Steinzeitzionismus ahoi!

Deutsche Israel-Liebe und ihre seltsamen Blüten – so etwas findet sich hier. Auf den ersten Blick kann man nur staunen. Danach ist man, ganz Paranoiker, dass solch ein Blog nicht ernstgemeint sein kann, sondern von irgendwelchen Spaßmachern geschaltet worden ist, um antideutsche, israelromantische, islamophobe, antiarabische „Nahost-Interessierte“ aufs Korn zu nehmen. Allein der Banner! Und der Jerusalem-Post-Newsticker. Und dann der Blogroll. Und die markige Aufforderung: „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht beim Perser!“ Aber den Machenden dieses Blogs ist es ernst, sie sind honestly besorgt. Auch sie wollen Frieden in Nahost, gewissermaßen BAK Shalom. Sie denken darüber nach, wie Israel in Frieden leben kann – und was mit diesen lästigen Palästinensern zu tun sei. So können sie sich anfreunden mit Alternativen jenseits der Zwei-Staaten-Lösung, sie sind ja nicht nur Israel-Fans, sondern auch Likudniks.

Die gebetsmühlenartige Wiederholung der Zwei-Staaten-Lösung trägt nicht zu einer Lösung des Konfliktes bei. Nachdem Arafat Ehud Baraks Vorschläge 2000 vom Tisch gefegt hat, muss sich endlich auch die Seite der Palästinenser bewegen: Weg vom Rückkehrrecht, Weg von der Teilung Jerusalems, bedingungslose Anerkennung Israels als jüdischen Staat und schluss mit den Zweideutigkeiten und dem Terror.

Die „Generous-offer“-Mythologie bereitwillig aufgelöffelt, völlig aufgehend im eigenen Autoritarismus, gibt man die Palästinenser zum Abschuss frei. Anlass für solche Überlegungen ist eine Knesset-Konferenz, die sich eben mit Alternativen zur Zwei-Staaten-Lösung befasst hat. Veranstalter: Das Knesset-Kühen Tzipi Hotovely (Likud). Die politische Rechte in Israel und ihre zahlreichen Fans in aller Welt und allen Kirchen baut schon einmal die Wagenburg auf. Israel steht allein, weil man auf internationaler Ebene über die Zwei-Staaten-Lösung diskutiert. In den enttäuschten Worten der Blog-Machenden:

Während man in Europa und auch in den USA krampfhaft an der Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung festhält und Israel bei jeder Gelegenheit damit zu gängeln versucht, scheint in Israel niemand wirklich mehr daran zu glauben. Denn wer über zwei Staaten – Israel und Palästina – nachdenkt, muss sich Gedanken machen, wie die beiden Todfeinde Hamas und Fatah in einen Staat gebracht werden sollen, ganz abgesehen davon, dass für die Hamas-Fraktion bis heute zwei Staaten nicht ihrer Vorstellung von einem großpalästinensischen Staat entspricht. Auch beantwortet die bedingungslose Forderung nach zwei Staaten nicht die Frage, wie z.B. sich die Bewaffnung einer zukünftigen palästinensischen Armee auf das Existenzrecht Israels auswirken würde. Alles Detailfragen, die im Zuge der maßlosen Zwei-Staaten-Forderung untergehen.

Folgende Stichworte fallen mir ins Hirn: Opferkomplex, Palästinenser als Wilde und gleichzeitig als Großmachtträumende (um nicht zu sagen… na, ist schon klar, oder), Hamas gleich Fatah, Israel allein in der Welt, weil nicht Israel, sondern die Zwei-Staaten-Lösung „bedingungslos“unterstützt wird… Des Wahnsinns ist kein Ende.
Sicher, auch ich bin nicht sicher, ob die Zwei-Staaten-Lösung das Allheilmittel für die offene Wunde Nahost sein wird. Auch liberalere Geister (Phil Weiss etc.)- selbst auf der palästinensischen Seite (Ali Abuminah) denken über Alternativen zur Zwei-Staaten-Löung nach. Aber mit denen will man ja nichts zu tun haben – weder auf Seiten des Likud-Blocks, noch bei den Machenden des Blogs.
Was also sind jene Alternativvorschläge, mit denen sich ein guter Likudnik eher anfreunden kann? Worin besteht der „visionäre Kern“(Rainer Zimmer-Winkel) der „neue[n] Herangehensweise der Regierung Netanjahu, dass das starre Festhalten an der Zwei-Staaten-Lösung nicht der einzige Ansatz für Frieden seien könne“?

Auf der Konferenz wurden insgesamt 4 mögliche Alternativen zu einem Palästinenserstaat diskutiert. Konsens herrschte unter den Teilnehmern, dass ein solcher Staat, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zerstörung Israels bedeuten würde. Als Alternativen zu einem solchen Staat wurden diskutiert: eine palästinensisch-jordanische Konföderation, das Beibehalten der gegenwärtigen Situation in der Westbank, die Annexion von Judäa und Samaria (Westbank) und einen Aufschub der Lösungssuche für die gegenwärtigen Probleme bis bessere Ausgangbedigungen herrschen.

Alles ziemlich alter und vor allem kalter Kaffee. Aber es kommt noch schlimmer: Wertvolle Beiträge kamen schließlich nicht nur von Likud-Politikern.

Adi Mintz, der frühere Vorsitzende des Rates der jüdischen Gemeinden in Judäa, Samaria und im Gaza-Streifen, stellte seinen Plan „Shalom Ba‘aretz“ (Frieden in Israel) vor, der Eilands Idee aufgreift. Mintz‘ Plan sieht zunächst eine erfolgreiche Bekämpfung des Terros und den Bau eines separaten Straßen- und Brückensystems für die Palästinenser vor, so dass diese ohne checkpoints von Stadt zu Stadt kommen könnten. Mintz spricht sich für die Annexion von 62% der Westbank aus, die die großen Siedlungsblöcke, das Jordantal und der Judäischen Wüste einschließen solle. Er fügte an, dass dadurch lediglich 300.000 Araber zur israelischen Bevölkerung hinzu kommen würden. Der letzte Teil des Planes sieht vor, dass die verbliebenen 1 Millionen Menschen in den restlichen 38% der Westbank jordanische Bürger mit israelischen Aufenthaltsrecht würden und sich selbst verwalten könnten.

Bantustan, ick hör Dir trapsen. Was würde Volker Kauder dazu sagen? Den hat man schließlich im Header des Blogs zitiert. Die Macher des Blogs haben mit diesem Vorschlag kein Problem, auch wenn sie sich Moshe Arens, Ex-Verteidigungsminister Israels, anschließt: Pläne, die Jordanien einschließen, seien unrealistisch. Insgesamt zeigt man sich so zufrieden wie verblendet:

Auch wenn nicht alle präsentierten Ansätze realitisch oder wünschenswert sind, zeigen sie, dass es in Israel eine lebendige post-Oslo-Diskussion gibt, mit der sich über kurz oder lang auch die führenden Vertreter in Europa und den USA auseinandersetzen sollten.

Interessant: Da überschlagen sich „die führenden Vertreter in Europa und den USA“ einmal nicht bei ihren eigenen Sympathiebekundungen gegenüber Israel, und schon setzt das Kurzzeitgedächtnis aus. In Bezug auf ein Treffen der extremistischsten Elemente der Knesset von einer lebendigen Diskussion zu reden, macht einen wirklich müde. Glaubt man auf Seiten der Blog-Machenden wirklich, Israel zu helfen, indem man noch die ältesten Steinzeitzionismen als neu verkauft? Indem man jede Propagandalüge aus dem Biomüll holt? Indem man jedes noch so abgehangene Klischee über Araber und Palästinenser aufgreift und diese selbst zur nicht-personalen Masse verkommen lässt? Sieht so Israel-Solidarität im Namen Volker Kauders bzw. für Deutsche aus?
Danke an Lysis!

P.S.: Nur der Anschaulichkeit wegen habe ich besagten Blog verlinkt. Gern habe ich das nicht getan.

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