Peter Ullrich als Projektionsfläche

Die einen sehen in Peter Ullrichs Buch Die Linke, Israel und Palästina. Nahostdiskurse in Großbritannien und Deutschland als höchst problematisch an, weil die Frage, „warum die Solidarisierung mit den Palästinensern in Deutschland so viel komplizierter zu sein scheint“, speziell für Marx 21 Tabu ist. Und so raten die Hohenpriester des internationalen Sozialismus ihrer Gefolgschaft:

„Das Werk lässt sich unentgeltlich auf der Homepage der Rosa-Luxemburg-Stiftung herunterladen. Aber selbst die kostenlose Lektüre des Buches kann nicht empfohlen werden.“

(Danke an Peter Ullrich!)
Andere hingegen sehen in dem Werk das Produkt von Glaubenseiferei, denn die Realitäten im Nahen Osten lassen sich nun einmal nur sachgerecht analysieren, wenn man die westliche Brille aufbehält. Thomas Hummitzsch macht es vor:

Während sich die Denker und Strategen der politischen Mitte inzwischen mit den eigentlichen Fragen im Nahen Osten befassen (Lösung der Flüchtlings-, Siedlungs-, Grenz- und Jerusalemfrage), diskutiert die deutsche Linke immer noch über das Huhn und sein Ei, über Gut und Böse, über richtig und falsch. Doch die nahöstlichen Realitäten sind sehr viel komplexer, als dass sie mit diesen Kategorien erfasst werden könnten. Im Nahen Osten herrschen Verhältnisse, die in der Politikwissenschaft als asymmetrisch bezeichnet werden. Ein waffentechnisch weit überlegender Staat steht verschiedenen, rudimentär ausgerüsteten, aber vor allem fanatisch angestachelten Kampfeinheiten gegenüber. Diese gehören zu Organisationen, die zugleich politische Partei, karitative Organisation und im Untergrund kämpfende, terroristische Zelle sein wollen.

Da hat er ja gar nicht so unrecht, der Herr Hummitzsch, und man möchte ihm beipflichten, wenn nicht bei ihm jene Arroganz durchscheinen würde, mit der längst nicht mehr nach Gut und Böse, sondern nach Gemäßigt und Extremistisch unterschieden wird. Gemäßigt ist, wer rein pragmatisch-technokratisch mal schön alle Befindlichkeiten außen vor lässt – sind ja sowieso alles Verrückte, die Juden, die Palis und die Linken. Gemäßigt ist, wer den Maßstäben derer, die langsam keine Lust mehr haben auf das ewige Geballer und Geheule aus Nahost, genügt. Thomas Hummitzsch ist einer von ihnen. Diese scheinbar neutrale Haltung wird von Hummitzsch aber schon gewissermaßen vorauseilend verraten, denn letztlich nimmt er den Linken nicht deren Gut-Böse-Denken übel, nein, für ihn hassen die Linken alle Israel – und entziehen sich ihrer geschichtlichen Verantwortung:

In den 70er Jahren entstand neben dieser, aus der geschichtlichen Verantwortung hervorgegangenen proisraelischen Gesinnung eine antiisraelische Haltung, die sich aus dem Aufbegehren der Linken gegen den weltweiten Imperialismus des Kalten Krieges ergab. In diesem Verständnis war der palästinensische Befreiungskampf Teil der globalen antiimperialistischen Bewegung und als solcher in jeder Form gerechtfertigt und gutzuheißen. Dieses Weltbild kennt bis heute nur Besatzer und Besetzte und die Rollen sind klar verteilt: Demzufolge besetzt die Kolonialmacht Israel bis heute das historische Palästina. Die ungleichen Kräfteverhältnisse, die Siedlungspolitik und die schlechten Lebensbedingungen in den palästinensischen Gebieten unterstützen diese Ansicht.

Besatzung und Landraub als Ansicht. Da haben wir sie wieder, die deutschen Befindlichkeiten. Keine Ahnung, wer Ullrichs Buch überhaupt wirklich gelesen hat – Marx21 wird vom Autoren des Buches Schludrigkeit bescheinigt. Und wieso Hummitzsch glaubt, anderen ihr Gerechtigkeitsempfinden ausreden zu dürfen, aber das eigene unhinterfragt-unhinterfragbar als gegebene Tatsache in den Raum stellt, wissen nur die Götter. Fest steht: Nicht nur Israel und Palästina, nicht nur die Diskussion über Nahost, sondern auch die Diskussion über die Diskussion über Nahost eignen sich anscheinend hervorragend als Projektionsflächen für hiesige Nahost-„Experten“. Es ist ein Wahnsinn. Echt.

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