Feminist Friedrich Engels und das schwere Geschäft mit der Solidarität

In Freitag Online erzählt Tristam Hunt vom intellektuellen Architekten des „Arbeiterbewegungs-Feminismus“, Friedrich Engels. Dieser, so Hunt, pangerte „als Sozialist… die Inanspruchnahme der Prostitution als die greifbarste Form der Ausbeutung des Proletariats durch die Bourgeoisie“ an. Andererseits nahm er „aber regelmäßig begeistert ihre Dienste in Anspruch. Er forderte die Gleichberechtigung von Frauen, konnte aber die Gesellschaft gebildeter Frauen nicht ertragen.“ Getrost verkneife ich mir jeden spöttischen, süffisanten oder auch nur sarkastischen Kommentar.
Mich erinnert Engels Verhalten allerdings sehr an die Art und Weise, wie viele Antideutsche (Linke?) sich im Zusammenhang mit Israel zu gerieren pflegen. Auf der einen Seite alles und jeden, der nicht vorbehaltslos jeder, aber auch wirklich jeder, Maßnahme der israelischen Regierung bzw. „Operation“ der israelischen Armee zustimmen mag, mit Antisemitismusverdacht belegen; auf der anderen Seite aber gerade jüdischen Kritikern israelischer Palästinenser- und Siedlungspolitik die Pest an den Hals wünschen. Auf der einen Seite Israel als das leuchtende Beispiel für Demokratie im Nahen und Mittleren Osten hofierend, andererseits aber selber – vorsichtig ausgedrückt – eher ungeduldig im Umgang mit Anderen, sei es aus Meinungs- und Weltanschauungsgründen (Stichwort: „Abschied aus der Linken“), sei es aus schlichtweg rassistischen Motiven.
Zu letzterem Punkt weiß Micha Brumlik anzumerken:

Ein Lieblingsthema der antideutschen Bloggosphäre ist der angeblich judenfeindliche Charakter nicht erst des arabischen Nationalismus, sondern schon des Islam selbst. Besonders gerne wird dabei unter Verkennung von wechselhaften 1.300 Jahren eine gerade Linie von der spätantiken Glaubenspolemik des Quran bis zu Hitlers Gast in Berlin, dem Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, gezogen. Dass Hadsch Amin in seinem Hass gegen die jüdische Einwanderung den Holocaust guthieß und dass Hitler wider seinen sonstigen allgemeinen Rassismus mit diesem Führer der Araber gute Beziehungen pflegte, ist unbestritten. Unbestreitbar ist auch, dass Hadsch Amin muslimischen, bosnischen SS-Divisionen seinen Segen erteilte. Nie wird dabei allerdings erwähnt, dass er kein Muslimbruder, sondern schlicht ein antisemitischer arabischer Faschist war.

Unter Vorspiegelung edler Motive – Kampf gegen Antisemitismus – wird nichts Anderes praktiziert als Hetze gegen „den“ Islam. Das Nachbeten steinzeitzionistischer Propaganda ist schon schlimm genug. Rassismus, „damit Auschwitz sich nicht wiederhole“, ist der Brocken, der die Kotztüte zum Platzen bringt.
Ausgerechnet in der Jungle World – und dann auch auf hagalil! – wurde im letzten August eine Abrechnung mit antideutschen Positionen, wie sie etwa der Wiener Politikwissenschaftler Stephan Grigat vertritt, veröffentlicht. Grigat hatte sich seinerseits gegen den Vorwurf, Antideutsche würden nichts Anderes praktizieren als Philosemitismus, wehren wollen – und war in den Augen der Verfasser besagten Jungle-World-Artikels grandios gescheitert.

Sein Pamphlet belegt eindrucksvoll, dass es den Antideutschen beim Thema Israel um pure Ideologie geht, um das, was Grigat »antideutsche Textproduktion« nennt. Real existierende Juden sind für sie nichts anderes als ein Mittel zum Zweck, die kruden Ideen dieser linken deut­schen Strömung zu untermauern, die nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Philosemiten packen Juden in Watte und romantisieren alles vermeintlich Jüdische. Grigat und Konsorten aber missbrauchen Juden als Projektionsfläche, die gefälligst als nichts anderes zu fungieren habe. In beiden Fällen gilt: Wirklichkeit stört nur. Philosemiten ist zumindest zuzutrauen, Juden im Fall des Falles zu Hilfe zu kommen.

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Wenn aus bestimmten pro-israelischen Kreisen darüber Klage geführt wird, die Palästinenser würden es mit ihrem Märtyrer- und Opferkult zu weit treiben, dann doch nur deshalb, weil man bislang erfolgreich davor hat hüten können, in den Spiegel zu schauen. Und wenn die israelische Armee bei ihrer täglichen Arbeit auch noch beklatscht wird, dann deshalb weil man sich auf antideutscher Seite ohnehin nicht in der realen Welt befindet. Um Wirklichkeit geht es nicht. Um Verantwortung auch nicht. Zudem scheint die bloße Idee, es könnte sich bei Palästinensern um fühlenden Menschen handeln, vielen dieser Israel-Freunde schier unerträglich zu sein.
Juden als Opfer dagegen sind ideal, denn man kann sich auf ihre Kosten selbst den Mantel des Gerechten umhängen. Und keiner hat etwas dagegen einzuwenden, denn niemand möchte als Antisemit gelten – politisch inkorrekt, okay, aber bitte nicht Antisemit.
Leider wird dieser Trick von den Opfern dann und wann durchschaut. Thomas Rothschild notiert:

In dem bemerkenswerten Dokumentarfilm Defamation von Yoav Shamir, der bei der Berlinale im Forum gezeigt wurde, sagt der Rabbiner Hecht, der in der Jüdischen Gemeinde für Menschenrechte zuständig ist, in Bezug auf die amerikanische Anti-Defamation League, die es sich ihrerseits zur Aufgabe gemacht hat, den Antisemitismus zu bekämpfen: „Ich bin immer sehr misstrauisch, wenn jemand seinen Lebensunterhalt durch bestimmte Situationen verdient. Wenn also eine Filmcrew davon lebt, Blut zu zeigen, dann bin ich jedesmal, wenn sie Blut zeigen, misstrauisch. Wenn jemand aufgrund seiner Berichte über Antisemitismus bekannt ist, dann mach ich mir so meine Gedanken. Sind seine Berichte richtig. Er muss ein Problem erzeugen, denn er braucht seinen Job.“

Viel zu oft wird von antideutschen Meinungsführern ein ähnliches Spiel betrieben, wie es Engels einst mit Prostituierten gespielt hat: Fordere ihre Befreiung und Ermächtigung, aber labe dich an ihrer Unfreiheit. So machte sich Engels gemein mit anderen Männern – und so stellen Antideutsche wie Grigat, die ja keine Philosemiten sein wollen, sich selbst tatsächlich mit Antisemiten auf eine Stufe. So leid es mir tut.

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