Gegen Besatzung, gegen Antisemitismus – und umgekehrt

Man ärgert sich über Obama, man schüttelt den Kopf über die temporäre Einfrierung des Siedlungsbaus in der Westbank. Man ist erschüttert, wie unverhohlen und offen die ethnische Säuberung in Ostjerusalem vor sich geht. Palästinenser werden ausgebürgert, und dieselben Charaktermasken, die das Volk vor etwas mehr als einem Monat ein „Fest der Freiheit“ in Berlin zu feiern aufgaben, tun und sagen nicht die Bohne. Was fehlt? Richtig: Gaza. Vor einem Jahr startete das von der israelischen Armee zu verantwortende Blutbad „Gegossenes Blei“. Tsafrir Cohen erinnert uns daran, sowie an die Tatsache, dass die Verhältnisse im gleichnamigen Streifen kaum verhehrender sein könnten:

Während der schmale Gazastreifen mittlerweile im 30. Monat unter dieser Blockade leidet, nehmen Deutschland, EU und USA die Kollektivbestrafung von 1,5 Millionen Menschen einfach hin. Das hat nicht nur mit der Hamas-Herrschaft im Gazastreifen zu tun, wie oft behauptet wird. Denn Israels Blockade erstreckt sich, wenn auch in anderer Form, auch auf das Westjordanland. In diesem Teil der palästinensischen Gebiete stehen 70 Prozent unter direkter israelischer Kontrolle. Auch hier bestimmt Israel, welche wirtschaftliche Entwicklung erlaubt ist – und welche nicht: Während die Infrastruktur der israelischen Siedler dort hoch subventioniert wird, sind ihre palästinensischen Nachbarn zur Armut verdammt. So ist dort ein Enklavensystem entstanden, das, wie Israels Expremier Ehud Olmert sagte, einem Apartheidsystem ähnelt.

Interessant die Wendung, die Cohens taz-Kommentar am Ende nimmt. Meiner Ansicht nach trifft er einen Nerv, den auch nur mit der Kneifzange anzufassen sich allzu viele Verantwortliche scheuen: Gaza durfte geschehen, so relativ laut beschwiegen von der ach so besorgten Weltöffentlichkeit – und die hiesige Öfentlichkeit gehört eben dazu -, weil die Angst, auch nur als vermeintlicher Antisemit zu gelten, schwerer wog als die Anteilnahme und die Empoörung an dem Leid, das den Menschen von Gaza widerfuhr und weiterhin widerfährt:

Würden deutsche Politiker den nach wie vor virulenten Antisemitismus im eigenen Land mit aller Macht bekämpften, hätten sie keinen Grund, sich gegenüber Israel mit falscher Vorsicht zurückzuhalten. Um eine berühmte Redewendung des israelischen Staatsgründers Ben Gurion abzuwandeln: Es gilt, gegen die israelische Besatzung zu kämpfen, als ob es keinen Antisemitismus gäbe – und gegen den Antisemitismus, als ob es diese Besatzung nicht gibt.

So ähnlich hat es Slavoj Zizek auch gesagt!

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