Öhler zu Langer: "Don’t rain on my parade."

Für den Rheinischen Merkur kommentiert ein Andreas Öhler die Entscheidung des Bundespräsidentin, an Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz zu verleihen – und leistet einen großartigen Beitrag zur herrschenden Debattenkultur hierzulande:

Dass nun die Friedensaktivistin Felicia Langer das Ehrenabzeichen erhielt, empört nicht nur die Freunde Israels. Zu Recht: Denn Langer hat sich in ihrem politischen Wirken weniger damit hervorgetan, den Frieden der Bundesrepublik zu fördern, als vielmehr das politische Ansehen Israels zu beschädigen. Die von den Nazis verfolgte Jüdin saß in Jerusalem im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, emigrierte 1990 nach Deutschland, um fortan als Publizistin gegen Israel zu wettern. Dabei scheint ihr jedes Bündnis recht. So nahm sie 2006 einen Preis der „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e. V.“ entgegen, einem Verein, der von Ex-Stasi-Leuten gegründet wurde.

„Nicht nur die Freunde Israel“? Schon der erste Satz wirkt demaskierend – eine Friedensaktivistin empört Israel – und damit auch Öhler? Das eigentliche Problem besteht also darin, dass sie Israels guten Ruf in diesem unseren Lande aufs Spiel gesetzt hat. Das Schlimme daran: Von Deutschland aus! Die Opfer israelischer Besatzungs- und Siedlungspolitik könnten Öhler vielleicht beruhigen. Einen schlechten Ruf zugefügt haben Israel die Funktionsträger in Politik und Militär. Dass Langer zur Kommunistischen Partei in Israel gehörte, das weiss Öhler und das wissen wir bereits von H.M. Broder, und dass Langer schon einmal einen Preis entgegen nahm von einem Verein, dessen Mitglieder dem DDR-Unrechtssystem eng verbunden waren, sollte den Rheinischen Merkur nicht nur mit Blick auf die Parteizugehörigkeit unseres geschätzten Bundespräsidenten nicht wirklich stören, oder?
Öhler geht es aber nun einmal um den guten Ruf Israels, und dieser geht einher mit dem guten Ruf Deutschlands. Oder umgekehrt. Jedenfalls gehen ihm die Opfer israelischer Okkupationspolitik, ja der – weniger dramatisch ausgedrückt – gesamte Alltag in Israel-Palästina, offenkundig am Allerwertesten vorbei.
Manchen Kritikern der Entscheidung Köhlers geht es sicher um Diskurshoheit aka Narrenfreiheit, anderen mag die Realisierung von Zielen, die mit Neokonservatismus oder Imperialismus oder beidem zu tun haben, am Herzen liegen. Gutbürgerlichen Blättern wie dem Rheinischen Merkur geht es darum, was andere über Deutschland wohl denken und sagen mögen. So erübrigt es sich, weiter substantiell auf Öhlers Text einzugehen, wiederholt er doch sattsam Bekanntes. Felicia Langer hat durch ihr „Wirken“ den Bereich des Erlaubten verlassen, fertig.
Neulich bin ich gelobt worden für meinen Gebrauch des Wortes „symptomatisch“. Auch Öhlers Ergüsse sind symptomatisch. In seinen Worten drückt sich die Empörung des um die Legitimität seiner eigenen Vaterlandsliebe besorgten Kleinbürgers aus. Dem Lenin-Satz entsprechend, wonach es in Deutschland keine Revolution geben werde: Wenn deutsche Revolutionäre einen Bahnhof stürmen wollten, kauften sie sich erst einmal eine Bahnsteigkarte – überschlägt sich Öhler förmlich dabei, Langers Verstöße gegen den hierzulande gepflegten guten Geschmack aufzuzählen. Und alles nur, weil er Angst hat. Andreas Öhler hat Angst! Leute wie Langer gefährden seinen Seelenfrieden als Deutschen.
Wer Israel kritisiert, hat auch an ihm etwas auszusetzen. Israel als Deckel überm Abgrund, Israel als Schmiermittel für die deutsche Maschinerie, als Zündstoff für eine freie Fahrt für deutsche Bürger. Israel als außergeschichtliches Utopia.
Israel als Heiligtum und Heilszeichen. Israel als besonders preiswerte Lösung des Problems der Bewältigung deutscher Vergangenheit. Israel als Mittel zur Selbstfindung. „Everybody knows this is nowhere“(Neil Young and Crazy Horse). Aber egal. Solange es niemand ausspricht. Und solange es nur darum geht, dass die eigenen Befindlichkeiten kein Unwohlsein verursachen, kann es Leute wie Öhler auch getrost periphär tangieren, was es mit der Wirklichkeit in Israel-Palästina auf sich hat.
Wohlgemerkt, ich habe zahlreiche Langer-Fans erlebt, denen es ebenfalls lediglich um Selbsthygiene geht. Dass Langer dies nicht hat verhindern können oder wollen, mag ebenfalls nerven – ist aber trotzdem eine andere Geschichte. Öhler kritisiert Langer im Kern dafür, dass sie Israel als wirklichen Ort, wo gelebte Geschichte stattfindet, darstellt – und so kritikwürdig macht. Öhlers Botschaft: „Don’t rain on my parade.“

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