Manufactured Consent: Ist die „Causa Käßmann“ nicht eigentlich eine „Causa Merkel“?

Kann nicht gerade behaupten, ich sei ein großer Fan der EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann – und das liegt nicht nur an ihrer frisurästhetischen Nähe zu Fußballbundestrainer Jogi Löw. Für mich verkörpert Käßmann eine Art gelebter Christentümlichkeit, das sich immer im Konsens mit dem jeweiligen Zeitgeist weiss, windschnittig könnte man das nennen. Gleichwohl: Die von maßgeblichen Medienorganen vom Zaun gebrochene „Debatte“ um die von ihr in ihrer in einer in Dresden gehaltenen Neujahrspredigt geäußerte (vermeintliche) Kritik an der Afghanistan-Politik der Bundesregierung ist nichts Anderes als ein Lehrbuchbeispiel für manufactured consent (Chomsky, Herman), konstruierte Einigkeit im Hinblick darauf, dass es zumindest problematisch ist, die Bundesregierung und die Bundeswehr im Einsatz zu kritisieren. Das belegen u.a. die 520 Artikel, die Google nach dem Klick auf den News-Knopf zu „Margot Käßmann“ ausgespuckt hat, sowie die Qualität solcher Artikel wie der von SpOnti Reinhard Mohr oder des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks in der Welt (sic!). Während Mohr anlässlich eines Auftritts der Käßmann bei Beckmann Beobachtungen, die nicht von der Hand zu weisen sind, mit dem üblichen hämischen Pragmatismus eines Redaktionskollegen von Henryk M. Broder  mischt

Während sie auf der einen Seite klare Worte einer moralischen Kritik fand, verfällt sie – wie am Montagabend bei „Beckmann“ – selbst in den verharmlosenden Jargon des geschäftstüchtigen Politsprech, in dem von einer „konkreten Abzugsperspektive“, „Exitstrategie“ und „selbst tragender Sicherheit“ schwadroniert wird. Über die tatsächlich beklagenswerte Wirklichkeit im geschundenen Afghanistan sagen solche Worthülsen gar nichts.

Aber um die Wirklichkeit ging es bei „Beckmann“ auch nicht, schon gar nicht jene in Afghanistan oder der Bundeswehr. Vielmehr ging es um einen Diskurs über den Diskurs, um den Duft der Metaebene, um die Selbstdarstellung von Akteuren in der Mediengesellschaft. Und wer wollte da nicht der Gute und Wohlmeinende sein?

Umso mehr, als die Deutschen, 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nie mehr auf der falschen Seite stehen, nie mehr Täter sein wollen. Dann schon lieber Opfer. Und sei es Opfer einer Gespensterdebatte, in der Moral zum selbst tragenden Label, zum Markennamen wird.

– einem Pragmatismus, der letzten Endes auf nichts Anderes hinauswill als auf die ewige Konventionistenformel „Wer motzt, soll es doch besser machen“, kann man über Ralf Fücks eh nur noch mitleidig mit dem Kopf schütteln und dem Verfasser der folgenden Zeilen vorbehaltlos zustimmen:

Geradezu staatstragend hatte der Grüne Fücks die evangelische Bischöfin Käßmann für etwas getadelt, was nach dem Verständnis seiner linken Partei-Kollegen ein Ur-grünes Anliegen ist, nämlich die realistische Einschätzung, dass der Afghanistan-Konflikt nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden kann. […] Bei all dem aber, was das Volk in großer Zahl in Umfragen und Kommentaren verlauten lässt, liegt auf der Hand, dass eben „jene Mehrheit“ den Bundeswehreinsatz lieber heute als morgen beendet sehen will, und dafür, das ist wohl unbestritten, gibt es auch gute Gründe. Einige dieser Gründe hat Frau Käßmann in ihrer Predigt genannt und es ist schon verwunderlich, dass Herr Fücks als Vorstand der Böll-Stiftung in das Horn derer stößt, die ihre Zustimmung zu derlei Kriegsspielchen schon allein aus Staatsräson-Gründen vertreten müssen. Möchte Herr Fücks sich für höhere Aufgaben empfehlen, wenn die Schwarz-Gelbe-Truppe nach ihrem zweiten Reset auch noch blau anläuft und ihren Rückzug angetreten hat? Gelb-Blau ergibt ja bekanntlich Grün.

Lecko mio. Welche Faktoren aber spielen denn nun die Hauptrolle dabei, dass eine – zugegeben hochrangige – Vertreterin hiesiger Kirchlichkeit sich vor den Zentralorganen der maßgeblichen meinungsbildenden Medien anscheinend rechtfertigen soll, und zwar für Äußerungen, die in ihrer Zahnlosigkeit geradezu bestürzend anmuten? Mal ehrlich, mir will nicht einleuchten, was an Aussagen wie der folgende, so richtig sie auch ist, so dermaßen – wie soll ich sagen – aufsehenswürdig sein soll:

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.

Wer könnte sich an solch lauwarmer Rhetorik stören? Am ehesten dann doch wohl -welch Ironie – die hiesigen C-Parteien mit ihrer Bundeskanzlerin Merkel, denn, so der kritische CDU-Verteidigungspolitker Wimmer, der genau das verkörpert, was Heiner Geissler gern sein würde, ein querdenkender Politiker „aus dem Glauben“ (Walther Dirks):

Die CDU stand – wer wollte, der konnte das mühelos erkennen – den Kriegen à la Clinton, Bush und Blair aufgeschlossener gegenüber als Friedens- und Verständigungsbemühungen der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
Margot Käßmann macht mit ihren offenen Worten die Afghanistan-Präsenz deutscher Soldaten zu einer „Causa Merkel“. Sie nimmt der Regierung gleichsam jede Chance, das Thema in einem Untersuchungsausschuss des Bundestages abzulegen. Die Bischöfin interveniert zur rechten Zeit, denn Ende Januar 2010 soll es bekanntlich in London eine Afghanistan-Konferenz geben, an der unser Außenminister möglichersweise nicht einmal teilnehmen will. Wann eigentlich, wenn nicht jetzt, will die Kanzlerin nach acht Jahren eines menschlich und finanziell verlustreichen Krieges vor den Bundestag treten, um Grundzüge und Ziele ihrer Afghanistan-Politik ohne Schönfärberei darzulegen? Ist sie nicht Chefin der Bundesregierung? Hat nicht gerade sie die Dinge offen beim Namen zu nennen? Oder ist der neue Verteidigungsminister mittlerweile der spiritus rector der Bundesregierung?

Ist es womöglich die Frage nach Alternativen, die den Blätterwald bzw. Deutschlandradio heute morgen in Wallung bringen? Haben besagte Organe die Thatcher-Formel „T.I.N.A.“ – There is no alternative – so dermaßen verinnerlicht, dass allein der Hinweis, dass Überlegungen und Konzepte für die Bereitung eines für die afghanische Bevölkerung künftig gangbaren Weges, die eben nicht militärisch  geprägt bzw. umsetzbar sein müssen, wie Ketzerei wirken?

Wie dem auch sei, das erlaubte Maß an Kritik an Einsätzen der Bundeswehr ist hier und heuer immer mehr in Richtung Schmalhans geschrumpft- oder warum meint Käßmann, auf die Einladung von Verteidigungsminister zu Guttenberg eingehen zu müssen, und „unsere Jungs“ in Afghanistan zu besuchen? Und nurAllah weiss, warum ihre Heiligkeit unbedingt zu Beckmann musste…

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