Spiegel"verkehrt" zu Slavoj Zizek: Stephan J. Kramer

Ich musste noch einmal über Stephan J. Kramer nachdenken. Der ist in der letzten Zeit – nicht nur hier – kräftig kritisiert worden für seinen ziemlich dämlichen Tagesspiegel-Artikel; jüngst hat er aber auch einiges Lob – nicht nur hier – einfahren können für seine Worte zum unfassbaren rassistischen Mord an Marwa El-Sherbini. Ob als Funktionär des Zentralrates der Juden in Deutschland oder als Privatperson – Kramer steht, was Israel-Palästina angeht – meinungsmäßig Positionen recht nahe, die in Israel selbst bisher am ehesten von Likud vertreten worden sind. Andererseits verurteilte er ohne Wenn und Aber den Mord von Dresden. Wo andere schwiegen, erhob er seine Stimme. Der Philosoph Slavoj Zizek (via Lysis) fordert von uns denkenden Menschen:

Wenn man die israelische Besetzung der Westbank bedingungslos ablehnt, sollte man die antisemitischen Übergriffe in Westeuropa, die sich selbst als „exportierte Intifadah“, d.h. als Solidaritätsbekundung mit den unterdrückten Palästinensern rechtfertigen, genauso bedingungslos ablehnen (von Angriffen auf Synagogen in Deutschland bis zu Hunderten von antisemitischen Vorfällen in Frankreich im Herbst 2001). Man darf hier kein „Verständnis“ zeigen. Es darf keinen Platz geben für die Logik des „Aber man muß die Angriffe auf die Juden in Frankreich als eine Reaktion auf das brutale Vorgehen der israelischen Armee verstehen!“, genauso wenig wie für die Logik des „Aber man kann die militärische Reaktion ja verstehen; wer hätte keine Angst nach dem Holocaust und zweitausend Jahren Antisemitismus!“ Auch hier sollte man sich der doppelten Erpressung widersetzen: Wenn man für die Palästinenser ist, ist man eo ipso antisemitisch, und wenn man gegen den Antisemitismus ist, muß man eo ipso pro Israel sein. Die Lösung ist nicht ein Kompromiß, das „rechte Maß“ zwischen den beiden Extremen, sondern man muß beide Projekte radikal bis zum Schluß verfolgen, die Verteidigung der Rechte der Palästinenser und die Bekämpfung des Antisemitismus.

Gewissermaßen spiegel“verkehrt“ dazu: Stephan J. Kramer. Als Apologet gegenwärtiger israelischer Siedlungs- und Kriegspolitik, hat er nicht unterlassen, bedingungslos seine Solidarität mit dem Opfer bzw. den Opfern des Dresdener Mordes zu bekunden. Ob als Funktionär oder Privatperson, damit hat sich Kramer einer weiteren „Erpressung“ widersetzt: Wer für Israel sei, müsse islamophob eingestellt sein. Damit hat er im wahren Wortsinn Debattenkultur bewiesen.

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Ein Gedanke zu “Spiegel"verkehrt" zu Slavoj Zizek: Stephan J. Kramer

  1. Der scheinbare Widerspruch läßt sich vielleicht relativ leicht erklären: Das eine – Israel unter allen Umständen verteidigen – tut er aus Loyalität, das andere – dem Ehemann von Maraw S. kondolieren – aus Überzeugung. Die Tatsache, daß er bei seiner unsäglichen Verteidigung von Netanyahus noch unsäglicherer Rede einige Dinge… hm… kreativ umformuliert hat, um sie für liberale, aufgeschlossene Menschen akzeptabler zu machen, weist auch darauf hin.

    Ich will hier keine Küchenpsychologie betreiben, aber die Tatsache, daß Kramer Konvertit ist, könnte auch teilweise erklären, warum er sich beim Thema "Loyalität zu Israel", das nun mal Doktrin im jetzigen Zentralrat ist, keine Blöße geben will.

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