Nach Netanyahus US-Besuch: Das Eis wird wieder dicker.


Vielleicht haben die Protokollanten auch einfach nicht ihren Job gemacht – aber in der von Obama und Netanyahu abgehaltenen Pressekonferenz am 18.5., in welcher Netanyahus Besuch in Washington bilanziert wurde, fällt nicht einmal das Wort occupation (= Besatzung). Stattdessen offenbarte der neue US-Präsident, auf der Basis welcher Geschichtsnarrative die US-Regierung ihre neue Strategie zu entwickeln gedenkt.

Mit Obamas Bekenntnis zu Israel als einem jüdischen Staat habe ich – vielleicht zumindest zu diesem Zeitpunkt – Probleme, denn
1. es ist nicht klar, was mit jüdisch gemeint ist – ich erinnere an Moshe Zuckermann! Ich möchte jedenfalls nicht wissen, was mit all jenen geschehen wird, die einer etwaiger Staatsdoktrin zu diesem Punkt nicht folgen bzw. staatsbürgerlich angemessenes Verhalten im Sinne dieser Doktrin nicht an den Tag legen mögen. Ein schwerer Schlag für alle Nicht-Juden in Israel, aber auch für das im Zionismus wichtige Streben nach jüdischer Unabhängigkeit. Unabhängigkeit nur im Kollektiv? Nur in einer Nation?
2. 25 Prozent der Bevölkerung des Staates Israel erhalten damit die Botschaft : Israel ist nicht der Staat seiner Bürger. Israel ist keine Demokratie, sondern eine Ethnokratie.
3. das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge seit 1948 scheint damit besiegelt.
4. es wird weiter dazu beitragen, dass der Staat Israel nicht etwa in die Gemeinschaft der Staaten, Regionen und Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens integriert wird, sondern isoliert bleibt – und auf unabsehbare Zeit auf ideologische, militärische und wirtschaftliche Hilfe von weit draußen angewiesen bleiben wird.
5. die Geschichte des Nahostkonflikts, der ja nicht erst 1948 begann, sondern spätestens mit der Balfour-Erklärung 1917, als sich die britische Mandatsmacht einseitig für die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats aussprach, gelangt einmal mehr an einen Punkt, an welchem ein selbsternannter honest broker die Geschichtsversion einer von mehreren Konfliktparteien übernimmt.
6. Elemente eines Zionismus‘, der nicht Opfer fordert, sondern auf Ausgleich hin angelegt ist (Achad Ha’am; Judah Magnes; Martin Buber; Yeshayahu Leibovitz, Uri Avnery – um nur einige Vertreter entsprechender Strömungen zu nennen), verkommen damit ein für alle Mal zu Episoden.
7. die palästinensischen Katastrophe(n) verkommen zu Szenarios , in welchen ethnische Säuberungen, Massaker, Entrechtung und Landraub als „furchtbar, aber notwendig“ angesehen werden – so sieht es bekanntlich der (in gewissen Kreisen) angesehene Historiker Benny Morris.

Premierminister Netanyahu hat es auf besagter Pressekonferenz demonstriert: Trotz 1300 Toter in Gaza sind es allein die Opfer palästinensischer Raketenangriffe, die im Auge des kollektiven Betrachters zu zählen haben. Entgegen des von Israel betriebenen Raubs palästinensischer Ländereien und einer Kulturindustrie, die dem Staat Israel so sehr gewogen ist, dass alles Palästinensische aus dem Blickfeld der Zions-Liebenden getilgt wird (Landschaftsarchitektur von Westbanksiedlungen; Ölgemälde, die man im Jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt erstehen kann, auf denen Jerusalem ohne Felsendom und Al-Aqsa-Moschee zu sehen ist, Werbeplakate …na, wer sieht es?) – darf sich Netanyahu im Namen aller Freunde Israels darüber beschweren, in Gaza lebten Menschen, die Israel zerstören wollten.
Und Obama will diesen Premier unter Druck gesetzt haben?
Momentan bin ich wieder sehr pessimistisch. Das Eis ist dicker geworden.

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