Tony Karon über Benn, Foxman und Co: "Where on Earth did Barack Obama get this idea that Israel’s foundation was intimately tied to the Holocaust?"

Vor einiger Zeit äußerte ich mein ehrlich empfundenes Unverständnis bezüglich der Thesen des israelischen Journalisten Aluf Benn, der US-Präsident Obama dafür kritisierte, dass dieser während seiner Besuche in Kairo und Buchenwald die Existenz des Staates Israel mit der Katastrophe der Shoa in Verbindung gebracht hatte. Benn:

Here [in Israel] we are taught that Zionist determination and struggle — not guilt over the Holocaust — brought Jews a homeland.

Tony Karon weist darauf hin, dass vor Benn bereits Abraham Foxman, Direktor der amerikanischen Anti-Defamation-League ähnliche Aussagen tätigte:

It’s not that the Anti Defamation League president didn’t take heart from Obama’s insistence that Israel’s security is sacrosanct; or that “he made strong statements against anti-Semitism and Holocaust denial.” No, his concern — among others — was that Obama should have “made clear that Israel’s right to statehood is not a result of anti-Semitism and the Holocaust.”

Und ein Leser von Karon’s Artikel erwähnt den US-amerikanischen Publizisten Marty Peretz, – ein weiterer jener Freunde, vor denen Israelis Angst und Bange sein sollte, der ebenfalls entsprechende Töne angeschlagen hat. Weil dem Hinweis ein entsprechender Link fehlt, habe ich mir die Mühe gemacht, nach besagten Tönen in Peretz‘ Blog zu suchen. Am 12. Juni schrieb Peretz u.a.:

…it would have been truthful history and not potted history like that which Obama has endorsed.
Attributing the birth and development of Israel solely to the Holocaust is, then, simply wrong, egregiously wrong. Moreover, the presidential attribution justifies and reifies the Arab grievance that they are paying for Hitler’s crimes
.

Karon schüttelt lesbar den Kopf aufgrund solcher Aussagen und kommentiert bissig:

Oh dear, oh dear, oh dear… Where on Earth did Barack Obama get this idea that Israel’s foundation was intimately tied to the Holocaust? Maybe it’s the fact that the first place Israel takes every visiting dignitary is to Yad Vashem, which as Avrum Burg has so eloquently argued, a visit designed effect what he calls the “emotional blackmail” that sears into the minds of the guest that Israel is the answer to the Holocaust, and that any criticism of the Jewish State must be muted for that reason.

Karon erinnert an die lange Geschichte der Instrumentalisierung des Leidens der Juden im Zuge der Shoa durch israelische bzw. pro-israelische Politik und Propaganda:

Or maybe it’s the fact that Israel’s leaders are always rabbiting on about every new challenger in the region being a reincarnation of Hitler. Begin said it about Arafat; Netanyahu says it about Ahmadinejad. For years, Israel’s leaders have spoken about the 1967 borders as “Auschwitz borders.” I could go on and on. The Zionist narrative as I was fed it growing up portrayed the creation of the State of Israel as a triumphant redemption from the horrors of the camps. And the same narrative became the organizing principle of Israeli education starting in the 1960s with the Eichmann trial, when as Tom Segev and others have shown, the Israeli state makes a conscious decision to emphasize the Holocaust as the basis of its national identity to keep people from leaving. Jewish schoolkids, many of whose families had never set foot in Europe, now make an annual pilgrimage to the death camps of Poland. Israeli air force planes fly over Auschwitz in symbolic claiming of the mantle of the survivors.

Es geht also um die bewusste Entscheidung, die Shoa für die Legitimierung israelischer Politik heranzuziehen. Und das wird bis zum heutigen Tage entsprechend praktiziert. In Israel – und anderswo, wo das Existenzrecht Israels zur Staatsräson erklärt wird. Ohne die Verbindung zum Holocaust würde Israel wahrscheinlich noch weniger Sympathien in der Welt genießen als es das ohnehin tut. Der Hinweis auf biblische Landverheißungen, wie er u.a. von Benn geltend gemacht wird, ist, so Karon, kaum konstruktiv – eher lächerlich:

If Israel’s claims were based only on a mythologized history of a Biblical kingdom, frankly it would have aroused no more sympathy in the Jewish world than Bin Laden’s fantasies about resurrecting the Islamic Caliphate have done in the Muslim world. Without the Holocaust, in other words, Zionism would have remained the fringe movement among Jews that it was before World War II.

Magnes Zionist kommt in diesem Zusammenhang auf ein anderes Argument zu sprechen, dass Zionisten anfügen: Der Staat Israel musste notwendigerweise ausgerufen werden, denn:

„Sure, we had the institutions; we had the resources; we had the smarts; we were ready, and we had the motivation. Maybe we got it earlier because of the Holocaust, but it would have come.“

So beschreibt der Betreiber des entsprechenden Blogs die Haltung vieler Zionisten. Der Holocaust habe das Tempo auf dem Weg zur Staatsgründung erhöht, aber einen Staat Israel hätte es ohnehin gegeben.
Es ist bekannt, dass Zionisten vor 1967 das Thema Shoa aus ideologischen Gründen kaum mit der Kneifzange anzufassen bereit waren. Zu sehr widersprach das Bild, das in Israel ankommende Überlebende der Konzentrations- und Vernichtungslager boten, den Idealvorstellungen vom Neuen Juden, der alles sein sollte, nur nicht Opfer. Nicht dass die Shoa im jungen Staat Israel kein Thema gewesen wäre, aber erst im Zusammenhang mit dem sog. „Blitzsieg“ Israels im Junikrieg 1967 erkannten Politiker und Spin Doctors das propagandistische Potential, das der verstärkte Verweis auf die Shoa barg. Hinzu kam, dass, so Peter Novich in seinem Buch Nach dem Holocaust,

in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren … Israel sehr wichtiger für die amerikanischen Juden [wurde] und, in einer Spiralbewegung – äußerte man die Sorge um Israel mit einem Vokabular, das den Holocaust wachrief, und umgekehrt. […] Der Holocaust verwandelte sich für viele von einem „bloßen“, obgleich tragischen Bestandteil der Geschichte zu einem drohenden und furchterregenden Zukunftsaspekt.

Und so kam es, dass ein entsprechendes Holocaustverständnis auch in Israel zunehmend beschworen wurde- bis zu dem Punkt, dass der Holocaust, so Moshe Zuckermann,
„bewußt als Legitimationsideologie der Existenz einer jüdisch-israelischen Gesellschaft fixiert“ wurde.

Wie kommt es nun, dass führende Vertreter des (pro-)israelischen Meinungsmainstreams plötzlich von der Shoa nichts (mehr?) wissen wollen, ja sogar, wie Benn es getan hat, die Verbindung von Israel und Shoa sei eine Erfindung von Ahmadinejad (jenem abscheulichen Monstrum, das man, ganz im Zeichen der Holocaust-Israel-Verbindung, doch als einen weiteren zweiten Hitler dämonisiert hat?)
Karon zufolge, haben Leute wie Foxman, Peretz etc. erkannt, dass sie mit dem wie selbstverständlich praktizierten Missbrauch der Shoa an eine Grenze gelangt sind. Sie haben gemerkt, dass es sich für sie doch nicht/ nicht mehr auszahlt, im Zusammenhang mit Israel die Gefahr eines weiteren Holocaust heraufzubeschwören.

As I wrote here following the Cairo speech, the likes of Foxman suddenly realized that the Holocaust argument set limits on what Israel could legitimately demand — Obama expressed a rock solid commitment to ensure Israel’s security, but warned that settlements outside its 1967 border had no legitimacy. After all, they were if anything a drain on Israeli security, and Obama made clear that the U.S. recognizes that Israel’s creation came at the expense of another people, rooting the plight of the Palestinians first in the expulsions of 1948, and then in the occupation that began in 1967 — and he insisted, to the chagrin of Foxman and others, that the Palestinian narrative and aspiration had equal status, and could not be ignored by the U.S.

Mit dem Verweis auf biblische Landverheißungen werden es Foxman, Benn und Co noch schwerer haben, so Karon, Juden und Nicht-Juden in aller Welt gegenüber das Leid, dass Palästinensern – durch Vertreibung, Unterdrückung, Landraub und Siedlungsbau, durch Israelis zugefügt wurde und wird, zu rechtfertigen. Eine bisher bewährte und von aller Welt verinnerlichte, ideologisch aufgeladene Rechtfertigungsstrategie ist für maßgebliche Apologeten israelischer Gewaltpolitik dabei, sich als unnütz, weil nicht länger profitabel, zu erweisen.
Karons Analyse erscheint mir ziemlich überzeugend. Der ständige Verweis auf den Holocaust, die Brandmarkung selbst der wohlmeinendsten Kritiker als Antisemiten bzw. Feinde des Staates, sowie die Selbstwahrnehmung bzw. Selbstdarstellung Israels als, so der israelische Wissenschafler David Newman, „the weak and threatened country, subject to continuous terror attacks and, more recently, a potential nuclear attack from Iran“ ist seit jeher ein wesentlicher Bestandteil (pro-)israelischer Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda. Auch für Kritiker Israels, auch für jene, die sich der Sache der Palästinenser in besonderem Maße verpflichtet fühlen, hat der Konnex Shoa-Israel oftmals eine wesentliche Rolle gespielt.
Ganze politische, und akademische Karrieren und moralische Reputationen gründeten auf dieser Verbindung. Welche Konsequenzen hätte also Israels Abschied von der Shoa? Ich wiederhole deshalb, was ich neulich schon schrieb:

Einem guten Teil befindlichkeitsrelevanter Scheindiskussionen – auch hierzulande – würde jegliches Fundament entzogen, eine ganze Blogosphäre würde gar nicht existieren, und Leute wie Broder, Friedman, Giordano, Berben, Schapira, aber auch Langer und Avnery genössen nicht jenes Ansehen, das ihnen vielerorts sichere Einkünfte und moralische Respektabilität bei dankbaren Philosemiten beschert hat. Die radikale Linke hätte vielleicht ein paar Idioten weniger – für die wäre das Problem der eigenen Geschichtsbewältigung aber weiterhin ungelöst. Wohin sich diese Anti-Deutschen wohl wenden würden? Scharen von Nahost-Interessierten würden sich anderen Hobbys zuwenden. Meine Wenigkeit eingeschlossen.

Mit anderen Worten: Wenn Karon recht hat, dann wird einer ganzen Nahost-Holocaust-Industrie jegliche Grundlage entzogen sein. Und ich würde in diesem Blog mehr über Fußball, Popmusik und Literatur schreiben – und mir hierzu ein paar Gehässigkeiten einfallen lassen.

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2 Gedanken zu “Tony Karon über Benn, Foxman und Co: "Where on Earth did Barack Obama get this idea that Israel’s foundation was intimately tied to the Holocaust?"

  1. >> Scharen von Nahost-Interessierten würden sich anderen Hobbys zuwenden. Meine Wenigkeit eingeschlossen.

    Ob Sie auch verstehen, was Sie da gerade geschrieben haben? Was war noch mal Ihre Motivation?

    'Der Anonyme'

    Gefällt mir

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