Aziz Abu Sarah: Ein Palästinenser und die Shoa

In der Ha’aretz wurde ein Blog-Artikel von Aziz Abu Sarah veröffentlicht: „A Palestinian Remembers the Holocaust“. Ein großartiger Text. Über Jahre hinweg war der Holocaust-Gedenktag für den Autoren des Artikels Anlass zu Unwohlsein und Verwirrung gewesen. Was bedeutet es, wenn ein Palästinenser sich in Solidarität mit den Opfern der Shoa übt? In diesem Jahr ein wichtiger Entschluss: „So this year my wife Marie and I decided to hold our own memorial by doing something I have put off for a long time: we watched the movie ‚Schindler’s List‘.“ Zum ersten Mal sah Abu Sarah diesen Film – für ihn ein wichtiger Schritt. Worum es ihm dabei ging, war das Gefühl der Verbundenheit mit den Opfern. Und: „I needed to go beyond nationality to acknowledge the loss of human life. Bereits Worte vermögen es, jüdische Israelis sowohl positiv für Abu Sarah einzunehmen, oder aber ihn in die Nähe von Ahmadenijad und Co zu rücken.
Die Erinnerung an die Katastrophe der Shoa ausschließlich im Sinne der orthodix-zionistischen Mythologie von der Entstehung des Staates Israel zu interpretieren – und nicht universalistisch – ist mittlerweile zumindest hierzulande so selbstverständlich geworden, dass Abu Sarahs Worte aufhorchen lassen, wenn nicht als skandalös empfungen werden müssen.
Auch für Anhänger jener palästinensischen Nationalbewegung, von der man gar nicht mehr weiss, ob sie wohl noch existiert, mögen diese Worte nicht einfach hinnehmbar zu sein. Wem will Abu Sarah gefallen? Den Israelis? Der Vorwurf der Kollaboration hängt in der Luft. Rückfrage: Haben Palästinenser nicht ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen, dass die Shoa zu einer israelisch-jüdischen Exklusiv-Veranstaltung wurde? Wie war das noch neulich mit dem Jugendorchester aus dem Flüchtlingslager Jenin, das nicht mehr spielen darf, weil es vor jüdischen Shoa-Überlebenden in Israel gespielt hat?

There was a stigma attached to it, an understanding that Israel would use the Holocaust to lobby for sympathy, then turn and use the sympathy as a terrible weapon against the Palestinian people. So when I was asked about the Holocaust, I always felt that defensive urge to say “It was not my fault! I suffered for it too.“

Es ist wahr, der Holocaust ist instrumentalisiert worden. Von Israelis, die einst von Auschwitz-Grenzen redeten, wenn es um die Besetzung palästinensischer Gebiete ging; die heute zur Verbesserung ihrer Sicherheitslage die Westbank mit Checkpoints überziehen, den Gazastreifen abriegeln und Häuser palästinensischer Familien zerstören; die an Flughäfen Araber von den anderen Fluggästen trennen und ihnen im besonderen Maße ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten; die selbst die wohlmeinendsten Gesprächspartner in die Nähe des Antisemitismus rücken, damit der Staat Israel nicht kritisiert werden; die als Siedler, Soldat oder Polizist an gemeinsamen Pogromen teilnehmen und palästinensische Dörfer heimsuchen, wie es ihnen gefällt. Von Deutschen, die ihren Kindern erzählen, man dürfe nichts mehr gegen Juden sagen, weil sich das für einen guten Deutschen nicht (mehr) gehöre. Von Palästinensern und ihren (auch deutschen) Unterstützern, die den Juden den Holocaust nicht verzeihen und sich dabei überschlagen, das selbst erfahrene Leid auf ähnliche Weise zu instrumentalisieren. Warum sonst die zahlreichen Shoa-Vergleiche in der letzten Zeit auf Palästina-Demonstrationen.
Die Palästinenser haben indirekt, gewissermaßen aus zweiter Hand, ebenfalls zu leiden (gehabt) unter der Shoa. Als ich im Sommer 2002 das erste und bisher einzige Mal in meinem Leben Gaza besuchte, wollte dieser eine Gedanke nicht aus meinem Kopf verschwinden: „Existiert diese Hölle auf Erden, weil Deutsche besonders deutsch sein wollten?“ Die sich nun aufdrängende Formel von den Palästinensern als Opfer der Opfer teile ich ausdrücklich nicht, denn das hieße deren Leid mit dem der jüdischen Opfer der Shoa aufzurechnen.
Einige Tage, anchdem Abu Sarah „Schindler’s Liste“ gesehen hatte, besuchte er Yad Vashem.

My heart was racing as I crossed the threshold of Yad Vashem in Jerusalem. I began looking at the pictures and reading the stories with the distinct awareness that I was the only Palestinian there. As I walked through the museum, however, my self-consciousness was replaced with shock. I could not believe how denigrated men could become to commit such atrocities. How could racism strip men of all humanity?

Wider wird in Abu Sarahs Worten jene Haltung widergespiegelt, die nicht nach dem ideologischen Nutzen, ja noch nicht einmal nach Sinn fragt, sondern nichts mehr auszudrücken versucht als Entsetzen und Anteilnahme; jene Haltung, die den Opfern der Geschichte die Autorität zuerkennen würde, wäre es an ihr, dies zu tun. Wahre Autorität wird nämlich nicht von außen zuerkannt, schon gar nicht posthum. Und von ebendiesem Geist sind die weiteren Zeilen in Abu Sarahs Text geprägt:

Visiting the Holocaust Museum and allowing my friends to share their stories was pivotal for my relationship with them. I could understand where they were coming from. I could empathize with their feelings that the world is against them. The Holocaust had shaped their awareness of the world around them, and my understanding of this tragedy was important for them to successfully communicate with me. This is why I decided to remember the Holocaust this year. Watching Schindler’s List, I was moved by the story to a degree that I cannot describe. It was impossible to fight the tears streaming from my eyes. The connection I made with those who suffered the Holocaust goes beyond nationality, religion or race; it was the connection of one man to another in the face of universally understandable pain.

Noch einmal zitiere ich Edward W. Said und sage danach nichts mehr:

Wie sollen wir von der Welt erwarten, dass sie die Leiden der Araber zur Kenntnis nimmt, wenn wir zum einen nicht fähig sind, Leid anderer anzuerkennen, auch wenn es unsere Unterdrücker sind, und wenn wir uns zum anderen weigern, uns mit Tatsachen zu beschäftigen, nur weil sie nicht in die schlichte Vorstellungswelt mancher wackerer Intellektueller passen, die den Zusammenhang zwischen dem Holocaust und Israel nicht sehen wollen! Zu verlangen, dass der Holocaust als Tatsache anerkannt wird, bedeutet keineswegs, zu entschuldigen, was der Zionismus den Palästinensern angetan hat.

Vielleicht eins noch: Ob Aziz Abu Sarah Itamar Shapira kennt?

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