Hamburger Streit um Pourquoi Israel oder: „Palästina“ = „Israel“?

Ende Oktober kam es in Hamburg rund um die – letztlich leider verhinderte –  öffentliche Vorführung des Claude-Lanzmann-Films Pourquoi Israel zu wildwestartigen Szenen. Im  hiesigen Krieg der Befindlichkeiten beließen es Anti-Imps und Deutsche, äh Anti-Deutsche, nicht bei verbalen Scharmützeln. Verdinglichte Sühne pur, könnte man meinen. Man kann sich als Anti-Imp sicher natürlich darüber ereifern, mit welcher Willfährigkeit einzelne Protagonisten der medialen Form etablierten Shoa-Gedenkens (Lanzmann, Wiesel u.a.) scheinbar ohne Bedenken die Werbetrommel für ein Israel zu rühren sich nicht zu schade sind, dass viele jener Prinzipien, die von besagten Protagonisten hochgehalten, wenn nicht verkörpert, werden, ad absurdum geführt hat.  Als Antideutscher könnte man aus der Haut fahren, wenn das gemeinsame Betrachten eines Lanzmann-Films zu Zeter und Mordio führt. Als Beobachter aus der Ferne kann man nur den Kopf schütteln darüber, wie die Shoa, das Nachdenken über eine angemessene Form des Gedenkens und der Nahostkonflikt nicht nur in einen Topf geworfen werden, sondern derartig miteinander verrührt werden, dass am Ende ohnehin nichts Anderes herauskommt als eine Ego-Show ureigenster Befindlichkeiten.

Es gibt nun verschiedene Versionen der Darstellung der Geschehnisse vom 25.10. Während die einen schon wieder ganz weit vorn sind bei der Benutzung schmutziger Wörter – „Antisemiten verhindern Lanzmann-Film auf St. Pauli“ – und es als Wink des Schicksal empfinden müssen, dass sie sich einmal mehr in selbstgefälliger Indigniertheit inszenieren dürfen, reagieren die anderen zumindest mit Humor – und kommen dabei zu allerlei tiefschürfenden Einsichten:

Israel jedoch, das sei einmal mehr festgehalten, ist der bewaffnete Versuch der Juden, den Enkeln der Täter durchfeierte Nächte in Tel Aviv, Praktika in israelischen Krankenhäusern, zweitklassigen Electropop und vor allem eine kunterbunte Projektionsfläche für alle politisch-historischen Unstimmigkeiten globaler Inwertsetzung zu ermöglichen – und gegen die negativen Aufhebungsversuche der linksnazistischen Volxfront vehement zu verteidigen.

Mich hat der dazugehörige Text sehr amüsiert, übt sich dessen Verfasser/Verfasserin doch recht erfolgreich in der Persiflierung ehrlich besorgten Jargons und entsprechender Scheinargumente, die von sog. anti-deutscher Seite oft in vermeintlicher Solidarität mit Israel nicht selten vorgebracht werden und die nicht selten in Rassismus enden: Für Israel sein heisst viel zu oft, seinen Ressentiments gegen Araber bzw. Muslime einen akzaptablen Anstrich zu geben.

Doch ich frage mich andererseits – und das alles Ernstes: Warum darf man den Lanzmann-Film nicht zeigen bzw. sehen? Muss man sich so benehmen? Sich dermaßen offensichtlich selbst qualifizieren, indem man sich als das Furunkel auf der jeweils anderen Arschbacke im hiesigen „linken“ Nahost-„Diskurs“ zu gebärden nicht entblödet? Solidarität mit den Palästinensern auf dasselbe Level abgleiten lassen wie hiesige Israelsolidarität? „Palästina“ = „Israel“?

Ich versteh‘ es nicht. Muss ich auch nicht. Will ich auch nicht.

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5 Gedanken zu “Hamburger Streit um Pourquoi Israel oder: „Palästina“ = „Israel“?

    1. Endlich mal ein Artikel, der die „Gesamtsituation“ so beleuchtet, wie sie wohl auch am ehesten zu betrachten ist. Sehr, sehr schön!
      Auch sehr scharf analysiert:
      Während die einen schon wieder ganz weit vorn sind bei der Benutzung schmutziger Wörter – „Antisemiten […] auf St. Pauli“ – und es als Wink des Schicksals empfinden müssen, dass sie sich einmal mehr in selbstgefälliger Indigniertheit inszenieren dürfen, reagieren die anderen zumindest mit Humor […]
      Humor ist wohl auch, wenn man trotzdem über diesen ganzen Quark lacht…

      Gefällt mir

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