Verstummen in Demut – Zur Darstellung der Shoa im Londoner Imperial War Museum

Letzten Sonntag verbrachten meine Frau und ich fünf Stunden im Londoner Imperial War Museum. Soviel Zeitgeschichte! Soviel jüngste Weltgeschichte! Soviel Krieg, Mord und Gewalt. Besonders beeindruckend fand ich den Abschnitt in diesem gigantischen Museum, in welchem die Geschichte der Shoa erzählt wird. Bevor man sich auf den langen Weg durch die eigentliche Holocaust Exhibition macht, kann man in einer Galerie in unmittelbarer Nähe zu besagter fester Ausstellung die Kunstschau „unspeakable. the artist as witness to the holocaust“ besuchen“. Natürlich kann man sich die dort ausgestellten Bilder auch nachher anschauen. Doch für mich und meine Frau war es gut, „unspeakable“ vor dem langen, finsteren und verwirrenden (im wörtlichen Sinne) Gang durch die auf historischen Fakten und Arbeitsmethoden basierende Geschichte von Judenhass, Entrechtung, Entmenschlichung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden zu besuchen. Sprachlos machen die ausgestellten Kunstobjekte. Sprachlos, und demütig. Man wird erinnert- neben historischen Fakten auch an die Einsicht, dass es nicht darum geht, irgendeine Lehre aus dieser Geschichte zu ziehen, sondern zu verstummen und „humble“ zu werden. Das Leid, das Menschen anderen zufügen, die Entmenschlichung dessen, der oder die anders ist als man selbst – alles das in unvergleichlicher Weise verdichtet in der Shoa – , machen stumm. So erging es uns auch am Sonntag.
Danach also zur Holocaust Exhibition. Die Geschichte von Antijudaismus und Antisemitismus, die Geschichte des Nationalsozialismus mit seinen Protagonisten, die Nazi-Zeit in Deutschland und Europa, der Zweite Weltkrieg – all das wird in einer ständigen Ausstellung erzählt. So umfassend wie auch erschreckend. Besonders eindrucksvoll: Das gesamte Geschehen von der Ausgrenzung über die Entrechtung bis hin zur Auslöschung jüdischen Lebens wird begleitend kommentiert und erzählt in zahlreichen O-Tönen jüdischer und nichtjüdischer Opfer bzw. Überlebender der Konzentrations- und Vernichtungslager.
Ansonsten: Architektonisch und kuratorisch meisterhaft die umfassende Darstellung der Shoa – Leben und Sterben im Ghetto, Organisation des industriellen Massenmordes in den Lagern – dabei bekannte und neue Schreckensbilder, z.B. Filmaufnahmen von der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen durch britische Truppen mit der Bestattung von unzählbaren Leichen; ein britischer Soldat aus Cheshire, der vor Ort das Erlebte beschreiben soll und sich außerstande sieht, ebendies zu tun, ein Militärgeistlicher, der vor einem offenen Massengrab mit zahllosen nackten Körpern steht. Wahnsinn.
Was am Ende fehlt – und das war so ungewohnt wie faszinierend: Die Geschichte der Toten und die der Überlebenden wird nicht, wie man es etwa hierzulande gewohnt ist, gedeutet und interpretiert im Sinne einer Staatsdoktrin. Am Ende erzählen oben erwähnte Überlebende, wie sie umgehen bzw. nicht umgehen können mit dem von ihnen Erduldeten und Erlebten. Und all das überhaupt nicht im Sinne eines Kerner-Beckmann’schen „Wie haben Sie sich da gefühlt?“, sondern eher im Hinblick auf die Frage: Wie ist es ihnen, den Überlebenden, (un)möglich gewesen und geblieben, (wieder) als Mensch zu leben? Von Fußfassen in einem Leben, das nun einmal weiterzugehen habe, keine Rede. Das umfassende Happy End bleibt aus. Die Wunde bleibt offen.

Als wir nachher den Shop des Imperial War Museums betreten, fällt mir in der Bücherecke zur Shoa eine Auswahl von Büchern von Robert Fisk auf. Die britische Perspektive – und die wird in diesem Mueum entschiedenermaßen eingenommen – ist eine andere als die hierzulande propagierte. Robert Fisks Bücher sind noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.
Könnte es sein, dass Fisks Bücher, wären sie auf deutsch erhältlich, in den Shops deutscher Gedenkstätten und Ausstellungen zur Shoa nicht zu finden wären?

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