„Die prophetische jüdische Stimme wird niemals schweigen.“ Interview mit Marc H. Ellis

Marc H. Ellis
Marc H. Ellis

Marc H. Ellis ist einer meiner Helden. Dies liegt zum einen an seinem Wirken als jüdischer Befreiungstheologe und an der Eindringlichkeit, mit der in seinen hierzulande kaum bekannten Büchern und Texten für eine Befreiung jüdischer Existenz vom Zwang zum Bekenntnis zu Gewalt und unrechtmäßiger Machtausübung von Seiten des Staates Israels und all seiner Unterstützer plädiert. Ellis repräsentiert in der heutigen Zeit als einer von nur sehr wenigen Vertretern die Stimme prophetischer und exilischer Existenz innerhalb des Judaismus (ich vermeide hier den Begriff Judentum). Zum anderen hat meine Bewunderung für Ellis mit seinem Mut zu tun, die von ihm in schriftlicher Form vorliegende Botschaft auch zeugnishaft zu leben.  Marc H. Ellis steht am Rande: innerhalb seines eigenen Glaubens, innerhalb des globalen Wissenschaftsbetriebs (welch eine Ironie), im Rahmen jeder Diskussion über die Zukunft Israel-Palästinas. Kennengelernt habe ich ihn im Jahr 2000, als ich von dem Verleger und Theologen Rainer Zimmer-Winkel gebeten wurde, ein Treffen zwischen Ellis und einigen Dozierenden und Studierenden der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Münster zu organisieren. Weil eine solche Veranstaltung zu keinem anderen Zeitpunkt möglich zu sein schien, trafen wir uns vormittags. Weil sich kein anderer Ort dafür finden ließ, saßen wir in einem Kellerraum der Katholischen Studierenden-Gemeinde. Alle Anwesenden überschritten nicht die Zahl 6 oder 7. Ich war beschämt, nicht zuletzt, weil mehr als klar war, dass Marc H. Ellis für Unwohlsein sorgte. Theologen wie etwa der Alttestamentler Erich Zenger sind – bei aller Brillanz – nicht zuletzt deshalb so renommiert, weil sie sich eingelassen haben auf das, was Ellis den „ökumenischen Deal“ nennt: Sich für Gerechtigkeit in der Welt einsetzen, aber Israel-Palästina dabei beschweigen bzw. vorschnell Partei ergreifen für den Staat Israel. Doch Ellis war dies gewohnt und überzeugte mich – ich erinnere mich an ein sehr intensives Gespräch im Marktcafe -, dass Leute wie Zenger letzten Endes nicht wichtig seien, denn sie verkörperten nicht authentisch das, was man die von Juden und Christen geteilte prophetische Tradition Israels nennen könnte. Ellis hat ein neues Buch geschrieben. Ein schwieriges Buch: „Für viele ist allein der Titel des  Buches schon blasphemisch“, sagt Ellis, denn es heisst: Judaism Does Not Equal Israel, in deutsch etwa: Judaismus/Judentum ist nicht gleich Israel. Ich bin nicht sicher, wie ich es ausdrücken soll: Soll ich nun befürchten oder doch lieber hoffen, dass dieses Buch nicht in deutscher Übersetzung erscheinen wird? Zweifellos hat Ellis verdient, von so vielen Menschen wie möglich gelesen zu werden. Doch wer schützt ihn vor den Vereinnahmungsmechanismen dessen, was sich hierzulande „Nahost-Diskussion“ zu nennen pflegt? Das folgende Interview ist im Zuge eines kurzes Email-Austauschs zwischen mir und Marc H. Ellis am 1. Oktober 2009 entstanden. Ich bringe es erst jetzt, weil die Übersetzung einige Zeit in Anspruch nahm, und außerdem verbrachte ich einige Tage in Rom, dem Zentrum des konstantinischen Christentums.

MondoPrinte: Wovon handelt Ihr neues Buch?

Marc H. Ellis: Mein neues Buch ist erschienen im Rahmen einer Buchreihe mit dem Titel “Does Not Equal”, z.B. Islam Does Not Equal Fundamentalism oder Evangelical Does Not Equal Republican. Ausgehend von dem von mir für das Buch gewählten Titel Judaism Does Not Equal Israel geht es mir um eine Unterscheidung von Judaismus und dem Staat Israel, ganz besonders in Bezug auf ethische Aspekte wie etwa den Umgang mit dem Anderen. Das ist natürlich ziemlich kompliziert. Die jüdische Religion ist verwickelt in das Wesen und die Politik des Staates Israel. Es gibt keine Religion, die unschuldig ist. Mir geht es darum, dass Juden Teil haben an dem Unrecht, das Palästinensern widerfährt. Wir müssen dieses Unrecht beenden und korrigieren, ansonsten wird die jüdische Tradition, die eine der Ethik und Moral ist, zerstört. Eigentlich ist sie das ja schon längst.

Welche Reaktionen hat es bisher auf das Buch gegeben? Welche weiteren Reaktionen erwarten Sie?

Nur sehr wenig Reaktionen. Eigentlich keine. Für viele ist allein der Titel des  Buches schon blasphemisch. Aber selbst die fehlende Reaktion ist Ausweis dafür, dass jedem bewusst ist, was eigentlich vor sich geht. Juden und Nicht-Juden scheuen sich davor, einzugestehen, dass wir das Ende der jüdischen Geschichte erreicht haben – jener jüdischen Geschichte, wie wir sie kennen und geerbt haben.  

Ich muss gestehen, dass ich Ihr neues Buch noch nicht gelesen habe. Mir kommt es aber so vor, als ob es in dem Buch zahlreiche Aspekte zu finden gibt, die Sie in vergangenen Werken bereits behandelt haben. Also: Was gibt es Neues?

Es gibt immer Nuancen, neuere Entwicklungen und Ereignisse, tiefere Einsichten, doch es ist schon richtig: Es gibt nichts wirklich „Neues“. Schon vor 20 Jahren, als ich für eine jüdische Theologie der Befreiung plädierte, habe ich kommen sehen, womit wir uns heute auseinandersetzen müssen.  Überhaupt: „Neu“ wird überschätzt. Wenn der Stimme der Gerechtigkeit Gehör geschenkt und ihre Botschaft befolgt wird, ist es an Anderen, “neue” Einsichten zutage zu fördern.  

Was mir aufgefallen ist: Sie unterscheiden zwischen Judaismus und Israel – und nicht dem Staat Israel.

Dann schauen Sie mal richtig hin. Ich gehe von eben dieser Unterscheidung aus und spreche dann umso mehr über den Staat Israel.

Worin besteht die Verbindung zwischen Ihrem Buch und einer Theologie der Befreiung?

Es waren Juden, die als erste die Frage nach der Verbundenheit von Befreiung und Gott gestellt und auf die Wirklichkeit übertragen haben. Juden vermachten der Welt die prophetische Tradition. Nach dem Holocaust sind wir – aus verständlichen Gründen – von unserem Weg abgekommen. Juden leben in Finsternis, solange sie meinen, sich bewaffnen zu können mit ihrer Geschichte und mit Waffen. Die Entstehung verschiedener Theologien der Befreiung in aller Welt verweisen auf jene Zeit, als das Volk Israel das Licht für die Welt war. Zwar gibt es noch einige Vertreter eines solchen Judaismus’, und ich nenne sie Juden mit einem Gewissen. Diese Juden mit einem Gewissen stehen allerdings permanent unter Beschuss, nicht zuletzt durch jene, die als Anführer aller Juden gelten möchten, konstantinische Juden, aber auch durch Juden mit eher progressiven Einstellungen, die aber nur allzu oft nichts Anderes sind als der linke Flügel eines konstantischen Judentums.

In letzter Zeit sind eine Reihe von Büchern erschienen, in denen der Zionismus einer radikalen Kritik unterzogen wird. Mir fallen z.B. Joel Kovel’s Overcoming Zionism oder The Holocaust is Over von Avraham Burg ein. Welchen Platz nehmen Sie ein in dieser angedeuteten Reihe jüdischer Dissidenten?

Diese Autoren nehme ich nicht sonderlich ernst, obwohl sie zweifellos wichtige Aspekte zur Sprache bringen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die meinen, der Zionismus habe Judentum und Judenheit unterwandert oder dass der Holocaust, als wäre er lediglich irgendein Trauma, vorüber sei.  Es bestehen gute Gründe für ein Fortbestehen eines Zionismus und für eine immer tiefere Beschäftigung mit dem Trauma des Holocaust. Die Oberflächlichkeit, mit der diese Themen verhandelt werden, ist oft kaum zu fassen. Wir müssen viel tiefer gehen, viel tiefer. Vielleicht wird dies in der nächsten Generation geschehen, obwohl viele auch von der jüngeren Generation bereits die zentrale Herausforderung für heutige jüdischer Existenz verdrängen: die Frage nach dem Umgang mit den Palästinensern. Für viele ist es schwierig, der Idee, dass Diaspora und Exil notwendig sind als Anspruch und Aufgabe für den Glauben und Treue heute lebender Juden, Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn wir uns heute alles kaufen können und es immer nur darum zu gehen scheint, wie man die Erfolgsleiter noch weiter erklimmen kann – warum sollten junge Leute ein Leben im Exil bevorzugen – wo doch jüdische Identität ohnehin heute ein in jeder Hinsicht erfolgreiches Leben zu garantieren scheint?

In Deutschland ist es kaum möglich, über Themen, die mit Israel-Palästina zu tun haben, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Warum sind Sie der Ansicht, dass Ihr neues Buch hierzulande (nicht) gelesen werden sollte?

Seit Jahrzehnten bereise ich immer wieder Deutschland und pflege Kontakt zu Menschen in jenem Land, die den auf dem schmalen Pfad wandeln zwischen deutscher Geschichte und jenem, nun permanenten, Unrecht, das den Palästinensern von Seiten Israels widerfahren ist, noch immer widerfährt und weiterhin widerfahren wird. Mein Buch sollte in Deutschland veröffentlicht werden als ein Zeugnis für jenes jüdische Leben, das der Holocaust nicht hat auslöschen können. Hitler sagte, wenn er mit den Juden fertig sein würde, würden diese nie wieder lachen. Was er damit meinte: Wenn er fertig sein würde mit den Juden, wäre die prophetische Stimme aus dieser Welt verschwunden. Hitler hatte unrecht. Nicht einmal der konstanische Judaismus kann die prophetische Stimme jüdischer Tradition zum Schweigen bringen. Deutsche sollten dies zur Kenntnis nehmen: Die prophetische jüdischeStimme wird niemals schweigen.

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