"Westliche" Beurteilung der Wahlen im Iran und "Orientalismus"


Da hat sich Richard Silverstein, dessen Blog ich ansonsten nur in den allerhöchsten Tönen loben und zur Lektüre dringend empfehlen kann, verspekuliert – und ich hab es weitergeben. Vor einigen Tagen vermeldete er bereits den Wahlsieg von Mahmoud Ahmadinejads über seinen Herausforderer Mir Hussein Mussawi. Es ist anders gekommen. Mussawi bezichtige den alten und neuen Staatspräsidenten des Wahlbetrugs, und in den Straßen Teherans herrscht Chaos. Entsprechend verschnupft reagiert Silverstein:

At least Ahmadinejad could claim one thing, he was more or less democratically elected president. He can no longer even make this claim. In an election so patently fraudulent it would put Richard Daley and Boss Tweed to shame, the national election commission announced barely two hours after polls closed not only who the winner was, but by what percentage he won.

Rudolph Chimelli sieht das anders. Für ihn gibt es nichts zu deuteln am Wahlsieg von Ahmadinejad:

Zwar sind die Vorwürfe massiver Fälschung, welche die Reformer erheben, sicher nicht unberechtigt. Aber eine Mehrheit von elf Millionen Stimmen lässt sich selbst durch Manipulation nicht aus dem Hut zaubern.

In seinem für SZ online verfassten Kommentar geht es Chimelli nicht allein um die Bewertung des Wahlresultats im Iran. Chimelli übt Metakritik an der Art und Weise, wie westliche Beobachter gern und entschieden verständnislos in Richtung Naher und Mittlerer Osten allgemein und Iran im besonderen blicken. So große Stücke hatten wir auf Mir Hussein Mussawi gehalten, dass wir (wieder einmal) bereitwillig unserer eigenen Verblendetheit zum Opfer fielen. Und warum? Weil Mussawi so sympathisch und angenehm rüberkam:

Einmal mehr war man im Westen mit seinen Hoffnungen auf eine Wende in Teheran einem alten Wahrnehmungsfehler verfallen: Wir reden gern mit Leuten, die adrett gekleidet sind, eine Fremdsprache reden und so denken wie wir. Ihre politische Logik erscheint schlüssig. Die Ansichten und Träume der Stoppelbärtigen und der verhüllten Frauen interessieren uns weniger. Dabei sind sie seit jeher die Mehrheit, Ahmadinedschads Mehrheit.

Und wer sich zumindest an einige Thesen aus Edward W. Saids Standardwerk Orientalism erinnert, wird bemerken: Jene koloniale Attitüde, mit welcher der Westen im wahrsten Sinne von oben herab die Vorgänge im „Orient“ wahrnimmt und beurteilt, muss ebenfalls abgelegt werden, wenn es Frieden geben soll in Nahost und elsewhere.
In dem Moment, als in hiesigen Medien über Mussawi ausschließlich davon zu erfahren war, dass dieser für die Mullahs einen echten Albtraum darstelle, dass er – in Obama-Manier – mit seinem Wahlvolk offenbar bevorzugt über Facebook kommuniziere und dass seine Gemahlin „eine intellektuelle, emanzipierte und provokative Frau“ sei – spätestens in jenem Augenblick wurde diese Haltung, die im Innersten kolonialistisch geprägt ist – deutlich.
Und als sich die westliche Welt nur noch dafür interessierte, welcher der Kandidaten gut sei – nicht so sehr für den Iran, sondern vor allem für Israel und die USA -, wurde offenbar, dass viele von uns Westlern im Hinblick auf unser Vertrauen in den demos im Iran auch nicht viel weiter zu sein scheinen als die meisten arabischen Politiker und Machthaber – z.B. in Saudi Arabien oder Ägypten, mit denen „der Westen“ ja beste Kontakte pflegt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s