Der Zionismus des Chaim Gans

Ich bin auf einen beeindruckenden Ha’aretz-Artikel von Chaim Gans, Jura-Professor an der Universität Tel Aviv, gestoßen, in welchem es um ein ganz besonderes Verständnis von Zionismus geht. Nach Ansicht Gans‘ sind die Palästinenser seit 1948 gezwungen, für ihre Verweigerungshaltung gegenüber dem UN-Teilungsplan von 1947, einen unfairen Preis zu zahlen. Israelische Politiker bzw. Propagandisten werden bis heute nicht müde, auf 1947 hinzuweisen, und versuchen so, das Unrecht, das den Palästinensern widerfahren ist bzw. widerfährt, unter den Teppich zu kehren. Gans seinerseits hebt hervor, dass Palästinenser nicht allein unter den unangenehmen Begleiterscheinungen der Staatsgründung Israels zu leiden gehabt hätten, sondern das auch die „just elements“ des politischen, d.h. staatstragenden Zionismus‘ von ihnen einen zu hohen Preis verlangt hätten:

I am speaking about the price paid by the Palestinians not only for the patently unjust elements of Zionism (the expulsion of 1948, the inequality between Jews and Arabs in Israel and the ongoing torment of Palestinians in the form of the settlements); I am speaking about the price paid for its just elements: the establishment of a Jewish state in the Land of Israel.

Gans erinnert daran, dass die zionistische Bewegung ihre Wurzeln in der jüdischen Erfahrung von Verfolgung und Diskriminierung im Europa des 19. und 20. Jahrhundert hatte. Dass die Palästinenser bis heute den Preis dafür zu zahlen haben, ist nicht gerechtfertigt:

It is clear from the components of this justification that it was not the Palestinians who should have paid the full price for the realization of this aspiration.
Since the justification speaks of the right of the Jews, like all other nations, to self-determination, then all nations and not only the Palestinians should have shared the cost for realizing that right.

Gans erkennt das Leid der Palästinenser aus zionistischer Sicht an. Zudem bringt er die bleibende Verantwortung Europas im Hinblick auf den Umgang mit seiner eigenen Geschichte deutlich zur Sprache: Die Palästinenser zahlen für das, was Träger der europäischen „Zivilisation“ den Juden angetan haben. Meine Frage: Würde Gans die Palästinenser nun als Opfer der Opfer bezeichnen? Dies ist bekanntlich eine Formel, mit der Shoa und Nakba gleichgesetzt werden sollen. Aber von der Shoa ist im Gans-Text (wohlweislich) nicht die Rede! Bekanntlich ist die Rede von den Palästinensern als Opfer der Opfer ein beliebter Schnack auch unter Antizionisten. Doch als solcher versteht sich Gans nicht. Sein Verständnis von Zionismus liest sich in der heutigen Zeit ungewöhnlich:

The constant reiteration of the fact of the Palestinians‘ refusal to accept the Partition Plan, in an effort to make them responsible for the completely unfair costs we extract from them for the conflict, is to close our eyes to the great injustices that we are carrying out. Instead of understanding Zionism in a manner that includes recognition for the justice of the Palestinians‘ opposition, even to its just elements, we deny the right of this opposition so as to create many unjust elements for Zionism.
In my opinion, only an understanding of the justice of Zionism that includes a recognition of the right of the Palestinian objection, and only Palestinian recognition of the justice of their opposition to Zionism that also includes a recognition of its justified elements, can lead to a stable resolution of the conflict.

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was man Gans‘ eigenen Zionismus nennen könnte, besteht in der Unterscheidung zwischen den gerechten und ungerechten Aspekten von Zionismus, sowie in der Anerkennung palästinensischen Leids, für das wiederum Zionisten Verantwortung tragen.
Chaim Gans spricht nicht nur von den Fehlern des Zionismus‘, sondern trägt dem Umstand Rechnung, dass Palästinenser dem politischen Zionismus in seiner Gesamtheit zum Opfer gefallen sind.
Palästinenser lehnen sich gegen ihr vermeintliches Schicksal auf – und gerade auch dieser Protest ist nach Gans‘ Auffassung gerechtfertigt. Nur wenn Palästinenser von Zionisten ernstgenommen und wahrgenommen werden als Protestierende gegen die Ungerechtigkeit ihrer Situation, nur dann besteht die Möglichkeit, dass Palästinenser auch in der Lage sein werden, die gerechten Elemente, die dem Zionismus innewohnen, wertzuschätzen. Dann nämlich sind auch sie Adressaten und Träger der Botschaft des Zionismus‘. Und das bedeutete: Ende des Tribalismus‘.
Für politische Zionisten sowohl in der Tradition des Arbeiterzionismus‘ wie auch des Revisionismus‘ müssen solche Aussagen wie Ketzerei klingen. Für Hamas, Hisbollah und all die Ahmadinejads dieser Welt auch. Und was Leute wie Henryk M. Broder, Stephan J. Kramer oder Eckart von Klaeden von solch einer Friedensvision halten mögen, will ich mir lieber nicht vorstellen. Dabei ist es so einfach:

An insistence by either party on only its own right, out of a total unwillingless to also see the justice of the other side, will perpetuate the conflict or cause its resolution to be an imposed and unstable one.

Magnes Zionist wirbt für Chaim Gans‘ Buch A Just Zionism.

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5 Gedanken zu “Der Zionismus des Chaim Gans

  1. Die Aussage, dass dem Zionismus – im Verhältnis zu den Palästinensern – ein gerechtes Element innewohne ist schlicht falsch.
    Ich wage sogar zu bezweifeln, dass er ein gerechtes Element hätte, wenn der zionistische Staat as is (!) auf deutschem Boden – etwa in Hessen – etabliert worden wäre.
    Der einzige gerechte Zionismus wäre ein Zionismus ohne einen zionistischen Staat – gewissermassen ein virtueller Zionismus.

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  2. Aus den vorliegenden Textfragmenten kann ich nur ablesen, dass er den grundlegenden Unterschied zwischen dem Kolonialisten und dem Kolonisierten einzuebnen versucht. Beide Seiten müssten nur das Gute/Gerechte auf der anderen Seite sehen – und schwupps – da wäre die Lösung aller Probleme.

    Zugegeben – solch ein Urteil aufgrund einiger Fragmente zu fällen ist vieleicht nicht angemessen.
    Jedoch fehlt mir die Zeit das Buch zu lesen.

    Die Palästnenser brauchen jetzt – heute – ein Ende der Besatzung und das Ende des sich jüdisch definierenden Staates. Was sie nicht brauchen sind Diskurse oder Abhandlungen über die Frage wieviel nakbas und Besatzungsjahre man braucht, um einen Holocaust aufzuwiegen.

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