Israel, Walter Benjamin, Akiva Orr und „deutsche Befindlichkeiten“

Eines der größten Mißverständnisse in der Diskussion über Israel-Palästina besteht in der Annahme, Israel und Judenheit/Judentum seien unzweifelhaft identisch miteinander. Das moralische Überlegenheitsgefühl, welches aus Äußerungen bestimmter Israel-Unterstützer abstrahlt, hat nicht unziemlich mit ebendiesem Mißverständnis zu tun: Wer Israel unterstützt, ist für alle Juden. Und: Er oder sie meint, von sich behaupten zu können, aus „unserer“ oder irgendeiner Geschichte – gemeint ist die des Judenhasses, der in der Shoa kulminierte – die richtige Lektion gezogen zu haben. Oft meint man, eine gewisse Erlöstheit bei diesen Leuten auszumachen, so als wollten sie Walter Benjamin bestätigen:

Erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder iher gelebten Augenblicke wird zu einer citation a l’ordre du jour – welcher Tag eben der jüngste ist.

Dass sie hier einem gewaltigen Trugschluss aufsitzen, will ihnen anscheinend nicht klar werden. Benjamins „Begriff der Geschichte“ findet bekanntermaßen in dieser Passage ihren Kern:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Nicht nur Israel-Unterstützende, sondern auch und gerade gewisse „Freunde der Sache Palästinas“ wollen davon aber offenbar nichts hören. Es haben Katastrophen stattgefunden – die Shoa ist eine Katastrophe. Die Nakba ist eine Katastrophe. Beide sind nicht in einem Satz zu nennen. Doch für beide gilt – um ein letztes Mal Benjamin zu bemühen:

Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.

Die Verdinglichung will nicht aufhören. Die Ermordeten von Auschwitz werden benutzt, um fürchterliche Gewalttaten gegen jene zu rechtfertigen, die man mit Nazis vergleicht – einer der Gründe, warum sich Gideon Levy in seinem Ekel angesichts Netanyahus UN-Rede nur so zu krümmen scheint. Oder aber: Palästinensisches Leid wird benutzt – für einen gleichfalls finsteren Todeskult (Märtyrer auf Plakaten, wohin das Auge in palästinensischen Städten reicht) oder für krause Vergleiche mit dem Leid der Juden in der Shoa – beispielsweise in der Rede von einem Völkermord an den Palästinensern. Ahmadinejad up your ass.

Wo es aber um das Ringen nach moralisch begründeter Überlegenheit geht, ist das Thema, um welches es doch gehen sollte, längst zu den Akten gelegt. Es geht nicht mehr um Israel-Palästina, sondern um die Befindlichkeiten der Zaungäste. Wie Natan Sznaider einmal feststellte: Gerade hierzulande gerieren sich die verschiedenen Sympathisantenkreise wie miteinander verfeindete Fan-Lager. Wenn Schalke zur Religion werden kann, sollte man sich über christliche Zionisten nicht mehr wundern. Das Selbstgespräch findet allerdings  seinen traurigen Höhepunkt bei der Frage: „Was können wir tun?“ Wer sind wir? „Wir als Deutsche“ etwa?

Akiva Orr hat in seinem Blog einen Text über besagtes Missverständnis veröffentlicht. Er schreibt:

The Zionist movement and its State—ISRAEL, do not represent the Jewish people. They never did. They represent a particular trend within the Jewish people, namely—the nationalist trend. To find out whether Israel is a Jewish State or a Zionist State one need only ask any religious Orthodox Jew anywhere. His answer will be unambiguous: a Jewish State must be ruled by Jewish religious law—“Halakha.” Israel is not ruled by “Halakha” laws, but by secular laws. Therefore Israel is not a Jewish State. The fact that it provides refuge to Jews does not make it a Jewish State. Zionism and Judaism are different entities. They have contradictory qualities.

Although Zionists claim to represent all Jews the Zionist movement is merely the JNP (Jewish National Party) within the Jewish people. It is one of two trends which emerged in European Jewry in the 19th Century. These trends are: 1) The Cosmopolitan secular trend, and 2) The Nationalist trend (“Zionism”). Marx, Freud, Einstein, Bob Dylan and Abbie Hoffman, belong to the Cosmopolitan trend.  Herzl, Ben-Gurion, Golda Meir, Begin, Sharon, Netanyahu, belong to the Nationalist trend.  The misleading image of Israel as representative of world Jewry is due to the fact that Israeli politicians participate in international forums and make public statements purporting to represent all Jewish people. Actually they represent Zionist interests, not Jewish interests. In every case of a conflict between Jewish and Zionist interests the latter prefers its own interest. The best example is the treatment of Holocaust survivors in Israel. Though Germany paid the Israeli government money to compensate them the Israeli government used the money for its own purposes without passing it on to the Holocaust survivors living in Israel. The survivors had to resort to strikes and demonstrations against the Israeli government to get their money.  The issue is not settled to this very day.

Ich kann Orr, diesem Veteranen der israelischen radikalen Linken und Gründungsmitglied von Matzpen, in weiten Teilen zustimmen. Für unscharf halte ich aber sein Zionismus-Verständnis. Die Art und Weise, mit der  er diesen Begriff ausschließlich mit Ben Gurion, Meir, Sharon, Begin und Co. verbindet, erinnert doch recht stark daran, wie vermeintliche Kritiker der katholischen Kirche diese auf Papst, Zölibat und Frauenfrage reduzieren. Für Zionismus und Katholizismus darf bei aller kritischen Distanz dennoch gelten: Beide haben mehr zu bieten.

Martin Buber, Judah Magnes, Yeshayahu Leibovitz, Achad Ha’am- sie alle waren Zionisten und setzten sich als solche für ein friedliches, d.h. auf Gegenseitigkeit beruhendes, Zusammenleben von Juden und Arabern in Israel-Palästina ein. Sie taten dies – als Zionisten. Gleiches gilt für Blogger wie Richard Silverstein oder Jerry Haber – vielleicht auch für Jeremy Milgrom. Ihre zionistische Grundüberzeugung hilft ihnen, beredt Kritik zu üben an der  verbrecherischen Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern. Man denke auch an Noam Chomsky, der von seinen Gegnern gern in die antizionistische Eceke gestellt wird, nur um ihm noch Übleres anzudichten.

Zionismus als politische Bewegung zur Eroberung von Land zu bezeichnen, ist nicht völlig falsch, repräsentiert aber nicht die ganze Wahrheit. Zionismus zu verstehen als Befreiungsbewegung hin zum Selbstbestimmungsrecht eines jeden jüdischen Menschen, zu leben, wo und wie er oder sie es möchte, eine andere, vielleicht nicht allen präsente, vielleicht auch nicht so bequeme, weil propagandistisch auszuschlachtende, aber dennoch zutreffende Sache.

Meine Überzeugung: den Staat Israel mit jüdischer Existenz als solcher glewichzusetzen, ist falsch. Wie Marc H. Ellis sage auch ich: Der Staat Israel ist nicht gleich Judaismus/Judentum/Judenheit.  Israels Politik dem Zionismus per se anzulasten, halte ich für verfehlt. Das Leben als israelischer Jude markiert nach der Shoa eine wichtige Option jüdischer Existenz. Sie ist allerdings nicht die einzige mögliche. Vielleicht findet sich der visionäre Kern heutigen Lebens irgendwo in Israel – vielleicht aber auch und gerade in der Diaspora. Das eine auf Kosten des Anderen anzunehmen, also das Andere auszuschließen – das hat nichts mit dem zu tun, was für alle Menschen zu gelten hat: Jeder Mensch hat die Freiheit, zu entscheiden, wo und was er oder sie sei.  Ich stimme Orr zu: Der Staat Israel steht für die nationalistische Richtung – aber innerhalb des Zionismus‘. Nationalismus basiert auf der Notwendigkeit, Opfer zu schaffen. Davon handelt im Letzten weder das Judentum – noch ist damit die Geschichte des Zionismus ganz erzählt. Für’s Erste bleibe ich aber dabei: Der Staat Israel ist nicht identisch zu sehen mit Judentum und Judenheit.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Israel, Walter Benjamin, Akiva Orr und „deutsche Befindlichkeiten“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s