Christlicher Antijudaismus revisited

Lammfromme Solidarität mit Israel – welches Israel genau gemeint sein soll, darf unklar bleiben – gepaart mit einer gehörigen Portion von Verachtung für jüdischen Glauben und Traditionen. All dies lässt ein Harald Fölsch aus Stuttgart in die Forderung einmünden: „Bringt das Evangelium dem jüdischen Volk“. Wie meinte der württembergische Landesrabbiner Joel Berger: „Die Judenmission ist für mich Fortsetzung des Holocaust mit anderen Mitteln.“

Es ist kaum zu fassen:

Unglücklicherweise sind die Juden seit Jahrhunderten von den meisten Verkündigern des Evangeliums übersehen worden. Zerstreut unter den Nationen, erfuhren sie unbeschreibliche Nöte und Leiden.

So packt man uralten christlichen Antijudaismus in warme Worte, denn eigentlich will der Autor sagen: Das Leid der Juden hat damit zu tun, dass diese nie zum Glauben an „unseren“ Herrn Jesus Christus gekommen sind. Juden haben unsagbares Leid erfahren müssen – “ sogar Gläubige zeigten nur wenig Zuneigung und Verständnis“. Was der Verfasser genau meint, wenn er von Zuneigung und Verständnis gegenüber verfolgten Juden spricht, macht er unmissverständlich deutlich:

Manche Christen denken: „Gott hat Sein Volk verworfen!“ Aber der Apostel Paulus stellt fest: „Keineswegs! Ich bin doch auch ein Israelit. Gott hat sein Volk nicht verstoßen!“ (Römer 11,1.2). Im Gegenteil: Nicht Gott, sondern die Christen haben die Juden verstoßen!¹ Manche mögen einwenden: „Sie haben Mose und die Propheten, lasst sie auf diese hören!“ (Lukas 16,29). Doch woher sollen sie erfahren, dass sich die messianische Prophetie erfüllt hat, wenn sie es niemals im Neuen Testament lesen? Andere sagen: „Lasst sie in Ruhe! Sie sind Gottes Volk und nun wieder in ihrem Land!“ Jedoch nach der Aussage der Bibel genügt es nicht, wieder im Land zu sein, sie müssen zu Gott zurückkehren.

Was diese Zeilen atmen, ist nichts weniger als jener absolut abstoßende „christliche“ Zionismus, der stark für die „Heimkehr des jüdischen Volkes“ ins Heilige Land plädiert, weil so das Kommen des Jüngsten Tags beschleunigt werden kann. Die Kirsche auf der Heils-Torte: Alle Juden lassen sich in Eretz Israel bekehren zum einzig wahren Glauben.

All jene, die jüdischen Kritikern israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik Antisemitismus vorwerfen, sollten sich umschauen: „Messianisches Bibelstudium“ is on the rise.

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