Bielefeldt: „Die christlichen Kirchen haben gegenüber dem Islam also nur einen Erfahrungsvorsprung“

Immer stärker wächst in mir die Überzeugung, dass religiösem wie politischem Extremismus nicht allein mit den Mitteln der Aufklärung beizukommen ist, sondern auch und gerade auf einem Weg, der religiöse Kategorien und Vorstellungen ausdrücklich positiv beurteilt. Der sog. Neue Atheismus a la Dawkins hat nichts Neues zu bieten, schliesst er doch von sich auf Religion: Seit Mitte des 19. Jahnrhunderts nichts Neues!

Der katholische Theologe und Philosoph Heiner Bielefeldt hat gestern in der taz ein Interview zum Thema „(vermeintliche) Aufklärung vs. ‚den‘ Islam“ gegeben. Es ist so kurz wie prägnant, und kann von jedem verstanden werden, der seine Hasskappe mal abzunehmen in der Lage ist. Der Dokumentation wegen hier das gesamte Interview im Wortlaut:

ISLAM UND GRUNDRECHTE Ein Verbot von Burkas ist möglich, ein Verbot von Minaretten rechtswidrig, meint der scheidende Direktor des Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt. Den „harten Kern der Islamophobie“ hält er für liberal getarnten Rassismus

INTERVIEW CHRISTIAN RATH

taz: Herr Bielefeldt, in der Schweiz wird der Bau von Minaretten verboten, in Frankreich will man die Burka bannen, und in Deutschland dürfen Lehrerinnen in vielen Bundesländern kein Kopftuch mehr tragen. Verletzen solche Verbote die Religionsfreiheit der Muslime, oder werden hier Menschenrechte gegen eine repressive Religion durchgesetzt?

Heiner Bielefeldt: Da muss man differenzieren. Die Burka ist tatsächlich frauenfeindlich und unerträglich. Dass eine Frau gehindert wird, ihr Gesicht zu zeigen, nimmt ihr die Individualität. Das ist mit der Religionsfreiheit keinesfalls zu rechtfertigen. Die Verbotsforderung kann ich also nachvollziehen. Ich bezweifle aber, ob sie sinnvoll ist. Was ist gewonnen, wenn die betroffenen Frauen nicht einmal mehr das Haus verlassen können?

Und das Kopftuch?

Das Kopftuch an sich ist nicht verbotswürdig. In Deutschland geht es ja vor allem um die Frage, ob es die staatliche Neutralität verletzt, wenn Lehrerinnen in der Schule ein religiöses Kleidungsstück tragen. Das Verfassungsgericht hat die Einschränkung der Religionsfreiheit im Staatsdienst zugelassen, dabei aber eine strikte Gleichbehandlung der Religionen gefordert …

die beim Schweizer Minarettverbot offensichtlich fehlt.

Ja, es gibt ja nicht einmal einen vernünftigen Grund, gerade den Bau von Minaretten zu verbieten. Man kann das wohl nur als gezieltes Symbol der Zurückweisung und Marginalisierung sehen.

Warum ist die Islamkritik derzeit so präsent?

Der harte Kern der Islamophobie ist rassistisch. Die Abneigung gegen Ausländer oder anders Aussehende wird jetzt gern als Religionskritik ausgegeben, weil man hier bis in bürgerliche und linksliberale Kreise anschlussfähig ist.

Viele Islamkritiker sprechen sich nicht grundsätzlich gegen Ausländer aus, sondern verweisen auf die Menschenrechte.

Es ärgert mich ziemlich, wenn eine Hassseite wie „Politically Incorrect“ postuliert, sie trete für das Grundgesetz und die Menschenrechte ein. Sie posieren als Helden der Aufklärung, indem sie auf Minderheiten eindreschen. Ist das nicht albern? Aber es macht die Islamkritik ja so schillernd, dass sie sich gezielt auf liberale Werte wie die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Akzeptanz von Homosexualität beruft.

Haben Frauen und Homosexuelle nicht berechtigt Angst vor dem Islam?

Was heißt „vor dem Islam“? Natürlich gibt es patriarchale und homophobe Gewalt in islamisch geprägten Milieus. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber warum wird diese Rückständigkeit vor allem religiös gedeutet, statt sie auch soziologisch zu erklären?

Wo sind die Grenzen zulässiger Religionskritik?

Über religiöse Fragen muss man diskutieren können, auch robust, auch satirisch. Die Meinungsfreiheit gilt auch für pauschale, aggressive und geschmacklose Vorwürfe. Die Grenze ist aber erreicht, wo es nicht mehr um eine Diskussion, sondern um bloße Diffamierung und Ausgrenzung geht.

Viele Muslime reagieren auf Religionskritik empfindlich, wie die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen gezeigt hat.

Rechtlich kann es keinen Sonderschutz für Muslime geben. Das ist Ausdruck ihrer Anerkennung als Gleiche in dieser Gesellschaft. Allerdings ist es eine Stilfrage, ob man berücksichtigt, dass viele Muslime bildungsfernen Schichten angehören und mit Provokationen weniger gut umgehen können.

Der Schriftsteller Ralph Giordano warnt, dass Muslime in der Auseinandersetzung mit Ungläubigen eine religiös sanktionierte Erlaubnis zur Täuschung hätten.

Das ist eine gefährliche Ausgrenzung, wenn der Gegenseite eine strukturelle Verlogenheit unterstellt wird. Wer sich in diese Logik hineinbegibt, wird nicht mehr aus ihr herausfinden. Vielmehr ist jedem Gesprächspartner zunächst einmal Glaubwürdigkeit zu unterstellen, bis zum Beweis des Gegenteils.

Ist es zulässig, von Vertretern des Islams in Deutschland zu verlangen, dass sie sich zu den Werten des Grundgesetzes bekennen?

Das Grundgesetz ist die Grundlage für das Zusammenleben in Deutschland. Dazu muss sich auch eine Religion wie der Islam positiv verhalten. Ein ausdrückliches Bekenntnis sollte aber nur von Verbandsvertretern, nicht von einzelnen Muslimen eingefordert werden.

Warum?

Weil das Grundgesetz für hier aufgewachsene Muslime eine Selbstverständlichkeit ist. Ich kann verstehen, dass sie hilflos, überrascht und verärgert reagieren, wenn von ihnen – in einem oft inquisitorischen Ton – Sonderbekenntnisse verlangt werden. Niemand fragt einen christlich geprägten Menschen, wie sich bestimmte Stellen in der Bibel mit dem Grundgesetz vertragen.

Das mag ja sein. Aber im Koran heißt es ausdrücklich: „Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor.“

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist eine unverbrüchliche Vorgabe des Grundgesetzes, an die sich auch Religionsgemeinschaften halten müssen, zum Beispiel wenn sie Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilen wollen. Ansonsten ist es eine Aufgabe theologischer Interpretation, solche Koranverse mit den Vorgaben des Grundgesetzes in Einklang zu bringen. Das Gleiche gilt ja auch für bestimmte Stellen in der Bibel, wo es etwa heißt: „Die Frau ist der Abglanz des Mannes.“ Entscheidend ist, dass im Ergebnis die Vorgaben des Grundgesetzes akzeptiert werden. Das Christentum mit seinen universitären Lehrstühlen ist dem europäischen Islam bei dieser akademisch-theologischen Aufgabe sicher voraus.

Tut sich der Islam dabei nicht auch deshalb schwerer, weil angenommen wird, der Koran sei wortwörtlich von Allah diktiert?

Das macht die Aufgabe sicher nicht einfacher. Aber auch schon bisher hat sich die islamische Theologie Spielräume erarbeitet, indem sie betont, dass bestimmte Aussagen des Korans im Bezug auf die Situation in einem mittelalterlichen Bürgerkrieg zu sehen sind – etwa wenn sie die Erlaubnis zur Mehrehe für Männer als damaligen Beitrag zur Versorgung von Witwen und Waisen einordnet.

Lässt sich das Christentum leichter in eine weltliche Ordnung einbinden, weil in der Bibel steht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“?

Das glauben wohl manche in den christlichen Kirchen. Sie übersehen aber, dass es auch im Christentum, insbesondere in der katholischen Kirche, ein langer konfliktreicher Prozess war, bis Menschenrechte und Religionsfreiheit voll anerkannt wurden. Die christlichen Kirchen haben gegenüber dem Islam also nur einen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit dem säkularen Staat. Es wäre falsch zu sagen, die Christen haben die Aufklärung bereits hinter sich und der Islam hat sie noch vor sich. Vielmehr ist dieser Prozess bei beiden Religionen nicht abgeschlossen.

Mir behagt Bielefeldts Einstellung sehr: Sehr deutlich wendet er sich gegen jede Form von Bigotterie, und gleichzeitig plädiert er für eine religions- und Kulturkritik, die das je Eigene eben nicht außen vorlässt. Bielefeldt versteht es, zunächst einmal den eigenen Hof zu kehren, und demaskiert so all jene, die mit ihrer ach so liberalen und aufgeklärten Islam-„Kritik“ auch nicht so anders sind als die unzähligen Israel-„Kritiker“, die Israel sagen, aber „den“ Juden meinen. Zudem betreibt er, als Theologe und Philosoph, Religionskritik auf dem Terrain, auf das es gehört: Er argumentiert aus säkularer Sicht. Das dies kein Widerspruch in sich zu sein braucht, das zeigten im Übrigen schon die Propheten der Hebräischen Bibel, z.B. Jeremia (Jer 5), Einheitsübersetzung):

Bevor auch nur irgendjemand von Gottesdienst schwafelt, müssen ganz profan die Voraussetzungen geschaffen sein: Gerechtigkeit!

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9 Gedanken zu “Bielefeldt: „Die christlichen Kirchen haben gegenüber dem Islam also nur einen Erfahrungsvorsprung“

  1. Naja, wenn es heisst – der ’neue‘ Atheismus hat nichts neues zu bieten heisst dies doch nur, sehr viele alte Dogmen bestehen von anderer Seite noch.

    Atheismus heisst ja nicht etwas neues bieten, sondern den Blick auf die Realität wenden. Die Wissenschaft bietet wohl schon einiges, was neu ist. Bzw. vorher noch nicht bekannt war.

    Atheismus ist keine Weltanschauung. Da gehören schon noch einige andere Dinge dazu. Und an der Aussage – es gib (vermutlich 😉 ) keinen Gott – wird sich auch in 100 Jahren nichts ändern. Was soll da neu werden?

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  2. „Atheismus heisst ja nicht etwas neues bieten, sondern den Blick auf die Realität wenden.“ – ich würde eher – aus der Perspektive dessen, der glauben möchte, sagen: Atheismus und Glaube können fungieren als verschiedene Arten und Weisen, den Blick auf die Realität zu wenden.
    So oder so 🙂

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  3. 1. Einmal danke für den guten Artikel.
    2. Es steht schon in der Bibel es gibt keinen Gott. Allerdings spricht dies der Tor in seinem Herzen.
    daraus folgt
    3. Dass der bekennende Atheist, kein Tor sein kann, denn er spricht es ja nicht in seinem Herzen sondern ganz offen aus.
    4. Hat mir Dorothee Sölle’s Abhandlung : Atheistisch an Gott glauben sehr viel Hoffnung gemacht.
    5. Sage ich zu jedem Atheisten und noch mehr Priestern: „Sie brauchen an keinen Gott zu glauben. Ich glaube für Sie mit dran und sie können keinen einzigen Schnaufer tun ohne ihn.“
    6. Der jüngste Tag ist immer heute und da wird nur die Frage gestellt, was habt ihr dem Geringsten von einem von euch getan?
    7. Die Frage bleibt, dann nur noch: „Wer will heute noch ein Geringster sein?“

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    1. „Wer will heute noch ein Geringster sein?“
      Danke für Deinen Kommentar, Gräfin, aber meiner Ansicht nach galt auch schon zur Zeit Jesu: Ein Geringster zu sein ist keine Frage des Wollens, sondern des Müssens. Es ist ein Kennzeichen des Geringsten, dass er oder sie alles muss, nichts darf und schon gar nichts kann. Nicht weil er per se unfähig wäre, sondern weil er zu seiner Existenz gezwungen ist.

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      1. Dann wird es doch nur Zeit, dass die Menschen endlich aufstehen aus ihrem Schlaf und das müssen in ein Wollen zu verändern. Mehr bedarf es nicht. Das Reich Gottes ist da und es nur spannend zu sehen, wie wir uns gegenseitig diese ganz einfache Erkenntnis abspenstig machen und uns ausreden. Damit binden wir unnötig sehr viele positive Energien.

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  4. „Gerechtigkeit“ ist vielleicht ein zu ambitioniertes Ziel. Das erinnert mich ein wenig an Kants „Frieden“ – ein sich im Unendlichen anzunähernder Zustand.

    Reichen würde schon „Fairness“ – Respekt und Sachlichkeit in der Auseinandersetzung.

    Das was z.B. H.M. Broder propagiert ist da das Gegenteil. Ein Recht auf Unfairness, was nur zu weiterer Eskalation führen kann.

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