Der Nahostkonflikt ist Kein Religionskrieg.

Ich bin überzeugt, dass die Rolle der Religion im Hinblick auf den Nahostkonflikt mitunter völlig falsch definiert worden ist.
Wem wollte nicht die Kotze hochkommen, wenn sog. geistige Oberhäupter der Palästinenser die Opferbereitschaft ihrer Landsleute anzustacheln versuchen, indem sie Selbstmordattentäter, aber auch ermordete Kinder zu Märtyrern stilisierten. Wem wird nicht abermals schlecht, wenn israelische Siedlungspolitik mit dem Hinweis auf Gottes Verheißungen an das Volk Israel seit Abraham gerechtfertig wird? Und wer möchte nicht das Weite suchen, wenn Christliche Zionisten einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern als Anfang vom Ende der Welt denunzieren, dabei sich in ihrer Rolle als „Freunde Israels“ selbst gefallen – und doch nur darauf warten, dass sich Juden endlich zu Jesus bekennen. Besonders ärgerniserregend: Wenn diese „Christen“ am Jerusalemer Gartengrab unschuldige Passanten mit ihrem Jerusalemkomplex behelligen, sind ihnen ihre palästinensischen Glaubensgeschwister ziemlich egal. Religion hat in der Geschichte des Nahen Ostens eine im Großen und Ganzen problematische Rolle gespielt. Die prophetischen Worte, man wolle und solle Jerusalem nicht vergessen, haben diese Stadt nicht so sehr als Stadt des Friedens, sondern eher als Schlachtbank zweier Völker erscheinen lassen. In den Worten des libanesisch-syrischen Denkers Adonis:

Es ist allgemein bekannt, dass jede der drei Religionen, sei es das Judentum, das Christentum oder der Islam, davon ausgeht, dass Gott ihr, und nur ihr, eine jeweils einzigartige Botschaft hat zukommen lassen. In der Folge wird diese in der Praxis zur absoluten Ideologie sowie die Auslegung der Schrift der jeweiligen Religion zum einzig wahren und möglichen Gottesverständnis erhoben.
Alle anderen Zugänge zu Gott gelten als nichtig. So wird das Wort Gottes zum Machtinstrument und seine Auslegung als kulturelle Autorität zur Begründung politisch-gesellschaftlicher Macht instrumentalisiert.

Trotz dieser sehr richtigen Beobachtungen halte ich daran fest: Der Nahostkonflikt ist kein religiöser Konflikt. Die von Adonis beschworene Gleichberechtigung der Menschen des Nahen Ostens ist auf politischem Wege zu erringen. Beschreitet man hier religiöse Wege, mag man enden wie jener Dummkopf, der, um sein eigenes Liebesleben aufzusexen, auch die Geliebte seines Nachbarn begehrt. Mit anderen Worten: Mit dem Glauben ist es wie mit einem geliebten Menschen. Man ist sich bewusst, dass auch andere Eltern schöne Söhne und Töchter haben, aber man hat sich – und das gern – für diesen einen Menschen entschieden. Glaube hat eben nichts mit Intoleranz zu tun, aber auch nichts mit jener Toleranz, die den Standpunkt des Anderen nur „ertragen“ kann. So wenig wie in der Liebe funktionieren auch in der Religion weder das Prinzip Swingerclub, noch das System der Einmauerung. Adonis ist zuzustimmen: Aus religiöser Arroganz speisen sich viel zu oft Chauvinismus, Rassismus und Gewalt. Aber es geht auch anders.
Der erklärte Agnostiker Roi Ben-Yehuda stellt in seinem Blog/seinem jüngsten Ha’aretz-Artikel, den gerade zuendegegangenen Papstbesuch reflektierend, die positive Rolle des Glaubens bzw. der Religionen bei der Beilegung bzw. Regelung von Konflikten heraus. Er hinterfragt entschieden die landläufige Auffassung, nach welcher Religion den Nahostkonflikt immer nur weiter befeuert habe:

The conclusion being that removing religion from the scene will go a long way in solving the century-old conflict. A somewhat comical example of this position comes Marwan Kanafani, special adviser to the late Yasser Arafat, who in 1994 replied to a question about the place of religion in the Oslo peace process by stating:“The way to take care of religion in the dispute is to put the sheikhs in mosques, the rabbis in synagogues and priests in churches, and then lock the doors behind them and throw the keys away in the sea – they can only interfere with the process.” This is a seductive but ultimately wrong-headed position. Religion can (and must) play a positive role in the peace process. All the more so in the Holy Land, where religion actually matters. A lot.

Religion als ein wesentlicher Aspekt der von den Menschen des Nahen Ostens als solche wahrgenommenen Wirklichkeit. Wie oft hört man die u.a. antisemitische Forderung, der gemäß besagter Konflikt nur dann ein Ende finden könne, wenn man alle Religionen ein für alle Mal verbiete. Ben-Yehuda verweist auf positive Beispiele, verkörpert durch große Persönlichkeiten, in welchen Religion die treibende Kraft und Inspirationsquelle zum Frieden war:

Without whitewashing the atrocities done in her name, it is important to remember that the religious imagination has also brought forth some of humankind’s most arresting moral, aesthetic and intellectual achievements. The 20th century alone, hardly a religious century, boasts the likes of Mohandas Gandhi, Martin Luther King Jr, Abdul Ghaffar Khan, Dietrich Bonhoeffer, Malcolm X, Desmond Tutu, Mother Theresa, and Abraham Joshua Heschel. The moral greatness of these individuals was not despite of their religiosity but precisely because of it.

Bevor ich diesen Post mit der wichtigsten Passage aus Ben-Yehudas Artikel schließe, erinnere ich mich jener Momente, in denen glaubende Menschen sich vor rationalistisch veranlagten Zeitgenossen – allein dieser konstruierte Gegensatz schon! – für ihren vermeintlichen Aberglauben zu rechtfertigen haben bzw. hatten.

At its best, and that is what we should focus on, religion engenders its followers with a sense of wonder and respect for God’s creation. The religious perspective recognizes the inviolability of a life made in the image of God. It therefore makes moral claims which aim to transcend individual and group ego-centrism and challenges us to act with compassion towards others.
Crucial for peacemaking, the religions of the region each acknowledge the human capacity to inflict and receive pain – physically and emotionally – and through models of reconciliation (such as forgiveness rituals) each provides us with time-tested and indigenous methods of peacemaking.
Whatever differences there are to be found among the world’s great religious traditions (and these need not be ignored), most share a basic and positive worldview about the nature of the universe and our purpose in it.

Schön, oder?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s