Wolfgang Benz zum „Diskurs über Kopftuch und Minarett“

Einen großartigen Artikel zum Verhältnis Islamfeindschaft und Judenhass bzw. Ressentiments gegen „den“ Westen und gegen „den“ Islam hat einmal mehr Wolfgang Benz vorgelegt. In der heutigen SZ macht er deutlich: In der Art und Weise wie antiislamische „Religionskritiker“ vorgehen, finden sich zahlreiche Parallelen zum Verhalten ihrer islamistischen bzw. antisemitischen Counterparts. Und das scheint mir in der Geistesgeschichte  nur allzu oft das Problem sog. aufgeklärter Religionskritik gewesen zu sein: Religion konnte als nichts Anderes verstanden werden denn als Vernebelungsinstanz, Neurose bzw. Sucht, die mit allen, also auch extremen, Mitteln bekämpft werden musste, damit der Mensch zu sich selbst finde. Der Kampf wurde umso erbitterter, je deutlicher sich abzeichnete, dass man sich selbst zur Negativfolie dessen gemacht hatte, das man zu bekämpfen vorgab. Kein neues Phänomen, beileibe nicht, aber Auswüchse dieses menschenzeitalten Dilemmas sind heute auch und gerade im Zusammenhang mit Antisemitismus bzw. Islamfeindschaft zu besichtigen. Benz dazu:

Wer sich, zu Recht, über die Borniertheit der Judenfeinde entrüstet, muss aber auch das Feindbild Islam kritisch betrachten (das sich zuweilen eines aggressiven, aufgesetzten Philosemitismus bedient). Es ist ein Gebot der Wissenschaft, die Erkenntnisse, die aus der Analyse des antisemitischen Ressentiments gewonnen wurden, paradigmatisch zu nutzen.

Die unterschwellig bis grobschlächtig praktizierte Diffamierung der Muslime als Gruppe durch so genannte „Islamkritiker“ hat historische Parallelen. Derzeit wird der Islam gedanklich mit Extremismus und Terror verbunden, wodurch alle Angehörigen der islamischen Religion und Kultur mit einem Feindbild belegt und diskriminiert werden sollen. […]

Wenn man die katholische Kirche historisch nur über das Leid definieren wollte, das päpstliche Kreuzzüge gegen „Ungläubige“ im Mittelalter, Inquisition und Hexenprozesse bis in die Neuzeit über unglückliche Unschuldige gebracht haben (oder heutzutage nur über Priester, die sich an Minderjährigen vergreifen), dann zöge man sich den Vorwurf der Verleumdung zu – die Verallgemeinerung beklagenswerter Auswüchse ist Hetze mit dem Ziel der Diskriminierung. Um die Gefährlichkeit des Islam zu beschwören, agieren „Islamkritiker“ aber unter zunehmendem Applaus mit genau dieser Methode.

Heinrich von Treitschke (1834 – 1896), renommierter deutscher Historiker und populärer Publizist, sah einst in seiner Überfremdungsangst Deutschland von Feinden umringt und durch mangelnde Bereitschaft der jüdischen Minderheit zur Assimilation im Inneren bedroht. Durch Autorität und Beredsamkeit verlieh er dem Antisemitismus Reputation und Schubkraft. Das war 1879, als er den Berliner Antisemitismusstreit auslöste. „Aus der unerschöpflichen polnischen Wiege“, behauptete der Gelehrte, dränge „eine Schar strebsamer, Hosen verkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen“ würden.

Die Parallele ist unübersehbar, wenn als taktische Waffe im geargwöhnten Kampf um die „Islamisierung Europas“ heute das Wochenbett der muslimischen Frau beschworen wird. Treitschkes Angriffe gegen das deutsche Judentum markierten die Aufkündigung des mühsam erkämpften liberalen Konsenses über die Integration.

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8 Gedanken zu “Wolfgang Benz zum „Diskurs über Kopftuch und Minarett“

  1. Wenn es ein „ein Gebot der Wissenschaft“ ist, „die Erkenntnisse, die aus der Analyse des antisemitischen Ressentiments gewonnen wurden, paradigmatisch zu nutzen“, müsste man allerdings auch feststellen, dass es eine Jüdische Weltverschwörung niemals gegeben hat, ebensowenig einen systematisch gegen Nichtjuden gerichteten jüdischen Terrorismus, oder einen Versuch von jüdischer Seite, die ganze Welt in einen jüdischen Gottesstaat zu verwandeln.

    Alles Ziele, die (auf den Islam bezogen) von einer nicht unbedeutenden Minderheit der Muslime verfolgt werden.

    Nicht verschweigen sollte man auch die unter Muslimen virulenten antisemitischen Ressentiments, die Benz‘ Gleichsetzung bizarr erscheinen lassen.

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    1. Würde Dir empfehlen, die Verteidigung, die Benz jüngst durch Micha Brumlik im Deutschlandfunk erfahren hat, mal nachzulesen bzw. -hören. Ein wenig Googlen, und schon müsstest Du es gefunden haben. Jedenfalls geht Brumlik genau auf das ein, was Du hier geschrieben hast, und zeigt, wie einfach Du es Dir machst.
      Aber ganz abgesehen davon: Wäre Antisemitismus für Dich also gerechtfertigt, zumindest nachvollziehbar, wenn es einen beleg gäbe, Juden hätten irgendwann einmal Ähnliches geplant wie heute (vermeintlich/wirklich?) Islamisten?

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  2. Ja wenigstens ein Argument vorbringen sollte man schon können; der Verweis auf andere, die das irgendwo getan haben (ohne die Quelle anzugeben), ist schon ziemlich schwach.

    Nein, Antisemitismus wäre nicht nachvollziehbar, genauso wenig wie der unterstellte irrationale Antiislamismus der Islamkritiker nachvollziehbar ist.

    Allerdings wäre es selbstverständlich geboten, gegen jüdische Terroristen (wenn es sie denn gäbe) vorzugehen, genau wie gegen terroristische Muslime.

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    1. Wirklich – worüber sollen wir zwei uns denn streiten? Behauptungen als Argumente verkleiden und sich dann beklagen, die „gegenseite“ würde nicht argumentieren, verdeutlicht doch nichts Anderes als den tiefen Graben zwischen unseren Auffassungen, oder?

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  3. Zumindest weiß ich immer noch nicht, was du inhaltlich gegen meinen obigen Kommentar vorzubringen hast.

    Was den Verdacht nahelegt, dass es da eben nichts gibt.

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    1. Ehrlich widerstrebt es mir, auf Deinen ersten Kommentar substantiell zu reagieren, denn Deine Argumentation bringt nichts Neues. Zumal ich mich frage, wie ich jemanden ernstnehmen kann, der/die für sich in Anspruch zu nehmen scheint, genau Beschied zu wissen über „das“ Denken „einer nicht unbedeutenden Minderheit der Muslime“. Würde es Leute geben, die behaupteten zu wissen, wie eine ähnliche Anzahl jüdischer Menschen denkt, Du wärst Dir mit mir einig: Gerüchte über Juden (frei nach H. Loewy) im Verzug.
      Damit will ich Dir nicht unterstellen, ein notorischer antiarabischer Rassist zu sein, aber mich hat die folgende Aussage aus Deinem ersten Beitrag richtiggehend erschreckt: „…feststellen, dass es eine Jüdische Weltverschwörung niemals gegeben hat, ebensowenig einen systematisch gegen Nichtjuden gerichteten jüdischen Terrorismus, oder einen Versuch von jüdischer Seite, die ganze Welt in einen jüdischen Gottesstaat zu verwandeln.“ Ich habe bereits dazu Stellung genommen: Für mich liest sich das wie eine (von Dir sicher nicht beabsichtigte) indirekte Rechtfertigung von Antisemitismus „unter bestimmten Bedingungen“. Nimm mir deshalb nicht übel, wenn ich nicht so recht weiss, was ich von Deinen Aussagen zu halten habe bzw. halten will.

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  4. Ja gibt es denn die Jüdische Weltverschwörung oder die jüdischen terroristen oder die Planer des Jüdischen Weltgottesstaates oder gibt es sie nicht?

    Ich habe immer noch keine substantielle Antwort auf meinen Kommentar erhalten.

    Dabei fällt mir ein:

    „Zentralrats-Vize Dieter Graumann warnt vor der Gefahr des wachsenden Antisemitismus unter muslimischen Migranten. Den muslimischen Communities wirft er mangelndes Engagement vor.“

    http://www.focus.de/politik/deutschland/zentralrat-der-juden-vize-graumann-attackiert-muslimische-communities_aid_482659.html

    Und hier:

    „Hahn rügt muslimische Gemeinde – Der hessische Justiz- und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) hat führende Mitglieder der Hazrat-Fatima-Moschee-Gemeinde in Frankfurt aufgefordert, sich von antiisraelischen Äußerungen zu distanzieren. „Ich erwarte eine klare Abgrenzung von allen Äußerungen, die das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellen.“ Hahn bezog sich auf eine jetzt bekanntgewordene Freitagspredigt des Imams der Gemeinde, Sabahattin Türkyilmaz. In der Predigt vom 18. September 2009 zum Ende des Fastenmonats Ramadan hatte der schiitische Geistliche gesagt: „Möge Allah das besetzte Palästina aus den Händen der Zionisten befreien.“ Wenn die Muslime der Einladung des verstorbenen Imams Khomeini gefolgt wären, „würde Palästina heute nicht mehr unter Besatzung und Unterdrückung leiden“. Hahn sagte, dass er ein klares Bekenntnis zu den Grundwerten „unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ erwarte. Für die Landesregierung könne es keine Zusammenarbeit bei der geplanten Einführung eines islamischen Religionsunterrichts mit Personen oder Vereinigungen geben, deren Äußerungen Zweifel daran lassen.“

    http://www.faz.net/p/Rub867F03D44419425ABE6DCC0E9D5A8505/Dx1~E2131E875EC191CEAF4B51022E6EF7949~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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