Stephan J. Kramer über Israels mächtigen Feind im Weißen Haus

Stephan J. Kramer ist Mitglied im Zentralrat der Juden. Und dieses höchste Repräsentanz-Gremium von in Deutschland lebenden Juden hat ein Problem. In den Tel Aviv Sequenzen heisst es:

Machen wir uns nichts vor, der Zentralrat der Juden hat es nicht leicht. Er dreht durch, spielt verrückt, schlägt um sich. Der Zentralrat der Juden ist verbittert und enttäuscht.

Was ist das Problem? Vielleicht die Unsicherheit der eigenen Rolle und Funktion? Kramer jedenfalls scheint sein Amt zu verstehen als das des Propagandisten – nicht so sehr des Staates Israel, sondern viel eher dezidiert rechter Positionen, wie sie etwa die derzeitige israelische Regierung unter Premierminister Netanyahu vertritt. Jüngst veröffentlichte der Tagesspiegel Kramers Einschätzung der Lage in Nahost im Anschluss an die Reden von Obama und Netanyahu. Kramer glaubt, bei US-Präsident Obama eine „Schieflage“ zu erkennen. Dieser habe die Forderung nach einer Einstellung des Baus jüdischer Siedlungen „so oft und so brüsk wiederholt, dass Israel wie ein gescholtener Schulbube dasteht“. Dieser Präsident kann kein Freund Israels sein.

Dabei versteht sich der US-Präsident keineswegs als ein Gegner des jüdischen Staates. In seiner Rede an die islamische Welt setzte er sich in der vergangenen Woche für Israel als eine jüdische Heimat ein, bekannte sich zu einem unverbrüchlichen Bund zwischen Amerika und Israel, verurteilte jeglichen Antisemitismus und erteilte der Holocaust-Leugnung eine eindeutige Absage.

Aber Kramer lässt sich nichts vormachen. Obama habe mit den Leitlinien der Nahoststrategien seiner beiden Amtsvorgänger Bill Clinton und George W. Bush „gebrochen“, denn er hat sämtliche Siedlungen für „‚unzulässig'“ erklärt.

Damit erklärte Obama nicht nur die etwa 50 000 bis 60 000 Israelis in den bisher strittigen Westbank-Siedlungen, sondern alle 400 000 in Ostjerusalem und Westjordanland lebenden Juden zu Israels Sündenfall.

Israels Sündenfall aber besteht doch bereits, so wissen wir von Yeshayahu Leibovitz, in Israels Besatzung von Westbank, Gaza, Golan und Ostjerusalem. Mit der Besatzung scheint Kramer allerdings keine Probleme zu haben. Seine Haltung wird noch deutlicher, als er sich, ganz Gewährsmann von Forderungen, wie sie etwa der Likud-Block erhebt, an die israelische Linke heranwanzt. Obamas „Definition [der Zukunft der Siedlungen] wird auch vom Großteil des israelischen Friedenslagers abgelehnt“. Wen Kramer auch immer damit meint, bleibt unklar. Es soll ja Leute geben, für welche die Arbeitspartei noch zum Friedenslager gehört. Insgesamt erinnert Kramer in seiner Einstellung zur Siedlungsfrage an den Anwalt eines Kindes, das seine Eltern erschossen hat, und nun auf die schwierigen Umstände des Kindes als Waise pocht.

Obamas Sündenfall besteht für Kramer nun in dessen „Gleichstellung“ der Leiderfahrung von Juden und Palästinensern:

So bezeichnete der Präsident etwa die Israelis und die Palästinenser als „zwei Völker mit legitimen Bestrebungen, ein jedes mit einer schmerzvollen Geschichte“. Die darin zum Ausdruck kommende Gleichstellung des jüdischen Schicksals einschließlich des Holocausts mit der Situation der Palästinenser zeugt von einer emotionalen Schieflage.

Wo bitte findet sich in Obamas Kairoer Rede eine Gleichstellung? Das jeweilige Leid beider wird von Obama sehr wohl erwähnt, aber Gleichstellung ist etwas Anderes. Obama spricht in keiner Weise von einem palästinensischen Holocaust. Relativiert man die Shoa, indem man andere Leiderfahrungen ebenfalls benennt bzw. beklagt? Aber Kramer ist noch nicht fertig:

Auch stellte Obama die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete mit der Sklaverei in den USA gleich. Er forderte die Palästinenser zum Gewaltverzicht auf: „Jahrhundertelang mussten Schwarze in Amerika Peitschenschläge als Sklaven und Erniedrigung durch Rassentrennung erdulden. Es war aber nicht durch Gewalt, dass sie volle und gleiche Rechte erlangten.“ Eine Äußerung, die von Mangel an historischem Verständnis zeugt.

Was will uns Kramer sagen? Wenn er Obama einen Mangel an historischem Verständnis nachsagt, dann folgt er offenbar einer bekannten Linie bestimmter Gruppen innerhalb des Israel-Fanwesens: Kritik an Amerika ist antisemitisch. Und wer Amerikas Sklavenpolitik bis 1865 in einem Atemzug mit der Situation der Palästinenser nennt, setzt letztere gleich mit dem Holocaust. Klingt wirr? Ist es auch. Nicht nur, weil Kramer sich auf Obama, den ersten afro-amerikanischen Präsidenten der USA, bezieht. Ich verweise nochmals auf das Zitat aus den Tel Aviv Sequenzen.
Kramer begreift sich allem Anschein nach als Nach-Übersetzer der Netanyahu-Rede, d.h. er schweigt zu dem Hauptwiderspruch in Bibis Ausführungen, sondern gibt diese unkritisch wieder:

Bei der Siedlungspolitik blieb der israelische Premier hart und lehnte einen Siedlungsstopp ab, doch kam er den USA bei der Zweistaatenlösung entgegen.

Obama war brüsk, aber Bibi blieb hart. Die Zweistaatenlösung erhält den Anstrich einer netten, aber etwas naiven Friedensvision. Eine weitere Lösungs-Strategie verkommt so zum Blendwerk des Satans:

Dabei knüpfte er seine Zustimmung an einen Verzicht der Palästinenser auf ihr Ziel, Israel durch palästinensische Masseneinwanderung in einen binationalen Staat zu verwandeln…

Wie soll das gehen? Ernsthaft!
Und überhaupt, diese pauschalen Unterstellungen. Wo hat Kramer das her? Zuviel bei Electronic Intifada gesurft? Nach der Lektüre des Kramer-Textes war mir ganz schummrig zumute. In was für einem Zustand befindet sich der Zentralrat der Juden, wenn wichtige Repräsentanten die israelische Besatzung zur realistischsten Zukunftsvision für Israelis und Palästinenser erklären? Noch schlimmer: In welcher Misere befindet sich der Kampf gegen den Antisemitismus bzw. das Gedenken an die Shoa, wenn man es so macht wie Kramer?

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2 Gedanken zu “Stephan J. Kramer über Israels mächtigen Feind im Weißen Haus

  1. Hübsch auch Kramers Darstellung von Netanyahus vorbedingungslosen Vorbedingungen:

    "[…]eine strukturelle Nichtangriffsfähigkeit des palästinensischen Staates."

    Das ist natürlich mal glatt gelogen, weil Netanyahu mitnichten das gefordert hat, sondern eben die Demilitarisierung, die unter anderem auch eine strukturelle Nichtverteidigungsfähigkeit mit einschließt. Aber wenn man das so offen sagt, wird natürlich recht deutlich, daß es hier um eine selbstverwaltete Kolonie und nicht um einen Staat geht, und diesen Eindruck möchte man natürlich nicht erwecken.

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