Tausendundein Grimm’sches Märchen von Hans Patrick Andersen

Will man hierzulande über den Nahostkonflikt sprechen, kann es, scheint’s, gar nicht genug Schubladen geben. Ganz weit aufgemacht wird die Schublade gewöhnlich im Spiegel – nur, damit sie schnell zugemacht werden kann.

Es beginnt ein Text über Mahmoud Abbas und den „plötzlich“ (*kicher*) schwindenden Rückhalt für ihn in der palästinensischen Bevölkerung. Schublade auf:

Laila al-Bucharis Händedruck ist schlaff. Kaum zu glauben, dass diese Hände einmal palästinensischen Selbstmordattentätern Sprengstoffgürtel umgeschnallt haben.

Schublade zu. Weiterlesen nicht notwendig. Doch!Man fragt sich schon gar nicht mehr, ob Christoph Schult, der Autor des verlinkten Beitrags aus SpOn, eine ähnliche Unverschämtheit auch über eine Israelin vom Stapel gelassen hätte: Ihr Händedruck ist schlaff. Kaum zu glauben, dass diese Hände einmal… ach, ich höre lieber auf.

Dass Abbas eine Flasche ist, musste nicht erst SpOn aufdecken. Und es war auch nicht notwendig, gesondert darauf hinzuweisen, dass sich Abbas gerade im Zusammenhang mit Gaza und Goldstone einmal mehr zum Horst gemacht hat:

Erst weigerte er sich wochenlang, Israels Hardliner-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu treffen, dann stimmte er, auf Bitten Washingtons, einem peinlichen Show-Gipfel zu, um das Gesicht Obamas zu wahren. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Autonomieregierung, erneut auf Druck der USA, gegen eine Weiterleitung des sogenannten Goldstone-Berichts über den Gaza-Krieg an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gestimmt hatte. Der Bericht wirft Israel Kriegsverbrechen während der Operation „Gegossenes Blei“ Anfang des Jahres im Gaza-Streifen vor.

[Ergänzung: Der Bericht, wenn ein Bericht dazu in der Lage ist – eigentlich ist es der Autor bzw. die Autoren, die so etwas tun -, wirft auch Hamas Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Aber egal, wir wollen mal nicht palästinensischer sein als der Papst…]

Reportagen aus Israel-Palästina lesen sich in unseren Leitmedien wie Märchen aus Tausendundeinem Grimmschen Märchen von Hans Patrick Andersen. Ähnliches gilt für die hiesige Blogoshäre zu Israel-Palästina. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wimmelt es nur so von Bekenntnisplatformen und Fan-Ecken – für irgendein Wunschland, das in den meisten Fällen Israel, in einigen wenigen Fällen Palästina und in ganz wenigen Fällen Takatukaland heißt.

Kommentare bekommt man hierzulande von Hardcore-Israel-Fans, die einem „blöde“ kommen, oder von Lichtgestalten, die die Forderung, irgendjemand oder irgendwas müsse sterben, schon im Nicknamen tragen und sich dann vermutlich wundern, dass man ihre Ejakulate nicht voller Bewunderung in sein Blog lässt. Es ist einfach nur furchtbar banal und eher Stoff für diverse Psychologie-Proseminare, was Nahost-Diskurs unter der Bedingung der sog. „deutschen Befindlichkeiten“ herzugeben in der Lage scheint. Geht das nicht anders?

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