Obama, jüdische Siedler und ein "neuer Antirassismus"

Nun gut, natürlich war nicht davon auszugehen, dass Mitglieder und Sympathisanten der jüdischen Siedlerbewegung allzu begeistert sein würden, als die US-Regierung unter Präsident Obama und mit dem Nahostsondergesandten Mitchell eine neue Strategie zur Realisierung einer – wie auch immer aussehenden – Zwei-Staaten-Regelung begannen zur Geltung zu bringen. Nach Obamas Rede an der Uni Kairo wartete man nur darauf, dass Obama mit Hitler verglichen würde. Das ist ja bekanntlich dann auch geschehen – sowohl von erwarteter, wie auch von unerwarteter Seite aus. Nicht so sehr der Iran , sondern Israels Siedlungsbau ist der US-Regierung, darf man Medienberichten glauben, ein Dorn im Auge. Die seit eh und je als besonders beschriebenen Beziehungen zwischen den USA und Israel erleben, so Thorsten Schmitz, eine Krise:

Die Schutzmacht USA [sic] und Israel tragen seit Netanjahus Amtsantritt vor vier Monaten offen einen Streit über den Ausbau jüdischer Siedlungen aus, der zu einer Entfremdung zwischen den Alliierten geführt hat.

Wie gesagt, dass israelische Siedler keine Obama-Fans sind: Wen sollte das überraschen? Wie schrieb Amos Elon 1979 über die in Hebron anzutreffenden Siedler:

Der uralte Haß und die uralten Leidenschaften, die Ängste und Mythen, die hier durch jeden Abwasserkanal fließen und gelegentlich in Worten und blutigen Handlungen ausbrechen, erfüllen die Stadt mit ihrem üblen Geruch und weisen auf die Zukunft.

Die Zukunft von damals ist die heutige Gegenwart – und der üble Geruch hat längst die Stadtgrenze Hebrons überwunden und hat sich – scheint’s – überall im Lande Israel breitgemacht.
Und dennoch: Wie kommt Rabbi Weizmann aus der Siedlung Kiryat Arba (nahe Hebron) darauf, Obama einen Rassisten zu nennen? Ha’aretz berichtet:

The Yesha Council of settlements organized a demonstration in which some 1,500 rightists gathered near the home of Prime Minister Benjamin Netanyahu in Jerusalem on Monday to protest the Obama administration’s demand for a total freeze on Israeli settlement construction in the West Bank.
Among the speakers at the demonstration was Rabbi Eliezer Waldman, the head of the Nir yeshiva in the settlement of Kiryat Arba. „Obama is a racist,“ Waldman told the assembled crowd. „If he continues with his actions, he will bring about the disintegration of the American superpower.“

Hat sich die Methode, vermeintliche Feinde Israels als Antisemiten zu bezeichnen, langsam abgetragen? Oder hat da jemand ein neues Wort gelernt? Oder hat Weizmann, als er einmal nicht damit beschäftigt war, Landraub und Gewalt gegenüber Palästinensern aktiv abzusegnen, Zeitung gelesen und erfahren, was im Econobama-Blog so beschrieben wird:

Ein weißer Cop hat einen schwarzen Professor vor dessen Haustür verhaftet, als dieser das Schloss aufbrach, weil er seinen Schlüssel verloren hatte. Der Polizist behauptet, der Professor hätte sich nicht ausweisen können und „aggressiv“ reagiert. Der Professor sagt, er wurde wegen seiner Hautfarbe verhaftet. Schließlich fühlte sich Barack Obama bemüsigt, seinen Senf dazuzugeben und bezeichnete das Verhalten des Cops als „dumm“. Und jetzt glauben einige weiße Polizisten, der afroamerikanische Präsident sei ein Rassist.

Möglicherweise ist dem Autoren des Blog-Eintrags zuzustimmen: „Obama hätte schweigen sollen.“ Der von Elon beschriebene „uralte Haß“ kommt mir dennoch in den Sinn: Das Zeitalter der Political Correctness scheint ebenso vorüber zu sein wie die Epoche der Ablehnung derselben. Man erinnere sich: Jeder, der einen sexistischen, rassistischen, antisemitschen oder sonstwie chauvinistisch-xenophoben Witz erzählte, wusste sich gegen jene, die ihn genau dafür einen Sexisten, Rassisten etc. nannten, mit dem Schein-Argument zu wehren, er sei nun einmal kein politisch korrekter Gutmensch. Wer rassistisch sein wollte, ohne so genannt zu werden, nannte sich politisch unkorrekt.
Entsprechend funktionieren zahlreiche Blogs zu den Themen Nahost, Religion, Judentum, Islam etc. Mir scheint, die Schraube ist angezogen worden. Wann immer man nun in Zukunft sich besorgt äußert über den Rassismus in besagten politisch unkorrekten Blogs, wird man damit rechnen müssen, selbst Rassist genannt zu werden. Und das wird dann deklariert als Solidarität mit Israel. Und als Anti-Rassismus.
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