Religionskritik heute- alte Bärte in schicken Outfits

Neulich hat es in Berlin ja einen Volksentscheid zum Thema „Religon als Pflichtfach – ja oder nein?“ gegeben. Als bekennender Katholik habe ich meine (nicht ganz) private Meinung dazu. Ob die Betreiber der „Pro Reli“-Kampagne gut daran getan haben, mit dem Ergebnis des Volksentscheids gleich die Zukunft der Zivilisation zu verbinden – ich glaube nicht. Dass aber die Kritiker von „Pro Reli“ auch nicht gerade Neues zu bieten hatten, ist schon enttäuschend und bestätigt die These, dass die besten – weil prophetischsten – Religionskritiker (leider) aus den je eigenen Reihen der verschiedenen Religionen und Bekenntnisse kommen. Im wahnsinnig toleranten Anarcho-Blog Freies Neukölln die alte Leier:

Menschen, die sich schon lange aus allem Politischen raushalten, die brav ihrer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und ansonsten den ganzen Tag um sich selber kreisen, bei Spaziergängen und Kaffeepläuschchen, können sich jetzt nicht mit so einem religiösen Angsthabertum in den politischen Diskurs einklinken. Haben wir derzeit nicht andere Probleme, wirft die Weltlage im Moment nicht andere Fragen auf!? Oder sollen genau die verdrängt werden!? Es muss dringend verhindert werden, dass dieser ganze Konfessionskram politisch wird, weil die Religion für manche Menschen die ganz große Trostkulisse sein mag, aber das sollen die unter sich in ihren kleinen Bibelkreisen oder auf großen Kirchentagen ausmachen; uns brave Atheistenaber sollten sie damit in Ruhe lassen – ansonsten fühle ich mich schon sehr bald in meinen atheistischen Empfindungen schwerstens verletzt, und dann fange ich nicht nur an, Kirchen anzuzünden, sondern stülpe dem Papst auch noch ein Kondom über.

Liebe Macher des besagten Blogs: Achtung, solche Texte werden auch von anderen Menschen gelesen! Scheinbar begnügt sich heutige Religionskritik atheistischer Stoßrichtung noch immer damit, uralte Erkenntnisse von gestern mit Ressentiments und Klischees zu garnieren, die zeitgemäß und wahnsinnig kritisch daherkommen, aber in Wahrheit noch grauere Bärte tragen als der Weihnachtsmann. Schon der alttestamentliche Prophet Amos hatte da mehr zu bieten. Nicht von ungefähr merkt Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Eren Guevercin an:

Religionskritik ist heute zum stumpfen Werkzeug verkommen, es wollen zweitklassige Künstler und Drittligisten der Kultur auffallen. Früher haben sich die Atheisten und Agnostiker wenigstens etwas einfallen lassen.

Ob es Israel oder Palästina ist, oder die Frage: Pro oder Anti Reli – letzten Endes geht es den meisten Beteiligten solcher Diskussionen doch wohl nur um die Frage: „Hört mich auch jemand?“ Nabelschau und Selbstbefindlichkeiten, wohin man den Rüssel streckt. Gerade in Religionsfragen habe ich oft das Gefühl, dass Religionskritik im Grunde genommen stecken geblieben ist in den Grenzen des 19. Jahrhunderts. Und das hat dazu geführt, dass einstmals richtige Argumente zu Worthülsen verkommen sind; diese werden gebraucht von allzu vielen Ignoranten, die ihr Desinteresse und ihre Oberflächlichkeit bemänteln wollen mit einem schicken Outfit. Richard Dawkins und Co: Was gibt es Neues?

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