"Der Mord an Marwa und der Mord an Neda" – Alaa Al-Aswani über Doppelmoral

Neda, die Märtyrerin für die „pro-westliche“ Revolution im Iran? Marwa, die ägyptische Muslima, die von einem deutschen Rassisten in der Öffentlichkeit eines Dresdener Gerichtssaals mit 18 Messerstichen brutal ermordet wird… Der Umgang hiesiger Medien mit solcherlei Vorfällen ist von Doppelzüngigkeit und Heuchelei gekennzeichnet. Woran das wohl liegt – der ägyptische Schriftsteller Alaa Al-Aswani wartet in Jetzt mit Überlegungen auf, die binnen kurzer Zeit bestimmt mit dem Attribut „umstritten“ oder gar „problematisch“ belegt sein werden. Al-Aswani bezieht in seine Argumentation geopolitische Interessen mit ein. Hier ein Auszug:

Westliche Regierungen waren ganz außer sich, in scharfen Worten bekundeten sie ihre Unterstützung für die Demokratie in Iran. Das bringt uns zu der Frage: Die ägyptischen Wahlen wurden seit Jahren regelmäßig manipuliert und Präsident Mubarak ist mit manipulierten Volksabstimmungen an die Macht gekommen, warum hat das nie den Zorn der westlichen Politiker erregt? Die Antwort ist: Der Aufschrei diente nicht dazu, die Demokratie zu fördern. Es ging nur darum, ein iranisches Regime bloßzustellen, das sich feindselig gegenüber Israel verhält und versucht, nukleare Waffen zu entwickeln. Das würde die westliche Vormachtstellung gefährden. Die ägyptische Regierung ist zwar despotisch und korrupt, doch sie ist folgsam und zahm und ihre Politik dient den Interessen Israels und der Vereinigten Staaten – deshalb übersehen die westlichen Medien gerne ihre Mängel.

Während der jüngsten Unruhen in Iran wurde eine junge iranische Frau namens Neda Sultan von einem Unbekannten erschossen. Ihr Tod war schon bald eine Spitzenmeldung der internationalen Medien. Westliche Politiker bewegte ihr Tod so sehr, dass selbst Präsident Obama den Tränen nahe war. Ein paar Wochen später wohnte eine ägyptische Frau namens Marwa Al-Shirbini in Dresden den Gerichtsverhandlungen gegen einen Mann bei, der sie rassistisch beschimpft hatte, weil sie einen Hidschab getragen hatte. Als das deutsche Gericht ihn dafür zu einer Strafe von 2800 Euro verurteilte, drehte der Mann durch und griff Marwa und ihren Mann mit einem Messer an. Marwa starb sofort, ihr Mann wurde lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus gebracht. Menschliches Leben sollte in jedem Falle gleichwertig sein und die Trauer, die Marwas Familie über ihren Tod empfand, war nicht geringer als die Trauer, welche die Familie der iranischen Frau Neda empfand.

Der Mord an Marwa und der Mord an Neda: Das sind Verbrechen gleicher Grausamkeit und gleicher Wirkung. So sollten sie auch gesehen werden. Doch der Mord an einer ägyptischen Frau im Hidschab brach weder Obamas Herz, noch wurde er in den westlichen Medien zur Titelgeschichte. Der Grund ist, dass der Mord an Neda das iranische Regime belastet, während der Mord an Marwa zeigt, dass Terrorismus keine Domäne der Araber und Moslems ist. Ein weißer deutscher Terrorist bringt eine unschuldige Frau um, die er nicht kennt, und versucht ihren Mann zu töten – und das alles nur deshalb, weil sie Muslimin ist und einen Hidschab trägt. Westliche Medien scheren sich nicht um diese Nachricht. Kurz: Der Westen, die Politik wie die Medien, vertritt immer den Standpunkt und die Politik, die den Arabern und Moslems feindlich gegenüber ist. Das ist eine Tatsache, die nicht zu leugnen ist.

Aber mal eine ganz andere Frage: Was ist eigentlich aus Jetzt geworden? Vor gar nicht langer Zeit noch ein Blatt, durch welches jugendliche Arschkriecher Tricks und Kniffe beigebracht bekamen, mit deren Hilfe sie sich vorkommen durften als junge Wilde – quasi das kleine Geschwisterkind von neon – und nun muss man sich beim Lesen von Jetzt-Texten richtig anstrengen – und vielleicht sogar aufregen, wenn man Egotronic o.ä. hört. Respekt.

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