Die Perspektive des sehr deutschen Nahost-"Experten" Ulrich W. Sahm

Zu sagen, Ulrich W. Sahm sei ein Apologet Israels, ist eine Untertreibung. In seinen Texten wird man immer wieder daran erinnert, dass der Zionismus in seinen Wurzeln eine europäische Bewegung darstellt. Einhergehend damit eine ziemlich offensichtliche Abneigung gegen die Existenz „orientaler“ Menschen. Überhaupt scheint es Sahms Sache zu sein, in seinen Artikeln vornehmlich die Perspektive der sog. „Herren der Geschichte“ repräsentieren zu wollen. Über Akko schreibt er:

Tatsächlich mangelt es nicht an berühmten Namen, die Akko belagert, erobert, zerstört oder wieder aufgebaut haben: Tutmosis III und Ramses II, Alexander der Große, Ptolomäus, Caesar und Vespasian. Herodes eroberte von Akko aus Galiläa. Kaiser Nero siedelte in Akko Veteranen seiner Legion an. Zeitweilig hieß die Stadt: Colonia Claudia Ptolemais Germanica. Napoleon Bonaparte, von den Pyramiden kommend, erlitt vor Akko eine schmachvolle Niederlage wie vor Moskau.

Einen Kronzeugen für seine offenkundige Ablehnung „der Orientalen“ hat Sahm in dem Archäologen Eliezer Stern gefunden:

Für ihn sind die Kreuzfahrer die eigentlichen Helden und Erbauer der Stadt. Über den Trümmern der Griechen und Römer haben Genoaer, Venezianer, Pisaner, Templer und Hospitaler riesige Säle mit mächtigen Säulen hochgezogen.

Auf den Trümmern vermeintlich vergangener Epochen und Kulturen eine eigene Existenz und Identität zu begründen und aufzubauen, darin ein Problem zu sehen, weigern sich Sahm und Stern. Besonders, so scheint es, wenn besagte Kulturen noch immer die Frechheit besitzen, vor Ort anwesend zu sein, und das schöne Bild verschandeln:

Wer genug vom türkischen Basar aus der osmanischen Zeit habe, wo Araber heute Gewürze, bunte Tücher und Plastikschuhe feil bieten, sollte sich in den Untergrund begeben, empfiehlt Stern.

Gewürze, bunte Tücher und Plastikschuhe – das will man nicht sehen. Aber so sind sie, die Araber: Verderben einem jegliche Bildungsromantik.
Auch Uri Avnery teilt Sahms und Sterns Begeisterung für Akko, das, so Avnery, in der Tat, „während der Kreuzzüge seinen Höhepunkt“ erreicht habe. Doch – surprise, surprise – seine Überlegungen zu Akko und seine Darstellung des arabisch-orientalischen Erbes der Stadt lesen sich anders. Avnery vermag, das Erbe der Kreuzfahrer und die muslimische Tradition der Stadt miteinander zu verbinden – positiv:

Der alte Teil der Stadt mit seinen wunderschönen Minaretts, der Moschee und den Kreuzfahrerfestungen blieb weiter arabisch. Auch der Hafen, der nun Fischern diente.

Aber auch – und das sei allen anti-imperialistischen Orient-Romantikern ins Stammbuch notiert – auch negativ:

Den Kreuzfahrern gelang es, sie nach einer hartnäckigen Verteidigung zu erobern. Hundert Jahre später als der große Salah-ad-Din (Saladin) der Herrschaft der Kreuzfahrer in Jerusalem ein Ende setzte, trieb er diese auch aus Akko heraus. Die Kreuzritter eroberten sie zurück, und Akko diente ihnen noch einmal hundert Jahre als Hauptstadt des reduzierten Kreuzfahrerstaates. Als 1291 der Rest des Kreuzfahrerreichs ausgelöscht wurde, war Akko die letzte Kreuzfahrerstadt, die in die Hände der Muslime fiel. Das Bild der letzten Kreuzfahrer und ihrer Frauen, die von den Quais von Akko ins Meer sprangen, hat sich ins Gedächtnis eingegraben und den Ausdruck „ins Meer werfen“ entstehen lassen.

Die Verbindung vermeintlich oppositioneller Historiographien und die Empathie mit verschiedenen Sichtweisen – selbst solchen, die jener des Autors zuwiderlaufen – sind Sahms Sache nicht. Journalismus und Geschichtsschreibung sind für diesen Israel-Theologen, pardon, -„Experten“ Auftragsarbeit. Perspektivwechsel- ein Fremdwort. Das wird noch deutlicher in einem Artikel über die Arbeit der mit Migration befassten israelischen Sicherheitsorgane. Kürzlich wurde einer numerisch starken Gruppe von Afrikanern die Einreise nach Israel verwehrt. Der Verdacht: Diese Menschen wollten nicht, wie von ihnen angegeben, pilgern, sondern illegal ins Land einwandern.

Die Furcht der israelischen Behörden, dass die vermeintlichen Pilger aus der Elfenbeinküste in Israel hängen bleiben könnten, ist nicht ganz unbegründet. Die Zahl der „illegalen Gastarbeiter“ in Israel wird inzwischen auf über 120.000 geschätzt. Viele davon sind Schwarzafrikaner. Sie lassen sich unter Lebensgefahr von Erithrea, Darfur oder Äthiopien durch Ägypten über die Grenze vom Sinai in die israelische Negewwüste schleusen. Andere kommen als „Pilger“ und reisen nicht mehr aus.

Israels Umgang mit illegalen Einwanderern unterscheidet sich in diesem Zusammenhang – von anderen Zusammenhängen („Rückkehrrecht“) schweige ich lieber – kaum von der Praxis in vielen Ländern der EU. Sahms Ausführungen sorgen dennoch für Stirnrunzeln. Einige Fragen kommen mir als Leser einer solchen Passage:
Kann eine Behörde Furcht haben, d.h. Gefühle haben?
Und von wem genau „in Israel“ stammt die Zahl 120.000?
Interessant auch: Darfur. Wenn pro-israelische Gruppen nicht eine „Stop the bomb“ forderten, so versuchten sie, bis vor kurzem, der Welt, ihr Schweigen aufgrund der Lage in Darfur vorzuhalten – und indirekt das dortige grausame Geschehen mit der Shoa zu vergleichen. Davon hört man in letzter Zeit nichts mehr. Flüchtlinge aus Darfur bieten heute offenbar nicht mehr das propagandistische Material von vor kurzem. Heute werden sie „vermeintliche Pilger“ genannt. In der folgenden Passage bringt es Sahm aber deutlicher, wie es kaum noch geht, auf den Punkt: Für ihn gibt es nur eine Sicht der Dinge. Die israelische. Besser gesagt: die des israelischen Staates und seiner Organe. Und jene Einwanderer, denen er immerhin zugesteht, „unter Lebensgefahr“ sein Gelobtes Land erreicht zu haben, die nun aber nicht eingelassen werden, sind letzten Endes nicht wirklich wichtig. Warum? Weil ihre Gewährsleute, etwa äthiopische Kirchenobere, die Situation schamlos ausnützen:

Am vergangenen Donnerstag forderte die äthiopische Kirche in Jerusalem diese „Ausländerpolizei“ auf, eine in Ungnade gefallene Nonne abzuholen und abzuschieben. Die Polizisten entdeckten die Frau in einem Schuppen, wo sie sich nur von Kichererbsen ernährte und nur mit einer Flasche Wasser waschen konnte. Die Frau erzählte, dass ihre Kirche sie verstoßen habe, weil sie einem der führenden Priester den Geschlechtsverkehr verweigert habe. Die Polizei stellte fest, dass die Nonne 14 Jahren ganz legal mit einem Visum für Geistliche in Israel gelebt habe. Anstatt sie festzunehmen und nach Äthiopien zu deportieren, beschloss der Befehlshaber der Oz-Einheit, den Fall gerichtlich klären zu lassen.

Von so etwas lassen sich israelische Behörden, wenn sie einmal keine Furcht verspüren, nicht an der Nase herumführen. Merke: Der israelische Apparat ist nicht nur allwissend und gut, sondern auch sensibel – und clever! Fast wie ein perfekter Mensch! Über die Arbeit , nennen wir sie lieber: Methoden, israelischer Einwanderungsbehörden und den ihnen angeschlossenen Sicherheitsorganen berichtet auch die Fotografin und Menschenrechtsaktivistin Yudit Ilany – allerdings ohne jeden Auftrag. Ihren mit „On chasing humans“ überschriebenen Blog-Eintrag schließt sie mit den Worten:

Corruption and a disregard for basic human rights go hand in hand.

In besagtem Text nimmt sie, was Wunder, eine Perspektive ein, die einem Ulrich Sahm vollkommen irrelevant erscheinen mag: die der Flüchtlinge und die der Helferinnen und Helfer:

The migration police was/is at it, once again, chasing refugees and labor migrants in order to expel them.
And, legally speaking, anyone who gives shelter or otherwise assists „illegal aliens“ , can be tried and sent to jail for up to 20 years!. Although i suspect the law is meant for traffickers, it applies to anyone assisting an „illegal alien“. I wonder if it applies to the social workers of „mesila“, the municipal social services agency for migrant laborers, to the volunteer teachers of the „noar oved velomed“ youth movement, who run a wonderful educational project for migrant and refugee children in Jaffa, to the teachers of the Bialik rogozin school where many of the migrant and finally to myself, as i am part of a project of volunteers who go out and try to warn migrant laborers and refugees whenever the police carry out their nasty hunt parties.[…]

Small children, many of them born here, who have never known any other place can be jailed and eported to a place they do not know. Loose there parents in the case of parents coming from different countries.
Yet at the same time the country brings in more and more migrant laborerers, through private labor agencies who make huge amounts of money on each migrant worker.

Soll noch einmal einer behaupten, Sahm sei ein Nahost-Experte. Vielleicht ist, nicht nur aufgrund seiner Ausbildung, sondern gerade auch mit Blick auf die in Texten von ihm erkennbare Linie, gar nicht einmal so verkehrt, ihn einen Israel-Theologen zu nennen. Seine Sicht ist geprägt von Blindheit für andere Perspektiven. Sein Wissen basiert auf nicht-verrückbaren Glaubensgrundsätzen, und seine Lehre aus den Verbrechen der Geschichte fordert noch mehr Opfer. Genau bedient Sahm eine Klientel von Zions-Liebenden, bei denen Gesinnung an erster Stelle steht. Empathie und Mitleid – Pardon – wird nur dann gewährt, wenn es die eigene Befindlichkeit zulassen und ein propagandistischer Nutzen gezogen werden kann. Sahm – ein sehr deutscher Nahost-„Experte“. Wie gesagt:

Corruption and a disregard for basic human rights go hand in hand.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s