Hamburg – (anti-)deutsche Stadt?

Aus meinem Wolkenkuckucksheim in der Provinz beobachte ich mit einer Mischung aus zunehmender Befremdung und immer wieder aufkommender Amüsiertheit, dass sich nach Berlin und der Ruhr-Gegend nun auch Hamburg auf der Karte der (anti-)deutschen Befindlichkeiten einen immer dicker werdenden Namen zu machen scheint. Nach dem ach so lautstark wie bereitwillig beklagten „Lanzmann-Skandal“ im Oktober kam es kürzlich zu einer Demonstration gegen alles, was das niegelnagelneue „Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten“ für Antisemitismus zu halten sich nicht zu dumm ist. Israelkritik von links ist gemeint, und dagegen hilft nur „Solidarität“ mit „Israel“. Was mit Solidarität gemeint ist, und welches „Israel“ nun „gerade wir (Anti-)Deutschen“ um Himmels Willen unhinterfragbar unterstützen sollen, ist auf besagter Protestveranstaltung gegen alles und jeden nicht wirklich klar geworden, und so kratzt sich Victor de Arroyo entsprechend metaphorisch am symbolischen Kopf:

Silke Opfer bringt es dabei eher unfreiwillig auf den „Punkt“: „Ich bin gegen die antizionistische Haltung der B5-Leute, deshalb demonstriere ich“, sagte die 39-Jährige.(sal)

Aha. Alles klar. Schon verstanden. Sie sagt das ja auch schon so, als ob damit schon alles gesagt wäre. Ist es das wirklich?

Also ich kann nur sagen, dass ich gegen Rosinen in meinem Kaiserschmarrn bin, keine Lakritze mag, gegen Studiengebühren und gegen die Todestrafe bin, gegen staatlich (und sonstwie) angeordnete Folter – und ja, natürlich auch gegen Antisemitismus – das sind so ziemlich die Dinge, bei denen ich mir SICHER bin, dass sie für mich nicht klar gehen. Natürlich würde ich nicht gegen Lakritze und Rosinen auf die Straße gehen, weil andere Leute das ja vielleicht ganz lecker finden. Aber andererseits: Wie käme ich denn dazu, grundsätzlich gegen die antizionistische Haltung anderer Menschen zu sein und dann dagegen auf der Straße zu protestieren? Versteh ich nicht. Weiß denn die gute Frau überhaupt, dass es auch antizionistische Juden* und Israelis gibt? Und weiß sie denn auch, dass eine antizionistische Haltung nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit der Verweigerung des Existenzrechts Israels? Es gibt freilich verschiedenste Formen und Ausprägungen des Antizionismus’.  Einige mögen auch sicherlich nicht weit entfernt von antisemitischem Gedankengut sein. Dennoch: die Gründe für eine antizionistische Einstellung sind oftmals sehr verschieden. Dabei wäre zu klären, wie es nun tatsächlich um die spezielle politische Gesinnung der Antiimperialisten aus der B5 bestellt ist. Aber ach, ich bezweifle ja, dass das Frau Opfer überhaupt interessiert. Aber, so viel steht immerhin für sie fest: sie ist „dagegen“. Wahrscheinlich auch, weil sie – wie so viele anderen „erleuchteten“ Menschen – Antisemitismus und Antizionismus in einen Topf wirft. Ich vermute mal, Frau Opfer geht auf die Straße, weil sie denkt, dass das was sie da tut, ein wichtiger Schritt gegen den Antisemitismus ist. Und in ihren Augen sind die Leute der B5 nicht weit vom Antisemitismus entfernt. Woher aber weiß Frau Opfer das? Ach so ja, stand ja in der Zeitung…

Und da wundere sich noch jemand, dass in hiesigen Breitengraden von einer ernstzunehmenden bzw. ernstgemeinten Nahost-Diskussion jenseits von „Existenzrecht“ und „Auch die Juden müssen wissen…“, sowie über „Alle Palästinenser sind Nazis“ und „Israel verübt einen Holocaust an den Palästinensern“ hinaus, kaum (noch oder jemals…) die Rede sein kann. Solange es nur ums Rechthaben geht als um Substantielles, wird sich daran auch nichts ändern. Hamburg ist nur ein Beispiel. Wer wüsste es besser als meine Wenigkeit: Wer mit wenig Kenntnis  und mit noch weniger Empathie für lebende Menschen ausgestattet ist und doch die maximale Menge an Moralinsäure über alle, die ihn oder sie jemals nicht ernstgenommen haben, ausgießen möchte, sollte sich überlegen, ob er oder sie nicht über Israel-Palästina sprechen möchte.

Ich für meinen Teil habe davon aber schon wieder genug und gehe zum Ablegen von irgendwelchen Bekenntnissen in die Kirche…

Wie sehr damit auch der Kampf gegen realen Judenhass auf den Hund gekommen ist, zeigt der Umstand, dass allzu viele Angehörige eines vermeintlich um Israel „ehrlich besorgten“ Milieus nur noch damit beschäftigt zu sein scheinen, „die Linke“ für „ihren Antisemitismus“ zu verdammen – und jüdische – linke! – Kritiker Israels gleich mit. Und das hat u.a. mit einer ganzen Reihe von Verwechslungen und Verschwurbelungen zu tun, wie Moshe Zuckermann, jüdische Nemesis aller (anti-)deutschen „Gutmenschen“-Hasser, auszuführen weiss:

Wer noch immer nicht den Unterschied zwischen Judentum, Zionismus und Israel, mithin zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik begriffen hat, wird zwangsläufig miteinander vermengen, was auseinandergehalten gehört. Israel führt einen erbitterten Kampf gegen Hamas und Hisbollah; dieser hat seinen historischen Ursprung sowie seine aktuelle Begründung in der nahöstlichen Geopolitik und im israelisch-palästinensischen Konflikt, nicht im Antisemitismus als solchem, schon gar nicht in einem dem abendländischen vergleichbaren Antisemitismus. Traditionell war der Antisemitismus primär Erbteil rechter politischer und sozialer Gesinnung; es gab ihn zwar auch in der Linken, aber in keinem mit dem, was er im »Nationalsozialismus« an Verbrechen gezeitigt hat, annähernd vergleichbaren Ausmaß.

Ich würde all dem Gewese um ein Israel, das nur in den Köpfen und Herzen gar so vieler Menschen existiert, gar nicht so viel Aufmerksamkeit schenken, wenn es da nicht einen Trend gäbe, den ich für höchstbedenklich halte: Mittlerweile scheint der Kampf gegen den Antisemitismus an einen Punkt gekommen zu sein, an welchem nicht die Erinnerung an Auschwitz, sondern die angemessene Einstellung zum Staat Israel zum Maßstab allen Handelns geworden ist. Und wieder kommt mir die Sowjetunion in den Sinn.

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