Der Perlentaucher als Organ des liberalen Flügels globaler Kulturkämpfer

Probleme bereitet zu haben schien dem Perlentaucher ja kürzlich die Forderung von Freitag-Boss Jakob Augstein, die Bundeswehr möge sich unverzüglich aus Afghanistan zurückziehen. So weit so gut, nur dass man sich auf Seiten des Kultur-Portals mit seiner (gar nicht einmal so) neutralen täglichen Feuilleton-Presseschau nicht so sicher war, wie man mit Augsteins Vorstoß umgehen sollte. Der Versuch des aktiven Ignorierens kollidierte mit einem Antwort-Essay von Chef-Perlentaucher Thierry Chervel. Dieser verstieg sich darin zu der Behauptung:

Taliban und Al Qaida repräsentieren gerade keine Kultur, sondern einen radikalen Utopismus, der alles, was als individuelle, kulturelle oder regionale Differenz über ihre totalitäre tabula rasa ragt, gnadenlos kappt, nicht anders als es einst die Nazis taten und genauso wie die Kommunisten, denen Jelinek oder Walser in früheren Tagen anhingen.

Anders gesagt: Taliban und Al Qaida = Nazis = Kommunisten. Elfriede Jelinek und Martin Walser = Kommunisten = Nazis = Taliban und Al Qaida. Und deshalb: Kein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan.  Man muss sich schon recht sicher fühlen, auf der richtigen Seite zu stehen, um so etwas ernst zu meinen. Chervel scheint es so zu gehen.

Was Michael Angele zum Perlentaucher unter der Überschrift „Ungerechtigkeiten der Mediengesellschaft (II)“ zu sagen hat, kann ich zu guten Stücken teilen und befürworten. Andererseits kann ich auch nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass MondoPrinte die geäußerte Kritik am Perlentaucher, einem wichtigen Organ des liberalen Flügels im hiesigen Huntington-Fanclub schon sehr viel früher zu üben im Stande war  – und dies auch nicht einfach nur „pro domo“ (E. Henscheid) –  als  Angeldust:

Ich finde, der Perlentaucher hat wirklich ein Problem. Seit langer Zeit beobachtet man politisch eine Schlagseite. Aus den zahlreichen Blogs kommt an manchen Tagen als einziger nur die, sagen wir mal, nicht gerade linke  Achse des Guten zu Wort.

Auch das wäre freilich kein Problem, wenn der Perlentaucher sich nicht selbst primär auch als Dienstleister sehen würde. Er bringt in Selbstverpflichtung einen tägliche Übersicht über das deutschsprachige Feuilleton. Ausdrücklich nennt er das eine „Presseschau“. Nicht alles wird in einer solchen Presseschau erwähnt, aber doch alles, was ihm und auch anderen wichtig scheint. Aber wie geht das? Einerseits einen relativ neutralen Überblick geben zu wollen und andererseits in dieser Dienstleistung immer mehr Partei zu sein?

Es geht halt irgendwie. An die schon habituellen Ausfälle gegen die FAZ hat man sich mittlerweile gewöhnt, und dass viele Blogs keine Beachtung finden, nun gut, es gibt zu viele, da muss man schon eine Auswahl treffen…

Im Übrigen gilt: Besser schweigen. Der Perlentaucher hat ja nicht nur ein Problem, sondern auch relativ viel Macht, auch wenn er das gerne bescheiden verneint. Man würde schon ganz gern von ihm erwähnt werden, das sorgt für Verbreitung und Beachtung. Also haben auch wir ein Problem.

Die Sache mit der verneinten eigenen Macht ist ein Kennzeichen dieser unserer Welt als Apparat: Wenn man schon nicht mehr daran glauben mag, eine Form des Zusammenlebens entstehen lassen zu können, die nicht darauf angelegt ist, immer neue Opfer zu schaffen, will man zumindest sympathisch rüberkommen, d.h. wie ein Opfer erscheinen.

Weil man zutiefst dieser Welt verbunden ist und sich in ihr wohlfühlt, weil man es zu Macht und Ansehen bei den Mächtigen und Angesehenen gebracht hat, drückt man ebendies aus, indem man die eigene Macht leugnet.

Hat schon beinahe etwas Israel-Lobby-haftes…

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