Bill Glucroft über Israels Verhältnis zur Shoa

In einem Artikel, der ansonsten bei mir einen recht zwiespältigen Eindruck hinterlässt, beschreibt Bill Glucroft treffend das Dilemma Israels, das sich als sowohl jüdischer als auch demokratischer Staat versteht. Es geht um Israels Zukunft und um die der Palästinenser – innerhalb und außerhalb der Grünen Linie:

To remain Jewish will require apartheid measures that ensure Jewish minority control over land that will soon have a Palestinian-Arab majority, or (and even more unthinkable) ethnic cleansing. To remain democratic will mean merging Israel proper and the occupied territories – the end of Israel as a Jewish state.

Wenn es wirklich darum gehen soll, dass Israel ein ethnisch-jüdischer Staat sein bzw. bleiben soll, sind Einschnitte in die Demokratie unvermeidlich. Und wenn Israel seinen demokratischen Charakter nicht einbüßen will, könnte dies angesichts einer numerischen Überlegenheit der Palästinenser in Israel-Palästina das Ende Israels als jüdischer Staat bedeuten. Als AUsweg sieht Glucroft die Umsetzung der Zwei-Staaten-Lösung – nicht so sehr zum Wohle der Palästinenser, sondern um der Zukunft Israels willen. Dafür sind aber besondere Schritte notwendig:

Absent occupation, Israel could allocate more money and attention to internal necessities, namely poverty, education, and environment. With the army out of the West Bank, the 1.2 million Palestinians who live as Israeli citizens might begin to feel more Israeli, no longer viewing their state as at war with their people. The world could finally see Israel the way many Jews have long seen it: tranquil and vibrant, with a brash but pensive culture; Zionism, at last disconnected from occupation, would again be understood as a positive force for justice and social welfare.

Meines Erachtens argumentiert Glucroft hier ein bißchen sehr israelzentriert – die Möglichkeit, dass sich Palästinenser mit israelischem Pass in Israel nach einem Ende der Besatzung der Westbank israelischer fühlen, ist reine Spekulation – so lange ihre institutionelle Diskriminierung andauert möglicherweise sogar wilde Spekulation. Auch im Hinblick auf eine Renaissance eines humanen Zionismus‘, die mir bei Glucroft ein wenig arg an den Haaren herbeigezogen erscheint, bin ich skeptisch.
Was der Autor aber eigentlich sagen will: Um überhaupt wieder Hoffnung zu erlangen für sich selbst, für seine Bürger und im Hinblick auf eine als solche auch nennenswerte Zukunft, in der die eben genannten richtigen Schritte eingeleitet, durchgeführt und zur Vollendung gebracht werden können – vor allem: Ende der Besatzung! – ist eines nach Glucrofts Dafürhalten unerlässlich:

None of this can happen until Israel gets its mind out of the Warsaw ghetto and embraces its 21st century strengths. […] Israel’s founders, given only three years between Auschwitz and independence, didn’t have time to process the trauma that had besieged their people, entwining the Holocaust into Israel’s DNA. Those who today fill their shoes must find a way to remember the Holocaust without reliving it, lest Israel be forever haunted by memory and never see the power it now wields to make peace and save its moral core.

In Bezug auf Israel noch von einem moralischen Kern zu sprechen, fällt mir schwer – genauso wie ich Glucrofts Aussagen über Palästinenser, die nach wie vor auf ihrem Rückkehrrecht beharren, unterstützen kann. Zu herablassend wirken Aussagen wie diese – in denen Palästinensern offenbar das Recht zu einer eigenen Geschichte abgesprochen werden soll:

Israel risks little by talking because it holds the keys to a home for Palestinians. Palestinians are free to demand right of return, for example, but do so at their peril. Such nonstarters only serve the notion that they aren’t serious enough to make the painful choices necessary to obtain a state, as Jews did in 1947 when they accepted an imperfect UN partition. Ultimately, Israel can walk away without affecting day-to-day life. The Palestinians don’t have that luxury; the occupation consumes them.

Letztendlich scheinen die Israelis als die einzig maßgeblichen Akteure. Palästinenser werden als stur und kindisch dargestellt. Und die Israelis, von denen Glucroft fordert, die eigene Holocaust-Fixiertheit zu überwinden, dürfen sich mit einem anderen Trauma herumschlagen: das des UN-Teilungsplans von 1947.
Bill Glucroft gelingt es nicht, anders über Palästinenser zu sprechen als aus orientalistischer Perspektive. Israel ist einer/eins von „uns“. Die harte Kritik an Israel wird aus einer palästinensischen Anliegen gegenüber ziemlich ablehnenden Haltung geübt. Eigentlich sind die Palästinenser Glucroft egal. Aber, man kann sie ja „leider“ nicht so einfach loswerden. Und das macht seine eigentlich nicht so falschen Einschätzungen zum Verhältnis Israels zur Shoa einigermaßen zu Schanden. Schade.

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