Keith Gessen erinnert an George Orwell

Der britische Autor Keith Gessen über George Orwells politischen, äh, Weitblick:

Orwell was wrong and Orwell contradicted himself. He was more insightful about the distant dangers of communist thought-control, in the Soviet Union, than the more pressing thought-control of western consumerism. Nor did he see the sexual revolution coming, not by a long shot; one wonders what the too-frequent taunter of the “pansy left” would have made of the fact that the gay movement was one of the most successful, because most militant, of the post-1960s liberation struggles.

Doch erlangen Denker Bedeutung allein darin, dass sie recht haben und recht behalten? Mit Blick auf Orwells Essays aus den 1940er Jahren kommt Gessen zu einer anderen Einschätzung:

But there is a deeper logic in Orwell’s essays, beneath the contradictions and inevitable oversights. The crisis that he was writing himself through in the 1940s was the crisis of the war and, even more confusingly, the postwar. It involved a kind of projection into the future of certain tendencies latent in the present. Orwell worries about the potential Sovietisation of Europe, but also the infection by totalitarian thinking of life outside the Soviet sphere – not just specific threats to specific freedoms, but to deeper structures of feeling. As the philologist Syme says to Winston Smith in Nineteen Eighty-Four: “Don’t you see that the whole aim of Newspeak is to narrow the range of thought? . . . Every year fewer and fewer words, and the range of consciousness is smaller.”

Nineteen Eighty-Four wird von Vielen als dystopischer Roman gelesen, in welchem Zustände beschrieben werden, die große Ähnlichkeit mit jenen Bildern haben, mit denen sich der politische Westen das Leben in den stalinistisch geprägten und definierten Gesellschaften des Warschauer Pakts ausmalte. Dass auch und gerade der Kapitalismus bzw. jene Staaten und Gesellschaften, die auf demselben basierten, Ziel der Orwellschen Kritik waren – das wollte man lange nicht einsehen. Und dass es, wie von Orwell in seinem berühmten, nicht-erschienenen Vorwort zu Animal Farm moniert, Leute gab, die sich der Intelligenzija zugehörig wähnten und sich dennoch nicht entblödeten, Stalin zu lobpreisen, das hat man ihm auch übel genommen. Die Frage ist: Was würde Orwell heute über Leute denken, die, zur Verhinderung eines neuen Holocaust, zu antiarabischen Rassisten werden? Oder über Palästinafreunde, die sich nicht zu doof sind, Hamas zuzujubeln und Ahmadinejad zu feiern?

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