Nichts als "Werbesprüche"(Buskampagne)

Ungläubige Werbebotschaften wollen die Betreiber der Buskampagne unters Volk bringen. Leider sind sie mit ihrem Unterfangen nicht ausschließlich auf Gegenliebe gestoßen:

Mit unserem Vorhaben, auch hierzulande Busse mit ungläubigen Werbebotschaften in den Nahverkehr zu bringen, sind wir bei Betreibern in ganz Deutschland auf Ablehnung gestoßen. Nicht zuletzt der aktuelle Rückzieher aus Essen wirft ein bedenkliches Licht auf die weltanschauliche Toleranz und Meinungsfreiheit in Deutschland.

Was ist geschehen in Essen?

„Die Ankündigung auf http://www.buskampagne.de, dass die EVAG diese Werbung schalten würde, hat zu massiven Beschwerden einzelner Kunden geführt, die sich in ihrer Weltanschauung gekränkt fühlen und deshalb die Dienstleistung der EVAG zukünftig nicht mehr in Anspruch nehmen wollten. Diese Beschwerden legen die Vermutung nahe, dass die EVAG mit Umsatzeinbußen und Kündigungen von Abonnements rechnen müsste. Als kommunales Unternehmen mit den bekannt schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen können wir diese Umsatzeinbußen nicht in Kauf nehmen.Wir müssen deswegen die Zusage vom 28.04.09 korrigieren. Diese Entscheidung wird vom Vorstand der EVAG getragen.Olaf Frei, Stellv. Pressesprecher

Im Verhalten der EVAG nun einen Anschlag auf „Toleranz und Meinungsfreiheit in Deutschland“ erkennen zu wollen, das vermag nur, wer sich ganz sicher ist, selbst einem absolut gerechten, wenn nicht höheren Anliegen zu folgen. Das kennen wir von Weltanschauungen verschiedenster Coleur. Noch der unduldsamste Dummkopf pocht auf Toleranz und Meinungsfreiheit, wenn es um seine eigenen Positionen geht.

Was die Angelegenheit noch unangenehmer macht: Die Macher der Buskampagne scheinen selbst sehr genau zu wissen, was das ist und wie das geht: Toleranz und Meinungsfreiheit. Einen Bus mit der Botschaft zu plakatieren: „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich keinen Gott.“ – nun, wer sich heute darüber noch aufregt, kann sich seiner eigenen (Un-)Glaubens doch nicht allzu sicher sein.

Problematisch ist das Verhalten der EVAG deshalb, weil Geldangelegenheiten mal wieder für wichtiger gehalten werden als direkte Demokratie. Hätte es sich bei der Buskampagne um die Aktion einer mächtigen Interessensgemeinschaft, vielleicht sogar eines international vernetzten Konzerns, gehandelt, die EVAG hätte bestimmt nicht nur ihren Stellvertretenen Pressesprecher vorgeschickt, um den Betreibern auf Knien zu danken – und aufgebrachte Fahrgäste als Wirrköpfe bzw. unbelehrbare Fanatiker zu brandmarken.

Die Chance der Betreiber der Buskampagne, sympathisch zu wirken, wird von diesen leider kläglich vertan, denn die Herrschaften kommen doch recht selbstgerecht rüber. Im Brustton der Überzeugung, sich mutig jenem Strom der Zeit entgegenzustellen, dessen Teil man doch eigentlich ist, kriegen sie nicht genug von sich selbst. Es geht mit einem Bus auf Deutschland-Tour:

Wir möchten aber gesehen werden – und zwar in ganz Deutschland. Deshalb haben wir einfach einen großen Doppeldeckerbus gemietet und mit unseren Werbesprüchen beklebt. Mit diesem „gottlosen“ Gefährt machen wir eine große Deutschland-Tour und bieten an vielen Stationen thematische Stadtrundfahrten an. Denn es gibt doch viel mehr Spannendes zu erfahren über Aufklärung, Wissenschaft, Religionsgeschichte und Atheismus als die paar Zeilen, die außen auf den Bus passen!

Nichts gegen selbstbewusstes Auftreten. Aber das eigene Anliegen einerseits in den Dreck ziehen, indem man es lediglich als „Werbesprüche“ zu bezeichnet, und dann andererseits für sich in Anspruch nehmen, „Aufklärung, Wissenschaft, Religionsgeschichte und Atheismus“ zu repräsentieren: Da wird stumpf gemacht, was umso schärfer erscheinen soll. Und alles nur, um dem Vorwurf zu entgehen, mit der Buskampagne griffen Atheisten zu missionarischen Mitteln? Wieder sei Feridun Zaimoglu zitiert:

Religionskritik ist heute zum stumpfen Werkzeug verkommen, es wollen zweitklassige Künstler und Drittligisten der Kultur auffallen. Früher haben sich die Atheisten und Agnostiker wenigstens etwas einfallen lassen.

Da hör‘ ich echt lieber Bad Religion – deren beste Platte nach meiner Meinung: „Against the Grain“.

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