Tel Aviv Sequenzen: "Die Nakba ist jedoch weder ein Dämon noch ein Resultat einer blühenden Fantasie."

Ich mag den Stil, in welchem die Texte in den Tel Aviv Sequenzen geschrieben werden. Die Betreiberin bringt es fertig, authentisch und glaubwürdig ihr eigenes Verhältnis zu Israel-Palästina allgemein und Tel Aviv im besonderen zu beschreiben. Zudem sind ihre Einschätzungen und Analysen verlässlich und treffend, und wenn sie über Vorgänge, Entwicklungen bzw. Personen spricht, die ihr so gar nicht passen, legt die Autorin einen wohltuend sarkastischen Ton an den Tag. Ihre Artikel und Posts zu lesen, erfordert Zeit.
In ihrem jüngsten Blogeintrag beschäftigt sich die Autorin mit dem Verhältnis vieler jüdischer Israelis zur Nakba. Für viele Israelis scheint dieses Thema alles Andere als angenehm zu sein. Und so ist nicht weiter verwunderlich, wenn auch das offizielle Israel – neuerdings ja auch vertreten von der fremdenfeindlichen Schar um Avigdor Lieberman, genannt Israel Beiteinu („Unser Haus Israel“) – es am liebsten gesetzlich verbieten würde, dass israelische Staatsbürger der Nakba öffentlich gedenken. Alex Miller von Liebermans Partei hat einen entsprechenden Gesetzentwurf erarbeitet. Seine Einstellung wird in den Tel Aviv Sequenzen so beschrieben:

Wie kann es angehen, dass während das jüdische Volk Freudentänze aufführt, ja aus dem Freudentaumel gar nicht mehr heraus kommt, vor positiver Energie nur so strotzt, die arabische Bevölkerung statt mitzuschwingen es vorzieht, sich in Trauer zu hüllen, wo doch ‘alle Bürger des Staates gleiche Rechte genießen, gleichzeitig aber die Gründung des Staates betrauern. Wenn wir wirkliche Koexistenz erreichen wollen, muss dieses absurde Theater aufhören’, sagte er gegenüber der Jerusalem Post.

Man merkt: Oft muss man Politiker einfach nur zitieren, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben.
Doch selbst einem derartig von Ignoranz und Arroganz gekennzeichneten Vorschlag kann die Autorin noch Positives abgewinnen:

Als positiver Effekt kann vermerkt werden, dass mit diesem Gesetzvorschlag ein Diskurs in Gang gesetzt wurde, der das öffentliche Bewusstsein erreicht hat.

Vorbei die Zeiten, als Israelis – zumal rechtsradikale – ihr Verhältnis zu den Palästinensern bzw. zur Nakba nicht mehr ausschließlich durch Autoaufkleber oder Graffitis auf Autobahnbrückenpfeiler kundtun konnten. Der Autorin ist zuzustimmen. Nicht nur die rassistischsten Elemente der israelischen Gesellschaft bekommen ein Forum; auch jene Stimmen innerhalb des israelischen Geschichtsdiskurses, die die Nakba weder verdrängen, noch verteidigen, noch belobigen, werden nun Gehör finden. Die Autorin kommt auf Eitan Bronstein und Zochrot zu sprechen:

In Verbindung mit dem Nakba-Gesetzentwurf darf hier die Organisation Zochrot, hebräisch für ‘Erinnern’, die in Tel Aviv 2002 gegründet wurde, nicht unerwähnt bleiben. Ihre Mitglieder, Unterstützer, Zuhörer, Interessenten haben erkannt, dass Distanz, tiefes Misstrauen, Angst, Schuldzuweisungen, das sture Beharren auf dem eigenen Opferstatus letztendlich nur als idealer Nährboden für den Kreislauf der Gewalt auf beiden Seiten dient. Zochrot hat sich zum Ziel gesetzt, die Nakba ins öffentliche Bewusstsein der israelisch jüdischen Gesellschaft zu bringen.
Zum Gesetzesvorschlag sagt Eitan Bronstein, Gründer von Zochrot dass, ‘der Vorschlag, juristisch die Gedenkveranstaltung der Nakba an Israels Unabhängigkeitstag zu verbieten, die wachsende Beklemmung in Israel widerspiegele über die unvermeidliche Begegnung mit der palästinensischen Nakba und dem Verständnis, dass die Nakba ein grundlegender Teil der israelischen Identität ist. Bis vor kurzem konnte man die Bedrohung der Nakba kaum spüren. Es bestand keine Notwendigkeit, diesen verdrängten Dämon zu bekämpfen, der sich plötzlich offenbaren und die scheinbare Ruhe einer harmonischen jüdischen Demokratie unterbrechen könnte. Die Nakba ist jedoch weder ein Dämon noch ein Resultat einer blühenden Fantasie. Daher sollte man auch die Herausforderung nicht unterschätzen, die sich der israelischen Gesellschaft stellt: Nämlich das Anerkennen, dass Israel 1948 an der Vertreibung der meisten palästinensischen Einwohner beteiligt war, an der Zerstörung zahlreicher palästinensischer Orte (über 500), der Vernichtung der städtischen palästinensischen Kultur sowie unzähliger Massaker, Vergewaltigungen, Plünderungen und Enteignungen.

[Hervorhebungen von mir]

Besonders interessant ist es für den geneigten Leser, zu erfahren, wie die Autorin selbst vom Thema der Nakba geprägt bzw. nicht geprägt wurde. Eigene Erinnerungen verbindet sie mit einer auch für Außenstehende nachvollziehbaren Analyse der israelischen Gesellschaft:

Ich ging wenige Jahre auf die israelische Schule. Weder in der Schule noch zu Hause war Nakba ein Thema. Der Araber war der Feind, das Wesen, das ‘mit Vorsicht zu genießen’ sei. Israel, ein kleines Land, nur von Feinden umgeben. Schon ein Tag nach der Gründung wurde das Land von seinen arabischen Nachbarstaaten angegriffen. Es galt das Überlebensprinzip und daran hat sich bis heute nichts geändert. Israel ist stets in Kampfstellung. Die Auswirkungen des endlos wiederholten Mantras ‘Selbstverteidigung’ zeigen sich in allen denkbaren Nuancen. ‘Der Krieg gegen den Terror’ ist zu einem Bumerangeffekt mutiert, der schon längst das zivile Leben der israelischen Gesellschaft durchdrungen und geprägt hat – eine Gesellschaft, die in einem kollektiven Dilemma steckt.
Nakba war nie ein Thema in Israel, sondern der Holocaust, und das von Kindesbeinen an. Ein traumatisiertes Volk hat das Land aufgebaut, in einer kurzen Zeitspanne Unglaubliches erreicht, aber leider auch vieles zerstört.
Die vielen Kriege haben dieses Land geprägt. Der Sechs-Tage-Krieg hat den Menschen ein irreales Gefühl der Macht verliehen und an grenzenlose Fähigkeiten glauben lassen.
Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Armee, der militante Geist, allgegenwärtig ist und sich in der Politik als auch in der Gesellschaft breit macht.

Es wird deutlich: Die Bedingungen für eine friedliche Koexistenz von Juden und Palästinensern in Israel-Palästina können nicht ausschließlich auf der Basis einer politischen Regelung erfüllt werden. Wenn die je eigene – individuelle wie kollektive – Art der Wahrnehmung von Geschichte absolut gesetzt wird, so dass andere Wahrnehmungen verdrängt bzw. verleugnet werden – wie soll da Frieden in den Köpfen und Herzen besonders all derer entstehen, die die Folgen irgendwelcher Vertragsunterzeichnungen vor Ort zu spüren bekommen? Was machen wir mit der Nakba? Was machen wir mit der Shoa? Wie weit sind wir von gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Anerkennung entfernt, wenn die Katastrophe des jeweils anderen nicht nur nicht anerkannt wird, sondern dieses Anerkennen als solches schon als dubios gesehen wird? Was behauptete neulich Stephan J. Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland über US-Präsident Obama:

So bezeichnete der Präsident etwa die Israelis und die Palästinenser als „zwei Völker mit legitimen Bestrebungen, ein jedes mit einer schmerzvollen Geschichte“. Die darin zum Ausdruck kommende Gleichstellung des jüdischen Schicksals einschließlich des Holocausts mit der Situation der Palästinenser zeugt von einer emotionalen Schieflage.

Wenn bereits die bloße Erwähnung der einen Katastrophe in zeitlicher bzw. räumlicher Nähe zur anderen Katastrophe für Unbehagen sorgt – wie soll es da jemals zu einem Frieden, geschweige denn einem gerechten Frieden, kommen?
Aus arabischer-palästinensischer Perspektive schrieb der 2003 verstorbene Edward W. Said:

Wie sollen wir von der Welt erwarten, dass sie die Leiden der Araber zur Kenntnis nimmt, wenn wir zum einen nicht fähig sind, Leid anderer anzuerkennen, auch wenn es unsere Unterdrücker sind, und wenn wir uns zum anderen weigern, uns mit Tatsachen zu beschäftigen, nur weil sie nicht in die schlichte Vorstellungswelt mancher wackerer Intellektueller passen, die den Zusammenhang zwischen dem Holocaust und Israel nicht sehen wollen! Zu verlangen, dass der Holocaust als Tatsache anerkannt wird, bedeutet keineswegs, zu entschuldigen, was der Zionismus den Palästinensern angetan hat.

Die Lektüre des Textes „Ein Käfig voller Narren – eine einzige Katastrophe“ sei hiermit wärmstens empfohlen.

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