Iranische Demonstranten kämpfen für sich, nicht für unsere Befindlichkeiten!

Sowas passiert mir auch manchmal: Ich liege im Bett, Gedanken schwirren mir durch den Kopf, bis sich einer in meinem Bewusstsein dermaßen festkrallt, dass ich auf ihm herumkaue – und plötzlich kann ich nicht mehr schlafen.
Die Betreiberin des Lahmacun-Blogs hat Ähnliches erleiden müssen, und ehrlich gesagt: Bei soviel Analogisierung historischer Entwicklungen und Ereignisse würde mir – ähnlich wie sie – ganz anders:

heute dachte es mir: was nun noch fehlt, ist dass einer der echten richtigen blogsport-kommunisten nen beitrag drüber verfasst, dass der aufstand im warschauer ghetto scheisse war, nämlich nur der versuch, ne andere herrschaft zu etablieren, weil da nämlich v.a. zionisten am werke waren – und keine echten richtigen kommunisten (zB von blogsport). und scheisse ist scheisse ist scheisse. eh alles der gleiche käse. und den leuten wünscht man doch das kommunismusparadies, aber nicht ne alternative herrschaft an den hals. warschauer ghetto, konzentrations- und vernichtungslager, 1-euro-job, alles der gleiche käse.

und bei dem gedanken wurde mir übel.

Thematisch geht es der Armen um linke Identifikationen mit (bestimmten) Befreiungs- und Protestbewegungen. Nun ja, in diesen Zeilen drückt sich u.U. die allgemeine Hilflosigkeit vieler politisch Interessierter aus, wenn es um Bewertung und Analyse etwa der gegenwärtigen Proteste iranischer Demonstranten gegen ihre Regierung geht. Wie damit umgehen? Wie verstehen? Welche erkenntnistheoretischen Kriterien anlegen? Jeder weiss, wie scheiße Ahmadenijad ist, was aber mit Mussawi? Und wie mit den Demonstranten „umgehen“? Wie Elsässer vorschlägt, in einen Darkroom sperren lassen, denn diese Leute sind Handlanger des großen Satan Amerika? Oder bedingungslos unterstützen, wie US-Journalist Roger Cohen, der sich in Teheran vor Ort unter die Demonstranten gemischt hat? „Bomb Iran“, wie es israelische Falken und ihre Fans in aller Welt seit langem fordern? Sich selbst den Schlaf rauben mit Unterstellungen und allerheftigsten Analogien? Alles nicht so einfach. Daniel Luban scheint angesichts dieser übersteigerten Suche nach Projektionsmöglichkeiten nur den Kopf zu schütteln:

It does not seem to occur to them that although many of the protesters may be secular, many are devout Muslims; that although some may want to overthrow the Islamic Republic, most respect its basic legitimacy; that although most want to avoid confrontation and conflict with the West, few are overflowing with admiration for America or Israel; that although none want to instigate a regional nuclear holocaust, the vast majority support nuclear power as a matter of national pride.

Was also tun? Wie wäre es mal, die eigene paternalisierende Weltsicht über Bord zu werfen? Wie wäre es mal, den eigenen Kolonialismus aus unseren Köpfen zu bannen? Was die Leute auf den Straßen Teherans erreichen wollen, das wollen sie für sich erreichen. Wie ihr Protest historisch bzw. zeitgeschichtlich bzw. global einzuordnen ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch die Dame von Lahmacun kann weiterschlafen. Hier geht es nicht um ihre Befindlichkeiten.

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