Brumlik zum Kermani-Skandal: Keinen Preis für Niemand!

Auch Micha Brumlik hat sich so seine Gedanken zum Kermani-Skandal gemacht:

Die Form, in der Navid Kermani der ihm verliehene Hessische Kulturpreis von der
Wiesbadener Staatskanzlei entzogen wurde, spottet nicht nur jeder Form von
Höflichkeit, sondern stellt einen integrationspolitischen GAU erster Ordnung
dar. Ja, einen GAU, ein Größtmöglich Anzunehmender Unfall: Es dürfte unter den
ohnehin an den Fingern abzählbaren muslimischen Intellektuellen in Deutschland
keinen anderen geben, der sich so intensiv und kenntnisreich mit dem Christentum
auseinandergesetzt hat wie Kermani. Dabei hat
er auf höchstem Niveau jene Gefühle in Argumente gebracht, die seit mehr als
zweitausend Jahren aufgeklärte Heiden, Juden und später Muslime davon abhalten,
sich von der Theologie des Kreuzes trotz der damit verbundenen frohen Botschaft
überzeugen zu lassen. Der Apostel Paulus, aus dessen Variante des Judentums
später die christliche Religion entstand, wusste es besser, er wusste, was er
seinen Adressaten mit der Lehre vom gekreuzigten und auferweckten Messias
zumutete: „den Griechen eine Torheit und den Juden ein Ärgernis“. Kermani hat
das artikuliert, was vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, ebenfalls
empfinden dürften. Dass das Erschrecken darüber so groß ist, beweist aber nur,
dass man, was den interreligiösen Dialog betrifft, bisher in einer Scheinwelt
gelebt hat. Wird nun einem dialogbereiten und fähigen Muslim bedeutet, dass er
gerade deshalb, weil er Vorbehalte gegenüber der Kreuzestheologie hat, trotz
großer Leistungen unwürdig ist, einen Preis zu erhalten, so heißt das nichts
anderes, als dass alle anderen Muslime dieser Kultur ebenfalls nicht angehören.
Das ist der integrationspolitische GAU, das überaus fatale Signal, das alle
verantwortungsbewussten Kräfte in dieser Gesellschaft vermeiden müssen. Die
Ausgrenzung Kermanis kann nur dazu führen, integrationswillige Muslime in die
Arme der Fundamentalisten zu treiben.

Sehr bedenkenswert, zumal einem noch einmal die Ungeheuerlichkeit des gesamten Vorgangs nochmals deutlich wird:

Die Schreiben von Kardinal Lehmann und Professor Steinacker, das Schweigen von
Professor Korn sind, wenngleich in der Sache nicht wirklich akzeptabel, so doch
immerhin respektabel. Der kulturpolitische Eklat jedoch ist alleine vom
hessischen Ministerpräsidenten und einem zwar gutwilligen, von der Sache her
jedoch völlig überforderten Kuratorium zu verantworten. Diese Instanzen haben
ausgespielt und werden den Schaden nicht mehr beheben.

Auch wenn ich nicht weiss, was an der einen Brief und des anderen Schweigen so respektabel gewesen sein soll, seien wir doch mal ehrlich: Das gesamte Possenspiel um den Hessischen Kulturpreis demaskiert einmal mehr die ja gar nicht vorhandene, d.h. auch gar nicht angestrebte interkulturelle Kompetenz von Ministerpräsident Roland „Anti-Doppelpass“ Koch. Auf den Lorbeeren eines Kulturpreises, der von diesem Landesvater ausgelobt wird, sollte man sich nicht ausruhen. Wahrscheinlich ein Grund, warum Kermani dem Anschein nach so gelassen auf seine Ausbootung reagiert hat. Wenn ein Zeichen für einen wie auch immer definierten interreligiösen/interkulturellen Dialog ausgehen kann, dann, so Brumlik, dieses:

Erst dann, wenn alle Nominierten keinen Preis mehr haben, wird sich ein durch
diese Erfahrung des Scheiterns bereicherter Dialog auf Augenhöhe führen lassen.

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