Shimon Peres- das Gesicht Israels

Shimon Peres ist das Gesicht Israels. Und das weiss er auch. Vielen Israel-Freunden gilt er als unermüdlicher, starker und vor allem mutiger Kämpfer für einen Frieden zwischen israelischen Juden und Palästinensern. Kein Wunder: Es gibt ja auch ein Institut namens Peres Center for Peace. Zusammen mit Yitzhak Rabin und Yassir Arafat erhielt er den Friedensnobelpreis. Iris Berben nennt ihn Freund. Eine echte Taube. Peres erfüllt dermaßen gründlich die Erfordernisse seiner Sache – die Sache des Landes, dessen Präsident er ist -, dass Gideon Levy fordert:

Löst das neue Informations- und Diasporaministerium auf, verzichtet auf den neuen Außenminister, man kann auch die Informationsabteilungen beim Likud und Israel-Beiteinu schließen – wir haben einen neuen Propaganda-Minister. Wir hatten mehr und weniger erfolgreiche Präsidenten, aber einen Präsidenten, der als Propagandist der Regierung fungiert, hatten wir noch nicht. Jetzt haben wir einen: Shimon Peres hat sich selbst für dieses untaugliche Amt ernannt.

Levy geht es um Präsident Peres, der eine Regierung ernannt hat, die als rechts-konservativ zu bezeichnen alle rechts-konservativen Regierungen als Anarchien dastehen ließe. Und nun ürgt er für Netanyahu und Co mit seinem guten Namen

Statt ein wirkliches Bild zu geben – zeigt er noch einen Maskenball. Zuerst hat er Avigdor Liebermann legitimiert (der gestern in Italien sagte, dass „ bei dieser ganzen Friedensindustrie nichts herausgekommen sei“, deren Geburtshelfer Peres war), Dann erzählte er seinen Gastgebern: „Netanjahu sucht einen historischen Frieden“ und „seitdem er gewählt wurde, hörte ich nie etwas, dass er gegen eine Zwei-Staaten-Lösung sei … Frieden steht ganz oben auf seiner Agenda.“ Und nichts weniger. Netanyahus Sprecher hätten es nicht besser sagen können.

Nicht, dass all dies so überraschend wäre: Avi Shlaim hat in seinem Buch The Iron Wall Peres als Technokraten bezeichnet. Peres geht es nicht um Frieden, sondern um die Durchsetzung seiner Sache. Als Peres, der 1996 als Kandidat der Arbeitspartei mit Netanyahu um das Amt des Premierministers rang, merkte, dass er sich schon zu lange auf den Lorbeeren des ermordeten Yitzhak Rabin ausgeruht hatte, liess er Hisbollah-Stellungen im Libanon bombardieren. Das Ergebnis: Mehr als 100 Tote. Als Ariel Sharon 2001 an seine Tür klopfte, stimmte er freudig der Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit zu. Peres ist kein Friedenspolitiker, eher ein Friedensverkäufer.

Netanjahu und Lieberman haben noch nicht den geringsten Schritt in Richtung Frieden getan, und schon hat Peres sie zu Aktivisten von „ Peace Now- Frieden jetzt“ gemacht. Es ist schwierig zu sagen , ob es in der Welt jemanden gibt, der diese faule, manipulierte Ware abnimmt, die Peres zu verkaufen versucht. Aber inzwischen missbraucht er sein Amt.

Und er ist sich dafür für nichts zu schade. Um auf der Washingtoner AIPAC-Konferenz in der vergangenen Woche Netanyahu und Co noch heller scheinen zu lassen und die Tatsache von Besatzung, Abriegelung, Siedlungsbau und Landraub noch weiter in den Hintergrund treten zu lassen, beschwor er die iranische Gefahr herauf – und es kam, was kommen musste. In den Worten von Uri Avnery:

Er benahm sich wie ein neuer Winston Churchill, der Mann, der die Welt seinerzeit vor dem Aufstieg Nazi-Deutschlands warnte, und sagte in schwülstiger Rede: „Als Juden können wir den Iran nur mit Nazi-Deutschland vergleichen.“

Und genau diesen letzten Satz nimmt Avnery seinem Präsidenten übel:

Nichts, was heute in der Welt geschieht, ähnelt der Shoa, in der sechs Millionen Juden ausgelöscht wurden. Die Palästinenser vernichteten keine sechs Millionen Israelis, und wir töteten keine sechs Millionen Palästinenser. Die Araber mit den Nazis zu vergleichen, ist nicht weniger abstoßend, als wenn man die Israelis mit den Nazis vergleicht. Viele schreckliche Dinge sind in unserm Namen begangen worden und werden noch begangen – aber sie sind so weit von den Taten der Nazis entfernt wie die Erde von entfernten Galaxien.

Jeder solche Vergleich um irgendeiner Propaganda willen trivialisiert den Holocaust und macht seine Täter weniger schuldig. Wenn die Nazis nicht schlimmer waren als die Ayatollas, dann war die Shoa nicht so schrecklich, wie sie war.

Aber genau das ist der Punkt. Die Shoa war für Peres nur deshalb furchtbar, weil sie ansonsten ihren Zweck für den Staat Israel nicht erfüllen würde. Nach einer ähnlichen Logik weisen Politiker und Lehrer hierzulande gern darauf hin, dass der Nationalsozialismus deshalb schrecklich war, weil er dem Ansehen Deutschlands geschadet habe. Irans Staatspräsident andererseits zieht seinen Nutzen daraus und tut so, als ginge ihm die Lage der Palästinenser nicht fundamental am Allerwertesten vorbei. Dass Peres die Opfer der Shoa persönlich ebenso egal sein könnten, sei hiermit übrigens nicht angenommen: Aus Peres‘ Familie sind im Zuge der Umsetzung der Nazi-deutschen Judenpolitik zahlreiche Mitglieder ermordet worden. Das Geschäft, das Peres betreibt, führt auf eine Trivialisierung der Nazi-Opfer – zumal der jüdischen – hinaus, ohne dass dies AIPACs liebster Friedenstaube klar zu sein scheint – oder ein Problem bereitet. Vielleicht ist es auch ganz einfach unerklärlich.

Shimon Peres ist das Gesicht jenes Israels, in welchem die Welt glaubt, einen Wunsch nach Frieden erblicken zu dürfen. Seinen toten Weggefährten Rabin imitierend, spielte er AIPAC eine perfekte Seifenoper vor: „Genug…genug!“ Noch einmal Levy:

Mit nach Frieden ausgestreckten Armen eröffnete Israel innerhalb von zwei Jahren zwei verbrecherische Kriege und Peres sagte kein Piep. Mit nach Frieden ausgestreckten Armen fährt Israel fort, in den besetzten Gebieten Siedlungen zu bauen – der Präsident hat darüber kein Wort verloren. Genug Zerstörung? Und was ist mit der schrecklichen Zerstörung, die Israel völlig unnötig in Gaza verursacht hat? Kein Wort von Peres. Kein Hass mehr? Und was genau hat Israel in Gaza von Kampfflugzeugen abgeworfen? Peres ist stumm.

Was, wenn sich Peres gar nicht nach Frieden sehnt? Was, wenn jener Friede, von dem Peres allen in der Welt kündet, das Ende aller Hoffnung ist? Genug! Genug!

P.S.: Die ins Deutsche übersetzten Artikel von Levy und Avnery erstellte (im Falle des Levy-Textes zusammen mit A. Melzer) und übersandte per Email Ellen Rohlfs. Vielen Dank!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Shimon Peres- das Gesicht Israels

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s