir. Ich frage mich angesichts des ersten Zitats: Was bedeutet es eigentlich, in der israelischen Armee ein hervorragender Soldat zu sein? Effektivität und Unerbittlichkeit bei der täglichen schweren Arbeit an den Checkpoints? Intellektuelle Höchstleistungen beim Ersinnen immer neuer Schikanierungsmethoden? Zielsicherheit auch bei kleinen „moving targets“ – besonders aus der Luft (Gaza, Libanon)? Unerbittlichkeit beim Kampf gegen Zivilisten, also auch Alte, Frauen und Kinder Terroristen, Antisemiten und ihre Helfershelfer? Der letzte Krieg, den die israelische Armee gegen eine andere Armee hat ausfechten müssen, war wann?

„There is no country in the world that has been attacked seven times in 60 years of existence,“ Peres said. Israel stands before existential threats, ostracism, and wars but it will enter the history books as a miracle, as proof that it is possible to do beyond what is expected and beyond what is extant.“

Jaja, der alte Propaganda-Trick. Peres, die alte Friedenspfeife, hat ihn noch drauf. Aber wie kommt er auf die Zahl Sieben? Wenn Israel ein Wunder darstellt, dann wird kein Geschichtsbuch, das diesen Namen verdient, es aufnehmen. Wunder sind etwas Über- oder auch Außergeschichtliches. Sich außerhalb der Geschichte aufzustellen, das versuchen bekanntlich jene, die keine Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Geschichte bedeutet Verantwortung. Nicht Propaganda.
Nun aber meine Lieblingspassage. Sie erinnert mich daran, dass jetzt überall die Rede davon ist – offenbar mit Genehmigung desrhiesigen Bundesaußen- und Bundesverteidigungsministerien, in Afghanistan seien Bundeswehrsoldaten gefallen – nicht gestorben, verunglückt oder irgend einer feigen, hinterhältigen Eselei zum Opfer gefallen. Deutschland ist wieder im Krieg – weil es die Sprachregelung so will.

IDF chief Gabi Ashkenazi said Israel’s finest soldiers should serve as an example to naysayers who believe that the next generation of youngsters will not be up to the task of carrying the country’s defense burden.

Natürlich: Israel verteidigt sich permanent und ausschließlich. Klar: Man will doch nur Frieden (jetzt)… Und: Zivilisten in besetzten oder abgeriegelten Gebieten schikanieren, beschießen und sich dann auch noch darüber lustig machen – was für eine Bürde! Israels Soldaten werden es den Menschen auf der anderen Seite der Mauer bzw. hinter den Grenzanlagen von Erez niemals verzeihen , was Israels Soldaten ihnen haben antun müssen. zudem burden – allein d s Wort schon. Lässt an white man’s burden denken.
Okay: Man wird jetzt einwenden dürfen, dass solches Politikergewäsch Tagesgeschäft sei und dass Journalisten, die sich derartig servil den Ansprüchen des Systems fügen, überall vertreten sind. Stimmt. Nur gibt es gerade hierzulande nicht wenige, die dem Gewäsch von Bibi, Peres und Co mehr glauben als dem Gewäsch anderer Politiker – eben weil es in ihrem Geschichtsbuch doch das Wunder des Staates Israel gibt. Peres gilt ja hierzulande immer noch als Friedenskämpfer. Und das Bibi eines Tages nicht doch den Friedensnobelpreis erhalten wird, ist noch nicht ausgemacht.
Apropos Geschichtsbuch: heute-Sprecher Steffen Seibert hat – in Zusammenarbeit mit einigen Staatskundemusterschülern von der Pennälerpostille Spiesser ein Geschichtsbuch verbrochen: Mein, dein, unser Deutschland. In großen Buchhandlungen steht Seibert als Pappmännchen in der Gegend rum und lässt sich – in Sachen Werbung für das Buch – zitieren mit der Frage, ob es etwas Wahnsinnigeres gäbe als die Bevölkerung einer halben Stadt einzumauern (oder so ähnlich – der Mann redet von der Berliner Mauer). Mein erster Gedanke war: Ja, gibt es.

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