Itamar Shapira

Da soll nochmal einer sagen, Israel sei gar keine richtige Demokratie. Ha’aretz berichtete neulich, dass Itamar Shapira, mittlerweile Ex-Angestellter von Yad Vashem, von der Leitung der zentralen israelischen Holocaustgedenkstätte eine Kündigung erhielt, nachdem sich der Leiter einer Gruppe von Yeshiva-Studenten aus Efrat – einer Siedlung in der Westbank, das hat der Autor des Ha’aretz-Artikels, Yoav Stern, anscheinend vergessen zu erwähnen – eine Beschwerde eingereicht hatte. Laut Ha’aretz wurde mit Shapira ein „instructor“ entlassen, who compared the trauma of Jewish Holocaust survivors with the trauma experienced by the Palestinian people in Israel’s War of Independence.“ Zum ersten Mal wurde in Yad Vashem, laut Ha’aretz, einem Mitarbeiter aufgrund politischer Differenzen gekündigt.
Was sagt Shapira selbst?

He said he did so because the ruins of the Arab village, today a part of Jerusalem’s Givat Shaul neighborhood, can be seen as one leaves Yad Vashem. „Yad Vashem talks about the Holocaust survivors‘ arrival in Israel and about creating a refuge here for the world’s Jews. I said there were people who lived on this land and mentioned that there are other traumas that provide other nations with motivation,“ Shapira said. „The Holocaust moved us to establish a Jewish state and the Palestinian nation’s trauma is moving it to seek self-determination, identity, land and dignity, just as Zionism sought these things,“ he said.

Wenn dem so ist, besteht der Grund für Shapiras Entlassung in dem Ergebnis einer Interpretation. Den Worten Shapiras nach zu urteilen, ist es überhaupt nicht klar, ob Shapira Shoa und Nakba in der Tat miteinander verglichen hat. Was wir als Leser erfahren, ist das nacherzählte Geschehen.
Abgesehen davon: Dass Shapira in Yad Vashem überhaupt das Leid der Palästinenser bzw. die Palästinenser als Menschen mit Rechten (und nicht als Nazi-Freunde) thematisierte, hat bei den studierenden Siedlern sicherlich und sowieso für Verstimmung gesorgt. Nebenbei: Wo sich einst das Dorf Deir Yassin befand, steht heute – im West-Jerusalemer Stadtteil Givat Shaul- eine Nervenklinik.
Ich bin mir nicht sicher, ob Shapira wirklich getan hat, was ihm vorgeworfen worden ist. Holocaust und Israels Staatsgründung in einenzeitlichen und kausalen Zusammenhang zu setzen, okay. Offenbar kommt aber die bloße Erwähnung der palästinensischen Nakba als nationales Trauma für die Palästinenser einem Holocaust-Vergleich zu nahe, um von Siedlern aus der Westbank toleriert zu werden. Man kann Shapiras Aussage als Vergleich verstehen. Zwingend notwendig ist das nicht.
Ich will mich jetzt nicht über den Sieg des zionistischen Herrscher-Diskurses über andere Narrative ereifern. Das können Leute wie Erhard Arendt oder Werner Pirker gern übernehmen Ich frage mich nur, was damit gemeint ist, wenn sich Yad Vashem von offizieller Seite gegen die politische Vereinnahmung des Holocaust wehrt. Rob Lipton geht es ähnlich:

A Yad Vashem official astonishingly claimed that the institution “objects” to any political use of the Holocaust. If I may be so bold, I could reframe this to say that Yad Vashem objects to any political use that is not in service to the interests of the state of Israel. (Please refer to the stream of foreign dignitaries that flow through Yad Vashem in a “must do” ceremony that is designed to represent the absolute evil that was done in the Holocaust [no argument here], and the absolute incomparability of this terrible event to anything else in history).

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die erste Länderspielreise einer deutschen Fußballnationalmannschaft. Lothar Matthäus und Co ließen sich gesenkten Blickes in Yad Vashem fotographieren – und dennoch zitieren, man wolle als Deutsche gegen die Juden gewinnen. Was politische Vereinnahmung angeht, findet man auf der Website von Yad Vashem einen eigenen Bereich, in welchem Holocaust und Nahostkonflikt miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Der Holocaust repräsentiert das vollendete Böse. Kein Zweifel. Dass in Yad Vashem aber offenbar das Leiden anderer Menschen – Palästinenser! – nicht erwähnt werden darf und dies als politische Vereinnahmung von offzieller Seite aus kritisiert wird, stimmt nachdenklich. Anderen Propaganda vorzuwerfen, damit die eigene Propaganda nicht thematisiert werde – das erinnert sehr an Aussagen der – nett ausgedrückt – israelfreundlichen Journalistin Esther Shapira, die mit ihrem Film über Mohammed al-Dura den Opferkult der Palästinenser kritisieren wollte.

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