Peace Now und der "loathsome scum among the nations"

In dem vergriffenen AphorismA-Heft Die Verantwortlichkeit der Macht – Friedensschaffen in Israel (Trier 1994) kritisiert Rabbi Jeremy Milgrom die Friedensorganisation Peace Now mit deutlichen Worten. Im Zusammenhang mit dem Aufbruch in den Anfang der 1990er Jahre hoffnungsvoll begleiteten Nahostfriedensprozess schreibt Milgrom:

Aber Gefühle der Koexistenz und Toleranz werden im allgemeinen einsgebettet in die Forderung, daß sie [die Palästinenser] „sich benehmen“ und nationale Äußerungen unterlassen. Zum Beispiel kamen bei den Verhandlungen zwischen „Peace Now“ und dem Komitee der (israelischen) arabischen Bürgermeister Probleme auf, als es um die Slogans für die „Zeit des Friedens“-Menschenkette ging, die sich am 12. Januar 1991 über das Wadi Ara in Galiläa erstreckte. Die Forderung nach einer ausdrücklichen Darstellung der PLO als Repräsentantin der Palästinenser und Palästinenserinnen, eine Ansicht, bei der sich die Bürgermeister einig waren, wurde von „Peace Now“ als zu provokativ abgelehnt. In diesen „Mainstream-Friedensbewegungskreisen“ sind Fragen wie das Recht auf Rückkehr (haq al-awdah) der palästinensischen Flüchtlinge und Rückkehrübereignung des enteigneten Landes keine zuverlässigen Diskussionsthemen. […] „Peace Now“ versucht, nicht aus diesem Konsens auszubrechen.

Und so ist es wohl nicht so sehr als ein Zeichen der Öffnung in Richtung der Palästinenser, sondern der Besorgtheit um den guten Ruf des Landes zu werten, wenn Peace Now im Jahr 2009 zu Tisha B’Av ein Plakat veröffentlicht haben, in welchem beklagt wird, Besatzung und Siedlungen hätten Israel zum „loathsome scum among the nations“ gemacht.
Dennoch: Das Plakat wurde auf hebräisch veröffentlicht und enthält echten Verbal-Radikalismus, und der Mut, es dieser israelischen Öffentlichkeit zu präsentieren, verdient höchsten Respekt. In der englischen Übersetzung (via Mondoweiss) liest sich das so:

Why was the First Temple destroyed? Because of three things – idolatry, incest and bloodshed. Why was the Second Temple destroyed? Because there was unfounded hatred. And what, heaven forbid, will lead to the destruction of the Third Temple? The settlements, fanaticism and occupation.

For this I mourn … for the settlements that were built in the heart of Palestinian territory and that keep peace and quiet from our land. For the settlements that were built, with or without permit, and that turn us into the loathsome scum among the nations.

For the outposts that were built by deception and by turning blind eyes. For Jerusalem, the joy of the land, that has been turned into a city of strife and quarrel. For the continued investment and construction in the settlements, that will ultimately lead to one state for two people – and thus put an end to the Zionist enterprise.

Natürlich: Besatzung und Siedlungsbau haben zunächst einmal aufzuhören um der Palästinenser willen. Sie sind die Opfer israelischer Expansions- und Okkupationspolitik. Aber man muss kein Fan der Palästinenser sein, um den Staat Israel zu kritisieren. Man muss auch – und dies muss einmal mehr gegen die um ihre Diskurshoheit momentan ja so schwer besorgten führenden Israel-Advokaten hierzulande gesagt werden – auch kein Feind Israels sein, um zu Feststellungen zu gelangen, wie sie Peace Now getätigt haben. In der Tat muss man sich, in der notorischen Suche nach jüdischen Kronzeugen nicht einmal immer auf Finkelstein, Shahak und Co berufen, um einen dezidiert kritischen Standpunkt einzunehmen. Eigentlich eine Basisbanalität.

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