Deutsche Identity im Deutschlandfunk

Als Berufspendler bin ich angewiesen auf eine angemessene akustische Berieselung in meinem von Tauben zerschissenen Auto. Wenn ich Radio höre, dann am liebsten Deutschlandfunk. Die Qualität liegt dort im gesprochenen Wort – und ist zumeist garantiert. Zumeist. In Sachen Einschätzung politischer und gesellschaftlicher Sachlagen bewegt sich der Deutschlandfunk natürlich mittendrin im medialen Meinungsmainstream. Der Deutschlandfunkt trüge nicht seinen Namen, wenn es anders wäre. Das wurde deutlich bei der Berichterstattung zu „Durban II“, in besonderem Maße allerdings am letzten Donnerstag, als ich gleich zweimal das nur ironisch als solches nennbare „Vergnügen“ hatte, ein Interview mit dem Vorsitzenden der Identity-Stiftung, Peter J. Kothes zu hören. Einmal auf der Hin-, einmal auf der Rückfahrt.
Diese Foundation hat eine Studie zum Verhältnis der Deutschen zu Deutschland veröffentlicht: Wie das Ergebnis besagter Studie zeigt, haben diese Menschen „den Minderwertigkeitskomplex, eigentlich keine richtige Nation zu sein, überwunden. In entscheidendem Maße habe dazu beigetragen, dass Deutsche in der Außensicht positiv gesehen würden“.

Wenn man also eine Studie durchführt, ohne dabei wesentliche Schlüsselbegriffe („Deutschland“, „Deutsche“) inhaltlich zu klären, ist man kleingärtnermäßig davon abhängig, was Andere von einem denken. Wer wüsste das besser als Paul J. Kothes, PR-Manager, Kommunikationsberater und Autor des Buches Jesus für Manager! Minderwertigkeitskomplexe hat man „als Deutscher“ dadurch aber noch nicht überwunden. Und so muss Kothes immer wieder betonen, wie entspannt die Deutschen – wer immer das genau auch sein mag – geworden seien: Sich selbst und auch der eigenen Geschichte gegenüber:

Kothes: […] Die Deutschen haben ein durchaus entspanntes Verhältnis in der Zwischenzeit zum Deutschsein und natürlich auch zum Zeigen von deutschen Flaggen.

[Deutschlandfunk-Moderator Jochen] Spengler: Was heißt denn „entspannt“?

Kothes: Entspannt heißt, dass sie vieles von dem, was die Entspannung verhindert hat in der Vergangenheit, überwunden haben, und die Entspannung hat natürlich verhindert, dass wir als Nation nie so richtig eine Nation gewesen sind, als deutsche Nation, und dann, als wir es mal versucht haben, ist es gründlich daneben gegangen.

Spengler: Gehört denn nicht mehr in unser Bewusstsein die Erinnerung an die deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus?

Kothes: Doch. Es gibt eine substanzielle Zahl von Menschen, vor allem natürlich die ältere Generation, die hier noch eine große Betroffenheit hat, aber es wächst eben eine Generation heran, die da eine größere Gelassenheit hat, ohne das Thema zu verdrängen. Das ist, ich glaube, einer der wenigen Fälle auch durchaus in der Welt – ich habe das auch von anderen Meinungsbildnern gehört -, dass die Deutschen als eine der Nationen ihre Probleme durchaus ernsthaft versucht haben zu bearbeiten, und das zeigt jetzt Früchte.

Entspannung, Gelassenheit – wer in der heutigen Welt als Topmanager bestehen will, sollte diese Tugenden pflegen und hüten – zumal als Deutscher. Und jene ältere Generation, die noch immer betroffen über Hitlerbegeisterung und Massenmord sprechen will – nun, dieses Problem hat sich ja bald ohnehin biologisch gelöst. Kothes bescheinigt im folgenden Ausschnitt seinen Deutschen, was ihr Nationalbewusstsein angeht, eine „Kaffeehaus-Mentalität“, was wahrscheinlich jene Supi-Lockerheit unterstreichen soll, die seine Studie als Resultat hervorgebracht haben will. Angesprochen auf das Thema Nationalstolz, pochert es gutgelaunt aus ihm heraus:

Spengler: Nun hat der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann einmal auf die Frage, ob er Deutschland liebe, geantwortet, er liebe keine Staaten, er liebe seine Frau. Heute sagen 60 Prozent der Deutschen, sie seien stolz darauf, Deutsche zu sein. Diese Änderung, die stellen Sie fest?

Kothes: Ja, die ist doch sensationell.

Spengler: Wie kann man auf etwas stolz sein, wofür man selber gar nichts kann, was ja keiner eigenen Leistung entspricht?

Kothes: Na ja, das was funktioniert – das kennen Sie ja aus dem Alltag -, das erfüllt einen immer mit Freude, egal wo es herkommt. Der Erfolg hat viele Väter. Und allein die Tatsache, dass die Deutschen im Moment im Ausland wieder gut gesehen und gut gelitten sind, hat natürlich auch Rückwirkungen auf das Selbstverständnis der Deutschen, dass man sieht – und das ist für die Deutschen besonders wichtig -, dass sie sozusagen in der Außenperspektive positiv gesehen werden. Ich sage mal, dieser uralte – ich will es mal etwas überspitzt sagen – Minderwertigkeitskomplex, keine richtige Nation zu sein, der lässt natürlich immer darauf schielen, wie sehen uns die anderen.

Spengler: Das heißt, wenn man stolz ist, ein Deutscher zu sein, dann ist man eigentlich stolz darauf, dass man von anderen anerkannt wird und respektiert wird?

Kothes: Ja, natürlich. Aber das ist doch im normalen Leben genauso.

Spengler: Wie weit geht denn die Liebe zu Deutschland oder der Stolz auf Deutschland? Ist man nur bereit, die Steuern zu zahlen, oder auch sein Leben zu opfern fürs Vaterland?

Kothes: Na ja, das war die Idee mit dieser Kaffeehaus-Mentalität. Das ist eben „Deutschland light“. Das muss man schon so sagen. Die Bereitschaft, sich wirklich zu engagieren, ist nicht sehr ausgeprägt. Da gibt es zwar eine Gruppe von etwa 30 bis 40 Prozent Menschen, die auch wirklich substanziell etwas tun würden, und in Katastrophenfällen steigt diese Zahl besonders an, aber im Normalfalle fühlen sich die Deutschen nicht unbedingt verpflichtet. Im Gegenteil: Sie würden gerne sich engagieren, aber bitte nur freiwillig. Bloß keine Verpflichtungen!

Schon interessant: Die Deutschen wollen vor allem, dass man im Ausland gut über sie spricht. In England verriet mir einmal eine Sprechstundenhilfe, dass sie in der Lage sei, zwei deutsche Wörter zu sagen: „Heil Hitler!“ Fühlte ich mich als Deutscher diskreditiert? Irgendwie nicht. Ich fand den Scherz der Dame eher lustig. Was hätte unser Manager im Geiste Jesu, Kothes, unternommen? Vermutlich ganz locker die deutsche Nationalhymne als Klingelton abgespielt…
Für Kothes besteht anscheinend keinerlei Problem, wenn man hierzulande nur deshalb in Katastrophenfällen anderen Menschen zuhilfe eilt, weil man damit sein Nationalgefühl unterstreichen will. Nächstenliebe als nationale Pflicht. Das ist unverkrampft, damit sammelt man Punkte im Ausland. Ob bei der Beilegung internationaler Finanzkrisen oder der Erfüllung militärisch bzw. friedensmissionarisch definierter Bündnispflichten. Kothe kommt dann noch auf den Stolz der Deutschen auf ihre Leistungsfähigkeit zu sprechen, aber lassen wir das lieber.
Die Identity-Stiftung ist nichts Anderes als eine Propaganda-Maschine, die, von PR-Menschen geführt, nur vorgibt, „einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung des Komplexes Identität leisten“ zu wollen. Identität – allein das Wort schon!
Dass mit dieser Stiftung Nationalgeist und Kapitalismus ihre Zusammenkunft feiern, ist eine Sache. Dass der Deutschlandfunk aber am 30. April – wie gesagt – gleich zweimal Herrn Kothes interviewt, einmal in den „Informationen am Morgen“, einmal in „Kultur heute“ zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr, eine andere.
Jochen Spengler betätigte sich kurz nach dem Hahnenschrei als netter Stichwortgeber und sollte dennoch klingen wie ein kritischer Polit-Redakteur . Und dass Kothes seine Thesen nahezu identisch dann auch noch in besagtem Kulturmagazin zum Schlechtesten geben konnte – dafür sorgte eine ebenfalls nette Moderatorin, die ihre zahmen Fragen ihrerseits im Ton einer bedenkentragenden, halbbebrillten Klischee-Kulturredateurin stellte. Skepsis in der Stimme, Tristesse in der inhaltlichen Substanz.
Lieber Deutschlandfunk, hier also die Frage eines sehr treuen Hörers: Wen wollt Ihr denn verarschen? Doch wohl nicht die Deutschen?

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