Religion, Extremismus und Alltag – oder: Evangelikale in der Wagenburg

In grenzgaengerbeatz spricht der Filmemacher Shaheen Dill-Riaz über sein jüngstes Werk „Korankinder“, in welchem es um den Alltag in Koranschulen in Bangladesh geht. Auch und gerade mit Blick auf Koranschulen in Deutschland kommt Dill-Riaz zu folgender Aussage:

Eine Gefahr entsteht erst dann, wenn man Menschen dazu zwingt, sich zu isolieren. Bei vielen ethnischen oder religiösen Minderheiten ist das so. Ich glaube, dies ist ein ernstes Thema. Ich weiß nicht, inwieweit es diese Beeinflussungen in Deutschland gibt, aber ich kann mir vorstellen, dass traditionell denkende Muslime es eher befürworten, dass ihre Kinder den Koran auswendig lernen [wie beispielsweise in Bangladesh]. Es entsteht aber immer dann eine solch extreme religiöse Praxis, wenn im Alltag die Religionspraxis verschwindet. Wenn diese jahrtausende alte Tradition, die man mit der Religion gelebt hat, wegfällt, dann greift man hierauf zurück. Es dient als Ausgleich dafür, dass ich meine Religion im Alltag nicht wirklich ausüben kann.

Dass Religion bzw. ihre Ausübung, wenn jeglicher Alltagserfahrung entzogen, Befremden bzw. Angst auslösen – das musste u.a. auch einer der Betreiber von Duckhome erfahren, der sich kritisch mit dem Wirken der im Jemen ermordeten Christinnen Anita G. und Rita S. auseinandergesetzt hat – und dafür kräftig Dresche bezogen hat.
Es ist natürlich notwendig, die Morde an den Frauen zu verurteilen. Morde sind Morde – weil Menschen ihnen zum Opfer fallen. Ich habe allerdings meine Probleme mit dem Missionierungsauftrag der beiden Frauen. Wenn „extreme religiöse Praxis“ immer dann zu konstatieren ist, “ wenn im Alltag die Religionspraxis verschwindet“ – so gilt das auch für die Anita G. und Rita S. In Duckhome ist zu lesen:

So werden nämlich auswiedergeborenenChristen ganz schnell tote Christen, die niemandem nützen und ihr Schicksal auch nicht verdient haben. Wer heute bewusst junge Christen aus Bibelschulen in den Jemen schickt, hat den Hintergedanken der Mission und ist damit für alle Folgen auch selbst verantwortlich.

Dem kann ich mich nicht gänzlich anschließen. Verantwortlich für die Morde an den beiden Frauen sind zunächst einmal die Mörder. Mörder und Bibelstelle auf eine Stufe zu stellen ist unredlich. Die Bibelschule Brake muss sich aber dennoch fragen lassen, was sie genau damit zu bezwecken gedenkt, junge Missionarinnen und Missionare anscheinend bewusst dorthin zu schicken, wo es besonders gefährlich werden könnte für sie. Bedürfen Evangelikale der Märtyrerverehrung? Wenn dem so sein sollte: Widerspricht das nicht wesentlichen Aspekten reformierter bzw. reformatorischer Tradition?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s