Eine Gesellschaft zerlegt sich selbst

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), Aachen, ist anscheinend gerade dabei, sich selbst, in den Worten des Machers von Klarmanns Welt, zu „zerlegen“. Momentan steht man „ohne Vorstand da“. Blocksatz

Der achtköpfige Vorstand setzt sich traditionell unter anderem aus je zwei jüdischen Vertretern sowie zwei Repräsentanten der beiden großen christlichen Konfessionen zusammen. Schon Ende letzten Jahres waren der katholische Vertreter sowie die jüdische Vorsitzende zurück getreten. In einem ersten Bericht hatte die jüdische Vorsitzende dafür in der AZ „Mobbing“ genannt:

„Kurz darauf erklärte auch Riwkah Or ihren Rücktritt. Begründung: Durch ‚fortgesetztes Mobbing’ sei jegliche Vertrauensbasis zerstört. ‚Es gab keinen Weg, weiter zu agieren’, erklärte sie auf Anfrage, ‚nicht nur persönlich, sondern auch als jüdische Vertreterin wurde ich in einer Weise behandelt, die ich als demütigend bezeichnen muss. Und ich habe wirklich keine Ahnung, warum.“ Schwang hier schon unterschwellig mit, dass möglicherweise antisemitische Anspielungen Teil des Mobbings waren, konkretisiert die AN in einem neuen Bericht [3] zu dem Fall:

„Untermauert wurde Frau Ors Sichtweise durch die Aussagen einer Frau, die kurze Zeit Mitarbeiterin der GCJZ war, ihren Job aber wegen nicht tragbarer Äußerungen gegenüber der jüdischen Vorsitzenden kündigte. Diese ehemalige Honorarkraft hat nun ihre Vorwürfe konkretisiert. ‚Im Umfeld der turbulenten Versammlung zitierte ich aus einer schriftlichen Erklärung der Dame: ‚Einziger Wermutstropfen war, dass ich schon bei meinem ersten Tag im Büro unangenehm berührt war, als ein Mitglied des Vorstandes äußerte, dass sie nicht verstehe, warum Frau Or ihre Telefonnummer so privat halten würde, da brauchen sie, die Juden, sich über ihre ständige Sonderstellung nicht zu wundern’.’

[Rechtsanwalt] Hofmann merkte an, dass man eine solche Äußerung nicht als persönliche Differenz abtun könne. ‚Wenn ablehnende Worte mit einem solchen, möglicherweise antisemitischen Unterton verbunden werden, dann ist diese Person, für eine Gesellschaft, die sich dem christlich-jüdischen Dialog verpflichtet fühlt, nicht mehr tragbar.’ Auch wenn diese Äußerung lediglich einem Vorstandsmitglied zugeschrieben werde, hat sich seiner Ansicht nach der Rest des Vorstands durch den nicht transparenten Umgang selbst disqualifiziert.“

Es amg seltsam klingen, aber manchmal hat man wirklich den Eindruck, als seien einige jener Christen, die sich besonders stark für eine Aussöhnung mit dem Judentum nach 1945 eingesetzt haben bzw. dies noch heute tun, auch und gerade von dem Bemühen beseelt gewesen, den jeweils eigenen Judenhass zu unterdrücken. Ich betone, das nicht verallgemeinern zu wollen. Aber jener Philosemitismus, der in Politik und Gesellschaft, nicht zuletzt in unseren Kirchen, um sich gegriffen hat – ist der nicht lediglich eine Fortsetzung alten Denkens – nur im neuen Gewand? Ich erinnere mich an einen Kurs zur Erlernung des modernen Hebräisch in Münster, an dem Ende des letzten Jahrtausends zahlreiche TheologInnen beider hierzulande besonders stark vertretenen Konfessionen teilnahmen – darunter auch meine Wenigkeit – , sowie einige sog. „Studierende im Alter“.
Ich muss an jenen pensionierten Pastor denken, der sich immer wieder dafür ins Zeug legte, dass unsere Dozentin (aus Israel!) doch ihr Land, das Land der Väter, das Land Israel, noch besser kennenlernen solle. Mehrmals unterbrach er sie, wenn sie uns vom israelischen Alltag erzählte – dieser Alltag unterschied sich, aus ihrem Munde, nicht wirklich von unserem eigenen. Doch das behagte dem Pastor nicht – immer wieder trachtete er danach, ihre Aussagen biblisch zu „würzen“ und „den jüngeren Teilnehmern“ unter uns die „Dimensionen“ (sein bevorzugtes Wort)zu verdeutlichen. Der Mann fuhr ihr fortwährend rüde über den Mund, wenn sie hebräische Namen nicht würdevoll genug aussprach – jene Namen, die doch „unseren gemeinsamen Propheten“(sic!) gehörten. Der Mann wollte sich als besserer Jude darstellen – denn er war Christ. Sein Desinteresse für jüdischen bzw. israelischen Alltag war frappierend. Er legte Wert auf seine Verblendung. Gelebte Erfahrung störte ihn. Was aus ihm wurde, weiss ich nicht. Aber modernes Hebräisch habe ich in jenem Kurs nicht gelernt.

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